Die Nachricht muss vielen wehgetan haben, auch denen, die erleichtert sein werden über ihren Inhalt: Um das derzeitige Überangebot an Rosé- und Rotweinen aus Rheinhessen und Württemberg abzubauen und damit Winzer dort ihre Keller frei bekommen für den aktuellen Jahrgang, ist ihnen die Krisendestillation erlaubt worden. Wein darf ausnahmsweise gebrannt und zu hochprozentigen Produkten für industrielle Zwecke weiterverarbeitet werden. Das wird mit bis zu knapp 60 Cent je Liter gefördert, rund 14 Millionen Euro stellt die EU nach Angaben der Landwirtschaftsministerien beider Länder dafür zur Verfügung.
Interventionen zur Marktentlastung sind in der Agrarpolitik gängig, im Weinbau werden sie aber immer noch als ungewöhnlich wahrgenommen. Der jetzige Eingriff trägt im Namen, worum es geht, eine Krise. Bei der ist heute nicht mehr die Frage, ob sie die Branche mit Wucht erreichen wird, denn das hat sie getan. Längst schon geht es darum, Anbau, Herstellung und Vermarktung des Kulturproduktes Wein neu zu ordnen. Weltweit sinkt der Weinkonsum. In allen wichtigen Anbauländern sind die Erntemengen größer als der Verbrauch. Vor allem Rotwein verliert an Bedeutung, wovon auch im Bordeaux und im Rioja ein trauriges Lied gesungen werden kann.
Krise ist global und lokal
Am augenfälligsten vom Absatzrückgang betroffen ist aktuell der Offenwein, aber nicht nur die Produzenten von Fassweinen haben es schwer zurzeit. In Rheinhessen, Deutschlands größtem Anbaugebiet, könnten nach einer Vorhersage, die 2025 von der Landesregierung in Mainz öffentlich gemacht wurde, in naher Zukunft bis zu 30 Prozent der Betriebe aufgeben. Für den Rheingau, eines der kleinen unter den 13 deutschen Anbaugebieten, prognostizieren Skeptiker, dass bis zu 700 von heute rund 3100 Hektar in den nächsten Jahren gerodet werden könnten – die Weinkrise ist global, und lokal ist sie auch.
Anpassungen sind unvermeidlich, und sie sind auch schon im Gang, jetzt müssen sie forciert werden. Betriebe müssen ihr Sortiment und ihre Vertriebswege auf den Prüfstand stellen, die Politik muss helfen, Strukturen zu bereinigen. Dass die EU mit Millionen von Euro die Vernichtung von Wein fördert, bleibt im besten Falle eine Ausnahme.
Von der Ausnahme zur Regel wird mehr und mehr das von Weinbauverbänden geforderte Prinzip der Rotationsbrachen, und das ist gut. Winzer, die aufgegebene Weinberge roden lassen und dafür eine Prämie bekommen, verlieren dabei nicht das Pflanzrecht. So bleibt ihnen gleichsam Zeit zum Luftholen, während die Flächen anderweitig genutzt werden können. Der von Reben geprägten Kulturlandschaft, die sich notgedrungen verändern wird, bleibt so ein unkontrollierter Wildwuchs erspart, hoffentlich noch lange.