Radikalisierung einer Generation: Warum junge Menschen in Sachsen nach rechts driften

Video: Buchbesprechung: "Die Jugend malt wieder Hakenkreuze" von Manuela Müller (7 Min)

Neues Buch

Stand: 02.08.2026 16:36 Uhr

Die Journalistin Manuela Müller aus Zwickau analysiert in ihrem Buch, was junge Menschen in ihrer Heimat Sachsen nach rechts driften lässt – und was der Umbruch im Osten in den 90er Jahren damit zu tun hat. Präzise und schonungslos zeigt sie, wie Radikalisierung in Sprache, Symbolen und Alltagskultur beginnt, wie das Simson-Treffen in Zwickau DDR-Kult und Hitlergrüße vereint – und wie die AfD punktet.

von Tom Fugmann, MDR Kulturdesk

  • Die Lokaljournalistin verbindet persönliche Erfahrungen mit fundierter Recherche.
  • Für ihr Buch führte sie Gespräche mit Eltern, Jugendlichen, Lehrern, Polizisten und Experten.
  • Präzise zeigt sie, wie die Suche nach Identität und Anerkennung junge Menschen anfällig für rechtsextreme Angebote machen kann und warum Rechts-Sein kein Randphänomen mehr ist.

Ein Sommertag auf dem Zwickauer Marktplatz mitten im Zentrum. An einem Laternenmast, gut sichtbar, aufgesprüht, ein Hakenkreuz. Niemand stört sich daran. Ganz so, als würde dieses Symbol des Nationalsozialismus zum normalen Stadtbild gehören.

Jung und rechts in Sachsen: Buch über Radikalisierung einer Generation

"Da ist eine Werbung für eine Heinz-Erhardt-Show darüber plakatiert. Die war am 7. Februar. Das heißt für mich, mindestens seitdem laufen hier Menschen dran vorbei", erklärt Manuela Müller. Die Journalistin lebt in Zwickau und arbeitet seit den Nullerjahren für die Regionalzeitung "Freie Presse". Für ihre Gesellschaftsreportagen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Nun erkundet sie im Buch "Die Jugend malt wieder Hakenkreuze" ausführlich, warum junge Menschen in ihrem direkten Umfeld nach rechts driften und rechtsextreme Symbole sowie Einstellungen wieder sichtbar und anschlussfähig werden.

Frau zeigt auf Laternenmast mit Hakenkreuz: Autorin Manuela Müller in Zwickau

Ein Hakenkreuz mitten in Zwickau: Dass es dort seit Monaten zu sehen ist, findet die Journalistin Manuela Müller bezeichnend.

Ich versuche, den Menschen ins Leben zu schauen. Manuela Müller, Journalistin

Die Hakenkreuze sind keine Besonderheit eines bestimmten Ortes, sondern Symptome einer Krankheit, die ganze Landstriche in Deutschland befallen hat, schreibt Manuela Müller. Ihre Heimat zeichnet sie keineswegs als verlorenes Land. Gerade deshalb schmerzt sie, was sie beobachtet. So berichtet sie von einer Mutter, deren 13-jähriger Sohn irgendwann nach Hause gekommen sei und erklärt habe: "Ich bin rechts." "Bei diesem Jungen ging das los mit einer Klamotte", erzählt Müller im artour-Gespräch. "Beim Einkaufen hat er sich eine Bomberjacke ausgesucht. Die Mutter dachte sich da relativ wenig dabei." Von ihr habe sie dann gehört, in der kleinen Stadt, wo sie lebe, führe der Schulweg ihres Sohnes immer an einem Werbestand der AfD vorbei. "Da gab es Sticker, da gab es Gespräche, keine andere Partei hat dort Wahlkampf gemacht."

Manuela Müller sucht keine einfachen Erklärungen. Sie führte für ihr Buch lange, intensive Gespräche mit Eltern, Lehrern, Sozialarbeitern und Jugendlichen, die früher selbst rechts waren. Sie sieht sich als Beobachterin, aber "nicht aus der Vogelperspektive". Es geht ihr um "das Analytische, das Zeigen": "Also ich versuche, den Menschen ins Leben zu schauen."

Simson-Treffen in Zwickau: DDR-Kult und "Abhitlern"?

So wie bei einem Simson-Treffen in Zwickau. Eigentlich eine Traditionsveranstaltung vor allem ostdeutscher Fans für ein Moped, das seit der Wende nicht mehr gebaut und trotzdem noch scheinbar unverwüstlich gefahren wird. Manuela Müller schreibt über junge Männer und alte Maschinen – und sie beobachtete vor Ort, wie die Stimmung kippt.

Mann mit Gasmaske auf Moped: Simson-Treffen Zwickau

Deutschlands größtes Simson-Treffen fand im Juli wieder in Zwickau statt. Tausende feiern ihre DDR-Mopeds friedlich, manche martialisch.

"Ich habe dort einen ganzen Tag verbracht und erlebt, wie stolz diese Jungs auf dieses Moped sind", erzählt sie. "Aber was ich auch erlebt habe: Als dort genug Alkohol unterwegs war, wurde der Hitlergruß gemacht. Nicht nur einer. Es ging das los, was man 'Abhitlern' nennt. Mir begegnete auch ein Mädchen mit einer Art Warnweste mit Hakenkreuzen drauf."

Nachwende-Trauma: Ostkinder, die Rache nehmen?

Woher kommt diese Faszination der Jugend für die Rechten, vor allem in Ostdeutschland? Dieser Frage geht Manuela Müller nach. Viele Ostfamilien haben ihr eigenes Trauma, sagt sie. Die Eltern und Großeltern wuchsen in der DDR auf, wo der Staat vieles regelte. Auf den Mauerfall 1989 folgten nicht selten Arbeitslosigkeit, soziale und persönliche Krisen, auch verbunden mit Alkohol und Drogen. Ostkinder, die Rache nehmen für die Ohnmacht von Eltern und Großeltern –geht so eine mögliche Erklärung für den Rechtsruck in Sachsen?

Wandbild in einer Ruine: Gesichter mit leeren Augen und Schriftzug Afd
Der Frust wird in Familienerzählungen weitergegeben. Manuela Müller, Journalistin

"Traumata vererben sich", sagt Müller. Über Familienerzählungen werde der Frust weitergegeben. "Wenn ich so aufwachse und die Angst, alles zu verlieren, real und allgegenwärtig ist, dann ist man anfällig für Populismus und auch für Extremismus."

Der Soziologe und Politikwissenschaftler Johannes Kies von der Leipziger Universität erforscht Ursachen und Motive für rechtsradikale Einstellungen. Auch er ist überzeugt, dass negative Transformationserfahrungen der 90er-Jahre von Großeltern und Eltern über Generationen hinweg eine Rolle spielen. "Und diese jungen Menschen heute treten dann auf mit dem Gestus: 'Ich mache jetzt mal was dagegen. Ich weiß, die meisten sind eh auf meiner Seite, haben was gegen Migration, sind auch frustriert.' Das ist natürlich das, wo sich junge Männer stark fühlen und dann aufspielen können."

Junger Mann mit Brille und weißem Hemd: Politikwissenshcaftler Johannes Kies

Johannes Kies von der Leipziger Universität erforscht Ursachen für rechtsradikale Einstellungen und hält Nachwende-Traumata, die über Generationen weitergegeben werden, für ein Motiv.

Und diese jungen Menschen treten dann auf mit dem Gestus: 'Ich mache jetzt mal was dagegen. Johannes Kies, Soziologe und Politikwissenschaftler Uni Leipzig

Mut zur Zivilcourage

Manuela Müller beschreibt die schleichende Radikalisierung des Alltags. Auf Marktplätzen, Schulhöfen, bei Volksfesten, auf dem Garagenhof. Wenn Rechtsextremismus zur Norm wird und Zivilcourage außergewöhnlich. Und sie nimmt sich selbst bei der Beobachtung nicht aus: "Ich war neulich mit meinem Vater im Krankenhaus", erzählt sie im artour-Gespräch aus ihrem Alltag. "Im Wartebereich tauchte eine Frau mit Kopftuch auf und zwei Männer begannen, Witze über sie zu machen. Ich war hin- und hergerissen, ob ich das schlucke." Am Ende sei sie nicht in die Diskussion gegangen, gesteht sie. "Solche Momente kennen wahrscheinlich viele, wenn Dinge geäußert werden, die einen sprachlos machen. Wir sind eben auch Konfliktvermeider und das ist, glaube ich, ein Stück weit Überlebensstrategie."

Frau hält Buch in Händen: Autorin Manuela Müller

Manuela Müller analysiert in ihrem Buch "Die Jugend malt wieder Hakenkreuze" präzise und schonungslos, dass rechte Einstellungen kein Randphänomen mehr sind.

Manuela Müllers Buch ist eindringlich, weil darin präzise und schonungslos erzählt wird, dass das, was viele für ein Randphänomen halten, längst zur Normalität geworden ist. Auch in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Das ist mutig und unbequem zugleich.

Weitere Informationen zum Buch

Manuela Müller
Die Jugend malt wieder Hakenkreuze – Von der Radikalisierung einer Generation
Verlag Klett-Cotta
240 Seiten
ISBN: 978-3-608-50298-5

Machen Sie MDR.de zur bevorzugten Nachrichten-Quelle bei Google

Quelle: artour - MDR Fernsehen (Tom Fugmann)
Redaktionelle Bearbeitung: ks