EU-Krisensitzung nach Ceuta: Experte fordert Asylverfahren in Drittstaaten

Publiziert3. August 2026, 19:39

Krisensitzung nach Ceuta«Wenn das gelingt, sinkt der Anreiz, sich ins Boot zu setzen»

Nach dem Ansturm von Migranten auf Ceuta treffen sich am Dienstag die EU-Innenminister zur digitalen Krisensitzung. Laut Migrationsexperte Kristof Bender liegt der Schlüssel für die europäische Asylpolitik der Zukunft in sicheren Asylverfahren in Drittstaaten.

Daniel Graf

Gegen 50’000 Menschen kamen innert kürzester Zeit von Marokko nach Ceuta. Mittlerweile sollen die meisten von ihnen freiwillig wieder zurückgekehrt sein.20min

Darum gehts

  • Die Innenminister der EU-Mitgliedsstaaten treffen sich am Dienstag zur virtuellen Krisensitzung.
  • Auslöser waren die Ereignisse in Ceuta: Zehntausende irregulärer Migranten waren innerhalb weniger Tage über die Grenze in die spanische Exklave gelangt.
  • Der Migrationsexperte Kristof Bender erwartet nicht besonders viel vom Treffen.
  • Dabei hätte Europa laut Bender den Schlüssel in der Hand, um die irreguläre Migration unattraktiv zu machen und so zu begrenzen: die Auslagerung von Asylverfahren in sichere Drittstaaten.

Die Bilder von Zehntausenden Migranten, die über Grenzzäune kletterten oder schwimmend in der spanischen Exklave Ceuta auf dem afrikanischen Kontinent ankamen, führten in Europa zu heftigen Reaktionen. 22 Mitgliedsstaaten hatten in einem offenen Brief die Dringlichkeitssitzung gefordert, am Dienstag beraten sich die EU-Innenminister in einer Videokonferenz. Was davon zu erwarten ist, schätzt Kristof Bender, Migrationsexperte bei der «European Stability Initiative», ein.

Wie beurteilen Sie die bisherigen Reaktionen europäischer Regierungen auf Ceuta? Und was müsste morgen passieren oder beschlossen werden, um diesem Problem tatsächlich zu begegnen?

Die meisten Reaktionen waren unkonstruktiv. Auch das Verständnis der Situation war oft mangelhaft. Warum sollte Spanien vom Schengenraum suspendiert werden? Ceuta gehört zwar zu Spanien, ist aber nicht Teil des Schengenraums. Keiner kann von Ceuta unkontrolliert aufs spanische Festland übersetzen. Auch Wortspenden wie «Angriff auf Europa» waren in meinen Augen wenig hilfreich, signalisieren sie doch Gefahr und Hilflosigkeit, die es so nicht gab.

«Innerhalb von 24 Stunden sind in Ceuta mehr Menschen irregulär angekommen als im ganzen ersten Halbjahr in Spanien, Italien und Griechenland zusammen.»

Ja, es war eine Ausnahmesituation. Innerhalb von 24 Stunden sind in Ceuta mehr Menschen irregulär angekommen als im ganzen ersten Halbjahr in Spanien, Italien und Griechenland zusammen. Aber am Samstag waren fast alle wieder zurück in Marokko. Spanien hat das recht gut gemeistert.

Was erwarten Sie vom morgigen Treffen? Wird es konkrete Beschlüsse geben?

Nicht besonders viel. Es besteht die Gefahr, dass die Uneinigkeit in dieser Frage weiter zur Schau gestellt wird. Das hilft aber niemandem, ausser Oppositionspartien wie der AfD in Deutschland, der FPÖ in Österreich oder dem Rassemblement National in Frankreich. Besser wäre natürlich, die Innenminister schaffen es zu beruhigen und eine halbwegs geeinte Linie zu zeigen.

Im offenen Brief, der zu dem Treffen geführt hat, ist bereits von einem «Angriff» und von «Pull-Faktoren» die Rede. Ist unter diesen Voraussetzungen noch eine offene Analyse der Ereignisse möglich?

Gegenseitige Anschuldigungen bringen nichts. Vielleicht erinnert sich die eine oder andere Politikerin daran, dass 2025 und im ersten Halbjahr 2026 Spanien weniger irreguläre Ankünfte hatte als Italien. Hoffen wir, dass die Emotionen etwas in den Hintergund treten und eine konstruktive Debatte möglich ist. Nötig wäre sie jedenfalls.

Mit dem Geas und der Möglichkeit, Asylanträge in einem sicheren Drittstaat zu behandeln, hätte Europa  die Instrumente, um irreguläre Migration unattraktiv zu machen. Weshalb geschieht das bisher nicht? 

Das ist der wichtigste Punkt. Seit Juni ist eine neue Regelung in Kraft, die es erstmals EU-Ländern ermöglicht, irregulär Ankommende zum Asylverfahren in ein anderes Land zu bringen, mit dem die Asylsuchenden keine Verbindung haben. Stärker von irregulärer Migration betroffene europäische Länder sollten daran arbeiten, mit sicheren Drittstaaten Kooperationsabkommen zu verhandeln. Das Modell dafür ist einfach: Ab einem Stichtag werden alle irregulär Ankommenden in dieses Partnerland gebracht, um dort ihre Asylverfahren abzuwickeln. Im Gegenzug braucht es attraktive Angebote für diese Partnerländer wie wirtschaftliche Unterstützung, jährliche Kontingente von Studenten- und Arbeitsvisas für ihre eigene Bevölkerung oder Bildungskooperationen.

«Wenn ich nicht wirklich vor Verfolgung fliehe, dann zahle ich nicht Tausende Dollar für eine lebensgefährliche Überfahrt, um dann irgendwo ausserhalb Europas ein Asylverfahren zu durchlaufen.»

Viele Menschen versuchten, Ceuta schwimmend zu erreichen. Dutzende Menschen kamen ums Leben.

Viele Menschen versuchten, Ceuta schwimmend zu erreichen. Dutzende Menschen kamen ums Leben.AFP

Das erfordert einiges an Vorbereitung, aber wenn das gelingt, sinkt der Anreiz, sich ins Boot zu setzen, für viele dramatisch. Wenn ich nicht wirklich vor Verfolgung fliehe, dann zahle ich nicht Tausende Dollar für eine lebensgefährliche Überfahrt, um dann irgendwo ausserhalb Europas ein Asylverfahren zu durchlaufen. Bis jetzt ist noch nicht viel passiert, weil die Ankunftszahlen derzeit niedrig sind. Aber Ceuta könnte der Moment sein, der hier Umdenken bewirkt. Egal, wie weit weg, solche Bilder dominieren dann die Tagespolitik. Sie helfen nicht den demokratischen Parteien rechts und links der Mitte, sondern den populistischen Feinden Europas, vor allem denen rechts aussen.

Mit welchen sicheren Drittstaaten wären solche Abkommen realistisch? Und schafft die EU damit nicht neue Abhängigkeiten und Druckmittel für diese Staaten?

Es muss immer sichergestellt sein, dass der jeweilige Drittstaat auch wirklich sicher ist und dort Asylverfahren im Einklang mit internationalen Konventionen durchgeführt werden. Wenn es diesbezüglich Bedenken gibt, könnten die Verfahren auch vom internationalen Flüchtlingswerk UNHCR durchgeführt werden. Das macht der UNHCR seit 2019 in Ruanda für Menschen, die aus Libyen in Sicherheit gebracht werden. Dieses Modell könnte man ausdehnen, mit Ruanda oder jedem anderen Land, wo sichere Asylverfahren sichergestellt werden können.

Kristof Bender

Kristof Bender ist stellvertretender Vorsitzender der European Stability Initiative (ESI). Der Soziologe leitet Forschungsprojekte zur EU-Erweiterung und zu Südosteuropa. Seit 1997 arbeitet er in der Region, unter anderem für internationale Organisationen, die österreichische Botschaft in Belgrad und verschiedene Regierungsstellen. Die ESI ist ein unabhängiger Thinktank, der politische Entwicklungen in Europa analysiert und Empfehlungen für Entscheidungsträger erarbeitet. Bender lebt in Wien.

Migrationsexperte Kristof Bender.

Migrationsexperte Kristof Bender.Laszlo Thier

Während einige europäische Regierungen Spanien für die Ereignisse mitverantwortlich machen, sehen andere die Verantwortung vor allem bei Marokko. Wie sehen Sie das? Und wie sollte die EU nun gegenüber Marokko auftreten? Welche Möglichkeiten hat sie, eine Wiederholung zu verhindern?

Auf den ersten Blick kann ich kein gröberes Fehlverhalten bei Spanien entdecken. Ich bezweifle aber, dass schon ein vollständiges Bild vorliegt. Am sinnvollsten wäre es, eine umfassende Untersuchung der Vorkommnisse vorzuschlagen und Marokko aufzufordern, hierbei zu kooperieren.

Die Zahl der irregulären Grenzübertritte ist in den vergangenen Jahren gesunken, sieht man von den jüngsten Ereignissen in Ceuta ab. Ist die europäische Asylpolitik insgesamt auf einem guten Weg?

Das hat wenig mit europäischer Asylpolitk zu tun. Die Zahl der irregulären Grenzübertritte ist deshalb gesunken, weil in Syrien Assad gestürzt wurde und sich praktisch keine Syrer mehr auf den Weg nach Europa machen. Auch die Zahl derer, die in Libyen oder Tunesien in Boote steigen, ist deutlich gesunken. Aber das kann sich – und wird sich – auch wieder ändern, wenn wir es nicht schaffen, durch Abkommen mit sicheren Drittstaaten unsere Aussengrenzen auf humane Weise wirklich effektiv zu kontrollieren.

Welche Folgen hat die aktuelle Debatte für die Schweiz?

Abkommen mit sicheren Drittsaaten sind auf EU-Ebene kaum denkbar, weil es unter den 27 Ländern zu unterschiedliche Interessen gibt. Wahrscheinlicher ist deshalb eine lose Koalition von Ländern, die dieses Ziel gemeinsam verfolgen. Ich sehe keinen Grund, warum sich nicht auch die Schweiz daran beteiligen könnte.

Wie könnte Europa deiner Meinung nach die Herausforderungen der Migration am besten meistern?

Fokus auf sichere Asylverfahren in Drittstaaten, um Anreize zu senken.

Stärkere Grenzkontrollen und schnellere Rückführungen von Personen ohne Bleiberecht.

Verbesserung der Lebensbedingungen in Herkunftsländern, um Fluchtursachen zu bekämpfen.

Mehr Solidarität und eine gerechtere Verteilung von Schutzsuchenden innerhalb Europas.

Ich habe dazu keine klare Meinung.

Etwas anderes.

Daniel Graf

Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts News und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.