Weiteres Geheimnis des fabelhaften Narwalstoßzahns gelüftet

Meisterwerk der Evolution

Weiteres Geheimnis des fabelhaften Narwalstoßzahns gelüftet

Lange hielt man den Eckzahn für das Horn des Einhorns. Nun konnten Forschende klären, warum der Eckzahn trotz seines spiraligen Aufbaus stets ziemlich gerade ist

Klaus Taschwer

Sechs Narwale im ultramaringrünen Meer
Eine kleine Gruppe männlicher Narwale, die nordwestlich von Grönland im Meer schwimmt.

Jahrhundertelang war der Stoßzahn des Narwals einer der kostbarsten Gegenstände Europas: Könige horteten ihn in ihren Schatzkammern, Kirchen bewahrten ihn als Reliquie auf, Ärzte vermahlten ihn zu Pulver gegen Krankheiten wie die Pest. Das lag nicht zuletzt daran, dass man im Mittelalter die rund zwei Meter langen, spiralförmig gedrehten Zähne vielfach für die Hörner von Einhörnern hielt.

Der Narwal, ein in den arktischen Gewässern lebender Zahnwal, wurde so zum unfreiwilligen Lieferanten eines der langlebigsten Mythen der europäischen Kulturgeschichte, der bis heute von der Spielzeug- und Unterhaltungsindustrie erfolgreich kommerzialisiert wird. Solange die Herkunft der begehrten "Einhornhörner" unbekannt blieb, wurden sie mit Gold aufgewogen. Zeitweise soll ihr Wert das Zwanzigfache ihres Gewichts in Gold erreicht haben.

Eine Narwalschnautze samt dem Beginn des Narwalzahns.
Großaufnahme des Narwalstoßzahns, der eigentlich ein linker Eckzahn ist. Gut zu erkennen ist die gewundene Struktur.

Erst im 17. Jahrhundert begann die Legende zu bröckeln. Nordische Walfänger gelangten zunehmend direkt an die begehrten Stoßzähne und machten ihre Herkunft bekannt. Der dänische Arzt und Naturforscher Ole Worm erkannte 1638, dass die vermeintlichen Einhornhörner in Wirklichkeit Zähne eines Meeressäugers waren. Das hinderte den dänischen König Christian V. nicht daran, bei seiner Krönung im Jahr 1671 auf einem Thron zu sitzen, der vollständig aus Narwalzähnen gefertigt worden war.

Erstaunliches Naturgebilde

Dennoch sollte es noch einige Zeit lang dauern, ehe der Narwalzahn als das betrachtet und untersucht wurde, was er tatsächlich ist: kein magisches Artefakt, sondern eines der faszinierendsten biologischen Gebilde der Natur. Heute weiß die Wissenschaft, dass der charakteristische Stoßzahn aus einem verlängerten linken Eckzahn entsteht, lebenslang wächst und eine Länge von drei Metern erreichen kann. Seine Funktionen sind nach wie vor Gegenstand der Forschung. Erst unlängst kam eine Studie auf 17 Verhaltensweisen, bei denen die rund fünf Meter langen Narwale ihre Hörner verwenden.

Zwei Narwale halten ihre Stoßzähne aus dem Wasser, dahinter ist Meereis.
Narwale präsentieren ihre Stoßzähne – eine der zahlreichen Verhaltsensweisen, bei denen die bis zu drei Meter langen Gebilde eingesetzt werden.

Zum einen dürften sie als Merkmale der sexuellen Selektion dienen – vergleichbar mit dem Geweih eines Hirsches oder dem Pfauenschweif. Auf diese Weise signalisiert der Stoßzahn vermutlich soziale Stellung und körperliche Fitness. Andererseits ist er ein hochsensibles Sinnesorgan: Er enthält Millionen von Nervenenden, mit denen Narwale Temperaturunterschiede, Druckveränderungen und möglicherweise sogar Veränderungen der Wasserzusammensetzung wahrnehmen können. Videoaufnahmen aus der kanadischen Arktis dokumentierten zudem, wie Narwale ihre Stoßzähne einsetzen, um kleine Fische zu betäuben und leichter zu erbeuten.

Gewunden und kerzengerade

Nun liefert eine neue Studie in Nature Communications weitere, buchstäbliche Einblicke in den Narwalzahn, der nicht zuletzt auch deshalb fasziniert, weil er als Ganzer völlig gerade ist, obwohl er aus einer gewundenen, gegen den Uhrzeigersinn gedrehten Struktur besteht. Ein großes internationales Forschungsteam um Marianne Liebi (EPFL und Paul Scherrer Institut in der Schweiz) und Henrik Birkedal (Universität Aarhus) durchleuchtete die innere Struktur des Stoßzahns deshalb mit mehreren modernen Bildgebungsverfahren, um dem Rätsel auf die Spur zu kommen.

Farbige 2D-Zahnquerschnitte, die Aufschlüsse über die Gerichtetheit des Aufbaus geben.
Der mit Röntgenstrahlen durchleuchtete Zahnquerschnitt gibt Hinweise auf den komplexen Aufbau, der aus zwei gegenläufigen Strukturen besteht.

Bei den Analysen zeigte sich, dass die markante Spirale nicht bloß eine Oberflächenerscheinung ist. Vielmehr setzt sich das Muster bis in die mikroskopische Ebene fort. Die Forschenden entdeckten, dass die Kollagenfasern, aus denen der Zahn aufgebaut ist, in zwei gegensätzlichen Spiralstrukturen organisiert sind. Die äußere Schicht bildet eine linksgängige Helix, während die innere Zahnbeinschicht eine rechtsgängige Helix aufweist.

Dieses Zusammenspiel gegensätzlicher Strukturen dürfte laut den Forschenden erklären, warum der Zahn trotz seiner enormen Länge bemerkenswert gerade wächst und dennoch seine charakteristische Spirale behält. Die neuen Erkenntnisse zeigen mithin, wie biologische Strukturen über viele Größenskalen hinweg organisiert sein können – von molekularen Bausteinen bis hin zu einem mehrere Meter langen Zahn. Was einst als Beweis für die Existenz eines Fabelwesens galt, entpuppt sich damit – einmal mehr – als Meisterwerk der Evolution. (Klaus Taschwer, 19.8.2026)

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