Stand: 20.09.2026, 20:10 Uhr
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Manche Bäume überleben einen Pilzbefall, der europaweit Eschen tötet – und diese Resistenz ist vererbbar. Eine Frankfurter Forscherin zeigt anhand dieses Beispiels, warum genetische Vielfalt gezielt geschützt werden sollte.
Frankfurt – Wenn von Biodiversität die Rede ist, stehen meist bedrohte Tier- und Pflanzenarten oder zerstörte Lebensräume im Fokus. Doch Biodiversität umfasst noch eine weitere Ebene: die genetische Vielfalt innerhalb einzelner Arten. Genau sie entscheidet oft darüber, wie gut sich Populationen an Krankheiten, Klimawandel oder andere Umweltveränderungen anpassen können. Die Forschung von Prof. Dr. Deborah M. Leigh am Senckenberg Forschungsinstitut sowie an der Goethe-Universität Frankfurt zeigt, warum genetische Vielfalt entscheidend für die Widerstandskraft von Ökosystemen ist und wie moderne Methoden helfen können, bedrohte Populationen gezielt zu schützen und die Natur langfristig zu stabilisieren.

Hoffnung für Eschen und Seegräser
Viele Arten verfügen bereits über genetische Eigenschaften, die ihnen helfen können, Krisen zu überstehen – wenn diese Vielfalt erhalten bleibt. Wie groß dieses Potenzial ist, zeigt etwa die „Gemeine Esche“. Die Baumart leidet europaweit unter dem Eschentriebsterben, ausgelöst durch einen eingeschleppten Pilz aus Ostasien. Doch in nahezu allen Wäldern finden sich einzelne Bäume mit natürlicher Widerstandskraft gegen die Krankheit. „Mehrere Studien belegen, dass in den untersuchten Wäldern eine gewisse Resistenz gegen diese Krankheit vorhanden und zudem vererbbar ist. Eine größere genetische Vielfalt erhöht dabei die Wahrscheinlichkeit, dass einige Bäume über die resistenzfördernden Gene verfügen“, erklärt Leigh.
Zu den Autorinnen
Im Mittelpunkt der Arbeit von Prof. Dr. Deborah M. Leigh steht die Bedeutung genetischer Vielfalt für die Erhaltung und die Anpassungsfähigkeit von Arten. Zudem ist die Professorin für Genomisches Biomonitoring in internationalen Fachnetzwerken, um genetische Aspekte stärker in den globalen Naturschutz zu integrieren.
Judith Jördens leitet die Pressestelle und den Bereich Social Media der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung mit Hauptsitz in Frankfurt.
Auch bei Seegräsern beobachten Forscher positive Effekte genetischer Vielfalt. Die Pflanzen speichern große Mengen Kohlenstoff und dienen zahlreichen Fisch- und Muschelarten als Laich- und Aufzuchtgebiet. Genetisch vielfältige Bestände reagieren deutlich robuster auf Umweltveränderungen, ein wichtiger Faktor für stabile Küstenökosysteme. „Meine früheren Arbeiten zeigen aber auch, dass es einen weltweiten Rückgang der genetischen Vielfalt infolge menschlicher Aktivitäten gibt“, warnt Leigh.
Moderne Forschung eröffnet neue Möglichkeiten
Lange galt genetische Vielfalt im Naturschutz als schwer erfassbar. Doch moderne genomische Methoden verändern die Situation grundlegend. Heute lassen sich genetische Unterschiede deutlich kostengünstiger und großflächiger analysieren als noch vor wenigen Jahren. Leigh hat gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam zudem einen neuen Ansatz entwickelt, um genetisch unterschiedliche Gruppen innerhalb einer Art systematisch zu identifizieren. Im Mittelpunkt stehen dabei sogenannte evolutionär bedeutsame Einheiten – kurz ESUs. Dabei handelt es sich um Populationen, zwischen denen nur wenig genetischer Austausch stattfindet und die sich deshalb unabhängig voneinander entwickeln.
„Durch die gezielte Bewertung solcher Einheiten innerhalb einer Art können wir dazu beitragen, den Verlust genetischer Vielfalt zu verlangsamen“, erläutert Leigh. Ziel sei es, besonders gefährdete Populationen frühzeitig zu erkennen und Schutzmaßnahmen präziser auf sie zuzuschneiden.
Der neue Ansatz kombiniert genetische Analysen mit geografischen Daten, ökologischen Unterschieden sowie traditionellem und indigenem Wissen. „Dadurch könnten Schutzprogramme weltweit künftig deutlich gezielter und effizienter gestaltet werden“, erklärt Leigh.
Ein neues Kapitel im Naturschutz
Dass genetische Vielfalt zunehmend in den Fokus rückt, zeigt auch die internationale Politik: Auf der UN-Biodiversitätskonferenz 2022 beschlossen nahezu 200 Staaten den sogenannten Kunming-Montreal-Vertrag. Er fordert messbare Verbesserungen für Arten, Ökosysteme und natürliche Prozesse bis zum Jahr 2030, mit dem langfristigen Ziel einer vollständigen Erholung der Natur bis 2050.

Für Leigh ist das ein wichtiges Signal. Denn moderne Naturschutzstrategien sollen künftig nicht mehr nur den Verlust von Arten verhindern, sondern Ökosysteme aktiv stärken und regenerieren: „Es wäre fahrlässig, dabei die genetische Vielfalt außer Acht zu lassen. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen diesen essenziellen Baustein ernst nehmen und die genetische Diversität in ihren Handlungsrahmen verankern.“
Die wissenschaftlichen Ergebnisse machen laut Leigh deutlich, dass die Natur vielerorts noch immer über erstaunliche Anpassungs- und Regenerationskräfte verfügt. In den Genen von Pflanzen und Tieren steckt ein bislang oft unterschätztes Potenzial, um Krankheiten, Klimawandel und Umweltveränderungen zu begegnen. Mit modernen Forschungsmethoden, internationalen Biodiversitätszielen und einem wachsenden Bewusstsein für die Bedeutung genetischer Vielfalt stehen die Chancen gut, Ökosysteme langfristig widerstandsfähiger zu machen. „Genetische Vielfalt ist ein entscheidender Faktor für das Überleben von Arten“, betont Leigh. Wird sie gezielt geschützt, könne sie zu einem der wichtigsten Rettungsanker werden, um die Natur nicht nur zu bewahren, sondern vielerorts wieder zu stärken und zu erneuern.