Stand: 11.07.2026, 10:00 Uhr
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Online-Gruppen lösen Kriminalfälle – manchmal schneller als die Polizei. Eine Gruppe spürte einen Täter auf, indem sie jedes Detail in seinen Videos analysierte.
Frankfurt – Menschen, die sich im Internet als Amateurdetektive betätigen – das war vor einigen Monaten auch in Frankfurt bei der Entführung des achtjährigen Noah zu beobachten. Experten wie die Medienwissenschaftlerin Anne Ganzert nennen dieses Phänomen Web-Sleuthing. Im Interview mit Redakteurin Brigitte Degelmann spricht sie über die Beweggründe dieser Hobby-Detektive, ihre Arbeitsweise und über einen spektakulären Kriminalfall, der mithilfe von Web-Sleuths gelöst werden konnte.
Die Forschungsgruppe
Seit September 2025 baut die Medienwissenschaftlerin Anne Ganzert an der Philipps-Universität Marburg eine Forschungsgruppe zum Thema „Web-Sleuthing – Medienpraktiken kriminalistisch ermittelnder Amateure“ auf. Diese beschäftigt sich damit, wie soziale Medien, Foren und Plattformen genutzt werden, um Spuren zu suchen, Theorien zu entwickeln oder andere zu mobilisieren. So will man herausfinden, wie es zu solchen ehrenamtlichen digitalen Kooperationsformen kommt und wie genau die Hobbydetektive digital zusammenarbeiten. Auch die Chancen und Risiken solcher Online-Ermittlungen wollen die Forschenden beleuchten – etwa für den Schutz der Privatsphäre, den Umgang mit Falschinformationen oder die Zusammenarbeit mit offiziellen Stellen. Das Projekt ist auf sechs Jahre angelegt und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 1,8 Millionen Euro gefördert.
Frau Ganzert, in Ihrem Forschungsprojekt beschäftigen Sie sich mit Web Sleuthing, also Gruppen von Amateurdetektiven, die im Internet nach Spuren suchen, um Kriminalfälle zu lösen. Was treibt diese Menschen an?
Vielen geht es darum, mit anderen an einem Problem zu arbeiten, sozusagen mit Schwarm-Intelligenz ein Rätsel zu lösen - nach dem klassischen Prinzip „1000 Augen sehen mehr als zwei“. Das ist für manche wie Detektiv-Spielen. Es kann aber auch problematisch sein, weil es häufig doch um Menschenleben geht. Und wenn ich da manche Kommentare lese, da muss ich schon schlucken. Die meisten engagieren sich aber ehrlich für die gute Sache, und viele Web-Sleuths haben auch ein persönliches Interesse an einem Fall.
Inwiefern?
Wenn man sich mit Biografien von Web-Sleuths auseinandersetzt, ist es häufig so, dass sie von einem Fall angefixt wurden, vielleicht durch einen persönlichen oder örtlichen Bezug – weil vielleicht im eigenen Dorf jemand verschwunden ist. Dann kann es zu einer Paarung zwischen diesem persönlichen Interesse und dem persönlichen Skill-Set kommen.
Also den Kenntnissen und Fähigkeiten einer Person.
So ist es. Und dann greift eben das Webphänomen, dass eine Online-Community entsteht, die natürlich auch sozial funktioniert, in der es Interaktion gibt – mit Leuten, die dann vielleicht relevante Hinweise an die Polizei geben können. Letztlich ist dieses Phänomen so alt wie die Menschheit: diese Faszination, aber auch das Entsetzen an den Taten anderer. Das ist sehr menschlich und wird jetzt durch diese ganzen Online-Phänomene und -Praktiken nochmal gedoped. Mittlerweile gibt es ein paar Schlüsselfiguren zu bestimmten Fällen, die zu Beispiel unidentifizierten Toten einen Namen gegeben haben. Oder die sich darauf spezialisiert haben, aus Schädeln Gesichtsrekonstruktionen zu machen. Anhand dieser simulierten Bilder konnten zum Beispiel schon Vermisstenfälle geklärt werden.
Können Sie Beispiele dafür nennen, wie Verbrechen durch den Einsatz solcher Hobby-Detektive aufgeklärt werden konnten?
Es gab vor ein paar Jahren diese „Don‘t F**k with Cats“-Dokumentation auf Netflix. Da hat ein junger Mann im Internet Videos davon hochgeladen, wie er in seiner Wohnung Katzen gefoltert und getötet hat, was weltweit Internetnutzer entsetzt hat. Daraufhin entstand eine kleine Gruppe von Web-Sleuths, die den stoppen wollten.
Wie ist sie dabei vorgegangen?
Die Leute haben komplett auseinandergenommen, was ist in dem betreffenden Apartment zu sehen war. Zum Beispiel wurde anhand von einer Steckdose festgestellt, dass das in Kanada passiert sein muss. Und anhand von einem kleinen Ausblick aus dem Fenster fand man heraus, in welchem Haus der Täter wohnt. Damals wusste noch niemand, dass der Fall völlig eskalieren wird, weil dieser Mann dann auch einen Menschen umgebracht hat. Aber aufgrund der Vorarbeit der Web-Sleuths konnte die Polizei den Täter schneller identifizieren.
Ist Web-Sleuthing eigentlich ein neues Phänomen?
Ja und nein. Die Tätigkeit ist nicht wirklich neu – denken Sie zum Beispiel an die TV-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“, bei der Zuschauer Hinweise zu ungelösten Kriminalfällen geben können. Aber ich würde schon sagen, dass es einen Aufschwung gegeben hat, der zum einen sicher durch Social Media begünstigt worden ist, zum anderen durch den großen Erfolg von True-Crime-Formaten, also Dokumentationen über wahre Verbrechen.
Wie viele Menschen betreiben eigentlich Web-Sleuthting?
Das ist schwer zu sagen. Auf der weltweit größten Plattform sind über 250.000 Menschen aktiv. Dazu kommen zum Beispiel Facebook-Gruppen für einzelne Fälle. Da können fünf Leute drin sein oder 5000. Weltweit sind es sicherlich Millionen Menschen, die das betreiben, wobei der Schwerpunkt in den USA liegt.
Warum?
Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Rechtslage in den Vereinigten Staaten eine andere ist. Zum Beispiel werden mehr Informationen und Indizien an die Öffentlichkeit gegeben. Hierzulande ist man bei Indizien oder Verdachtsmomenten verhaltener, weil die Polizei nicht mutmaßt und nur gesichertes Wissen herausgibt, während in den USA schneller Informationen preisgegeben werden, die mit dem Verbrechen zu tun haben, aber sozusagen noch in der laufenden Ermittlung sind. Web-Sleuths spezialisieren sich außerdem besonders gerne auf alte Fälle, sogenannte Cold Cases, weil der Reiz eines Falls, der schon 20 Jahre ungelöst ist, für Rätselfans sehr groß ist. Da ist es in den USA aber auch einfacher, an die Akten zu kommen, als hier.
Die Polizei hat gegenüber dem Phänomen Web-Sleuthing allerdings einige Vorbehalte – auch deshalb, weil es dabei zu falschen Verdächtigungen kommen kann.
Ja, so etwas ist immer problematisch, vor allem dann, wenn solche Verdächtigungen öffentlich sind. Wenn Leute an den Pranger gestellt oder Gerüchte verbreitet werden. Das möchte die Polizei natürlich nicht. Grundsätzlich ist für sie auch wichtig, dass sich die Menschen, die Web-Sleuthing machen, nicht in Gefahr begeben und die Ermittlungen nicht gefährden, indem sie zum Beispiel eine Person direkt angehen. Denn so etwas erhöht das Fluchtpotenzial möglicher Täter und das Risiko, dass Beweise vernichtet werden.
Passiert so etwas häufiger?
Nein, meines Wissens sind das Einzelfälle. Das wird auch innerhalb der Community reguliert. Wenn zum Beispiel in einem Diskussionsforum jemand ausrastet und schreibt, man müsste dem Täter die Reifen zerstechen, dann gibt es in der Regel andere Stimmen, die dann sagen, ‚hey, das machen wir nicht, dafür sind wir nicht hier‘. Oder der Kommentar wird gelöscht. Das ist kein Hexenkessel der Selbstjustiz, sondern bleibt normalerweise in geregelten Bahnen. Und wenn sich 100 Leute mit einem 20 Jahre alten Mordfall beschäftigen, dürfte das ist der Polizei herzlich egal sein. Übrigens gibt es sogar ein Projekt der zentralen europäischen Polizeibehörde Europol, das auf die Mitarbeit von Laien setzt.
Tatsächlich?
Ja, das nennt sich „Stop Child Abuse – Trace an Object“. Da stellt man Bildern von Gegenständen ins Internet, die mit Fällen von Kindesmissbrauch zusammenhängen. Zum Beispiel Einzelteile aus Bildern von kinderpornografischem Material – etwa Embleme auf T-Shirts von Tätern. Das kann unter Umständen dazu führen, Leute zu identifizieren. Und das ist ja auch eine Art Öffentlichkeitsfahndung.
Der Fall Noah
Auch in Frankfurt hat das Phänomen Web-Sleuthing schon für Schlagzeilen gesorgt. Etwa bei der mehrtägigen Suche nach dem achtjährigen Noah vor einem halben Jahr, die nicht nur die Polizei in Atem hielt, sondern auch Tausende von Internet-Nutzern. Sie teilten beispielsweise Suchaufrufe in sozialen Medien – bis sich nach einigen Tagen herausstellte, dass das Kind offenbar von seiner Mutter entführt worden war.