Wie aus einer Idee auf einer Serviette das wertvollste Unternehmen der Welt wurde

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Wie aus einer Idee auf einer Serviette das wertvollste Unternehmen der Welt wurde

Einst entwickelte Nvidia Chips für Spielkonsolen, heute laufen Chatbots wie ChatGPT auf der Technologie. Man könnte auch sagen: Hätte sich Nvidia mit Videospielen zufriedengegeben, sähe die Welt heute anders aus

Nicolas Dworak

An Nvidia kommt man weder im Alltag noch als Investor vorbei. Die Geschichte hinter der Firma kennen aber nur wenige.

Man sieht sie nicht, und doch beeinflussen sie unser aller Leben. Die Chips des US-Konzerns Nvidia stecken in Laptops und Spielkonsolen ebenso wie in Autosoftware und in jenen Rechenzentren, auf denen Chatbots wie ChatGPT entstehen. Der Tech-Gigant ist damit zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt aufgestiegen – und dessen Erschaffer Jensen Huang zu einem der einflussreichsten Köpfe des KI-Zeitalters. Wer den Boom der Künstlichen Intelligenz verstehen will, kommt an Nvidia nicht vorbei.

Dabei begann alles mit einer Idee für Computerspiele.

Erste Idee floppt

Pancakes, Kaffee – und eine Idee auf einer Serviette. So wird der Gründungsmythos Nvidias erzählt. Ein gewisser Jensen Huang trifft darin, im Februar 1993, zu seinem 30. Geburtstag zwei befreundete Ingenieure: Curtis Priem und Chris Malachowsky. Mitgebracht zur Verabredung in einer Restaurantkette im kalifornischen East San Jose wird neben Glückwünschen auch eine Geschäftsidee: Grafikchips, die realistische dreidimensionale Grafiken auf Computern ermöglichen.

Bis dahin dominieren zweidimensionale Videospiele den Markt. Nur wenige Pioniere wagen den Schritt in die dritte Dimension. Mit sogenannten "3D-Beschleunigern" sollen die dafür nötigen Berechnungen im Hintergrund erledigt werden.

Was die drei damals nicht ahnen: Ihre Idee wird sie nicht nur steinreich machen, sondern eine Entwicklung anstoßen, die weit über die Spieleindustrie hinausreicht. Dabei hatten Priem und Malachowsky alle Hände voll zu tun, ihren Freund und späteren Geschäftsführer von der Idee zu überzeugen. Huang hatte bereits eine wichtige Leitungsfunktion bei einem bekannten Chiphersteller inne.

Doch letztlich überwiegt die Neugierde – die alsdann aber rasch eingebremst wird. Der erste Chip "NV1" wird zum Flop. Nvidia setzt, wie im Nachhinein klar wird, auf die falsche Architektur. Nur wenige Videospiele sind damit kompatibel. Wie der Zufall will, ergeht es dem namhaften Konsolenhersteller Sega aus Japan ähnlich.

Zwei Männer in schwarzen Lederjacken stehen einander zugewandt und sprechen miteinander, während sie sich die Hände auf die Schultern legen. Zwei weitere Männer im Hintergrund schauen lächelnd zu.
Als Chef des wertvollsten Unternehmens der Welt verkehrt Huang in höchsten Kreisen. Hier etwa im freundschaftlichen Austausch mit Japans Wirtschaftsminister Ryosei Akazawa.

Tanz am finanziellen Abgrund

Sega beauftragt Nvidia deshalb für zwölf Millionen Dollar, die nächste Chipgeneration zu entwickeln. Eine gute Nachricht, die Huang aber in ein Dilemma stürzt. Führt Nvidia den Auftrag aus, verliert das Unternehmen technologisch den Anschluss. Die Konkurrenz hatte den Markt besser gedeutet und längst auf die richtige Architektur gesetzt. Zugleich ist klar: Ohne das Geld steht Nvidia vor dem wirtschaftlichen Abgrund.

Mit dem Rücken zur Wand reist Huang nach Japan – und geht volles Risiko. Letztlich stoppt Nvidia die Entwicklung, sichert sich aber eine Firmenbeteiligung in Höhe von fünf Millionen Dollar. Das reicht, um zumindest die Hälfte der damals 100 Beschäftigten zu halten. Die dezimierte Crew setzt alles auf eine Karte: eine bis dahin ungetestete neue Chipgeneration.

Die Wette geht auf. 1997 gelingt mit dem "Riva 128" der erste kommerzielle Erfolg. Zwei Jahre später folgt mit der "GeForce 256" die erste GPU (Graphics Processing Unit), wie Grafikchips seither genannt werden. Die Erfindung markiert eine Zäsur – für die Gamingindustrie und für Nvidia. Bis 2005 steigt das Unternehmen zu einem der wichtigsten Akteure der Halbleiterindustrie auf.

Geburtsstunde der KI

In den Folgejahren investiert Nvidia Milliarden, um die Rechenleistung der Chips auch für andere Branchen nutzbar zu machen. 2006 kommt "Cuda" auf den Markt. Kommerziell taugt die Software-Plattform zunächst kaum. Verwendet wird sie hauptsächlich von Forschungslaboren, die damit komplexe Berechnungen anstellen – etwa an der Universität Toronto.

Drei genialen Wissenschaftlern gelingt dort der Durchbruch. Die enorme Rechenleistung erlaubt den Ingenieuren, ein neuronales Netzwerk zu erschaffen, das alles bis dahin Gesehene in den Schatten stellt. "Alexnet", so wird die KI getauft, vollbringt einen Quantensprung in der KI-Forschung. Bei einem Wettbewerb erkennt und kategorisiert es Bilder schneller und macht 40 Prozent weniger Fehler als das beste Konkurrenzmodell.

Während KI zu dieser Zeit in der breiten Bevölkerung noch kaum ein Thema ist, erleben die Labs der Silicon-Valley-Konzerne und der Eliteuniversitäten einen massiven Schub.

Auch Nvidia-Chef Huang wird bewusst, wozu die Technologie imstande ist. In den Folgejahren richtet er Nvidia konsequent auf die KI-Zukunft aus. Gewinne fährt er damit – wieder einmal – zunächst nicht ein. Doch am Ende geht die Wette auf. 2016 überreicht Huang den ersten "Supercomputer" (DGX-1) einem damals öffentlich weitgehend unbekannten Start-up namens OpenAI. Zehn Jahre später ist ChatGPT aus dem Alltag von knapp einer Milliarde Menschen nicht mehr wegzudenken.

Ein Mann mit grauen Haaren und Brille, gekleidet in eine schwarze Lederjacke, sitzt vor einem neutralen Hintergrund. Rechts im Bild ist eine ausgestreckte Hand zu sehen, die auf ihn zeigt oder gestikuliert.
Nvidia-Chef Huang betrachtet KI-Agenten als helfende Hand. Sind diese erstmal in allen Laptops integriert, würden wir zu "Supermenschen".

Diametrale Ansichten

Der nächste Schritt der KI-Evolution ist bereits in Planung: Unlängst hat Nvidia "KI-Superchips" angekündigt, die künftig in die Laptops sämtlicher großer Hersteller verbaut sein sollen. Damit soll es möglich sein, KI-Agenten in die breite Masse zu bringen. Oder, wie Huang posaunt: "AI will make us all superhumans!"

Einer der Entwickler von "AlexNet", Nobelpreisträger Geoffrey Hinton, warnt indes vor einer ungebremsten Entwicklung und fordert mehr staatliche Regulierung. Davon hält wiederum Huang wenig. So unterschiedlich kann ein Urknall interpretiert werden.

Daran ändert auch wenig, dass jüngst ein KI-Modell von OpenAI kurzerhand aus seiner Testumgebung ausgebüxt ist, um einen Cyberangriff auf eine andere KI-Plattform zu starten. Die Reaktion der beteiligten Tech-Firmen: Sie gründen eine Sicherheitsallianz, um einer (über-)staatlichen Intervention zuvorzukommen – ohne rechtlich bindende Verpflichtungen.

Neuer Milliardenmarkt

Kennt man die Geschäftszahlen Nvidias, überrascht Huangs ungebremster Enthusiasmus nicht. Die wirtschaftliche Entwicklung ist beispiellos. Die Marktkapitalisierung lag zum Höchststand bei 5700 Milliarden US-Dollar. In ähnlicher Sphäre bewegen sich ansonsten höchstens Apple und Google-Mutter Alphabet.

Der Gewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr überstieg alles bis dahin Gesehene. Mit 120 Milliarden Dollar verdiente Nvidia allein so viel wie alle 40 Unternehmen des deutschen Dax zusammen. Darunter finden sich Konzerne wie SAP, Siemens, Deutsche Telekom sowie Mercedes, Volkswagen und BMW.

Hintergrund der absurd anmutenden Zahlen sind hohe Gewinnmargen. Laut Silicon Analysts werden Nvidia-H100-SXM-Chips für 3320 Dollar gefertigt, aber für 28.000 Dollar verkauft. Bei den B200 kommen die Herstellkosten auf 6400 Dollar, der Verkaufspreis auf 40.000 Dollar. Die Margen liegen jenseits der 80 Prozent und damit deutlich über jenen namhafter Konkurrenten wie AMD (65 Prozent) und Intel (58 Prozent). Möglich ist das, weil Nvidia mit seinem umfassenden Chip-Ökosystem die Wechselkosten auf eine andere Technologie in die Höhe geschraubt hat. Wer einmal auf Nvidia setzt, bleibt dabei.

So kommt es, dass die Videospiele zum Nebengeschäft geworden sind. 90 Prozent des Umsatzes kommt durch den Verkauf von Hochleistungschips für KI-Rechenzentren herein. Drei Viertel aller GPUs in den globalen Rechenzentren stammen von Nvidia.

Ein Mann in einer Lederjacke hält eine alte grüne Halbleiterplatine in der Hand, die mit einer goldenen Unterschrift versehen ist. Menschen im Hintergrund beobachten die Szene und applaudieren.
Die Margen der Nvidia-Chips lassen die Konkurrenz blass aussehen – und bescheren unfassbare Gewinne.

Eng verwoben

Der Boom ist längst nicht auf Nvidia beschränkt, sondern erstreckt sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette. So profitiert der taiwanesische Chipfertiger TSMC. Die Hälfte dessen Umsatzes entfällt auf nur vier Kunden: Nvidia, Apple, AMD und Qualcomm. Die Tech-Größen entwickeln ihre Chips zwar selbst, lassen sie aber extern fertigen.

Gerade diese enge Verflechtung gilt vielen als Schattenseite des KI-Booms. Nicht wenige warnen vor einer Blase, die platzen könnte. Nvidia beliefert nicht nur OpenAI, sondern auch Anthropic (Claude), xAI und Mistral. Zugleich pflegt der Konzern enge Partnerschaften mit Microsoft, Amazon, Google und Oracle. OpenAI stellt man etwa eine 250-Milliarden-Garantie für ein Rechenzentrum in Ohio in Aussicht. Am Dienstag kündigte Nvidia zudem an, gemeinsam mit Wall-Street-Giganten wie Blackrock und Goldman Sachs 500 Milliarden Dollar für den Bau neuer KI-Rechenzentren mobilisieren zu wollen.

Nvidia ist oft Lieferant und Investor zugleich. Allein zwischen 2021 und 2025 nahm man an 283 Finanzierungsrunden von rund 341 Tech-Firmen teil. Mit den Finanzspritzen kaufen die Start-ups wiederum Chips bei Nvidia, die sie sich sonst kaum leisten könnten.

Der Weg des Unternehmens ist und bleibt riskant. Bisher hat sich das Risiko bezahlt gemacht. Auch für Huang selbst, der als größter Einzelaktionär gut 200 Milliarden Dollar schwer ist. Sein Mitgründer Curtis Priem würde heute gar über 640 Milliarden Dollar verfügen und damit nach Elon Musk der zweitreichste Mensch der Welt sein, hätte er beim Ausstieg aus dem Unternehmen nicht auch seine Anteile verkauft. Nicht schlecht für eine Sache, die bei Pancakes auf einer Serviette begann. (Nicolas Dworak, 16.8.2026)

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