Stand: 06.10.2026, 14:15 Uhr
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Von entspannten, spontanen Auszeiten über Skepsis gegenüber KI bis hin zu Kurztrips in die Nähe: 2027 suchen Reisende vor allem tiefere, sinnstiftende Erlebnisse.
München – Mit dem Herbst erscheinen wieder Berichte über Reisetrends und Prognosen für das kommende Jahr. Die jüngsten Prognosen kommen von der britischen Reise- und Tourismusmarke Lemongrass. Sie hat ihre wichtigsten Trends für 2027 vorgestellt und zeichnet ein Bild von Reisenden, die weniger planen und mehr erleben wollen, ohne dabei an Effizienz und Produktivität zu denken.
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Dieser Artikel von Saskia O'Donoghue entstand in Kooperation mit Euronews
Die Expertinnen und Experten des Unternehmens gehen davon aus, dass sich viele Reisen im nächsten Jahr um den „Anti-Optimierungs-Urlaub“ drehen. Reisende wollen weniger Programm, länger an einem Ort bleiben und nicht mehr gestresst alle Punkte einer To-do-Liste abhaken.

Der Lemongrass-Reisetrend-Report zeigt außerdem: Viele verabschieden sich von Bucket-Lists, Biohacking und KI-generierten Reiseplänen. Gefragt sind tiefere, langsamere und emotionalere Erlebnisse.
„Reisen war jahrelang von der Sprache der Optimierung geprägt – mehr Ziele, mehr Erlebnisse, mehr Personalisierung, mehr Effizienz“, sagt Mirjam Peternek McCartney, Geschäftsführerin und Gründerin von Lemongrass Marketing. „Unsere Trends für 2027 deuten aber darauf hin, dass sich Reisende zunehmend eine sehr menschliche Frage stellen: Wie möchte ich mich fühlen?“
Reisen als Neuausrichtung statt Optimierungsprojekt
„Das ist kein Abschied von Technologie, Luxus oder Ehrgeiz. Es ist eine Neuausrichtung. Menschen wünschen sich Reisen, die ihnen etwas zurückgeben – sei es mehr Ruhe, ein tieferes Verständnis eines Ortes, echte Begegnungen mit anderen oder einfach die Freiheit, einen Moment zu genießen, ohne ihn maximieren zu müssen.“
Der Bericht nennt unter anderem folgende Entwicklungen und zeigt, wie sich Prioritäten auf Reisen verschieben. Lemongrass meint, dass der bisherige Optimierungswahn – jede Minute einer Reise mit Aktivitäten zu füllen – ausläuft. Der Trend geht zum „anti-optimierten“ Urlaub.
Reisen sollen sich weniger wie eine Checkliste und mehr wie eine echte Auszeit anfühlen: weniger Ziele, einfache Routen, längere Aufenthalte und viel Zeit, den Tag einfach auf sich zukommen zu lassen.
Luxusurlaub bedeutet für viele künftig vor allem eines: nirgendwo zwingend sein zu müssen. Statt Terminkalender und Programmpunkten steht das Gefühl im Mittelpunkt, sich treiben lassen zu können und vor Ort genug Zeit zu haben, die Umgebung entspannt zu erkunden, statt nur kurz vorbeizuhuschen und sofort weiterzureisen.
Wellness als Gestaltung für das Nervensystem
Wellness bewegt sich über klassische Spa-Anwendungen, Gesundheits-Check-ups und die neuesten Biohacking-Trends hinaus. Hotels und Destinationen betrachten zunehmend das gesamte Umfeld: Licht und Geräuschkulisse, Zugang zur Natur, Essen, Bewegung und Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.
So soll ein Rahmen entstehen, der innere Ruhe unterstützt, statt nur punktuell zu entspannen. Statt immer neue Anwendungen ins Programm zu packen, rückt das Ziel in den Vordergrund, Räume zu schaffen, die Gästen ganz von selbst helfen, langsamer zu werden, auszuruhen und sich zu erholen – und vor allem mit einem besseren Gefühl abzureisen.
Beim sogenannten Nervensystem-Design geht es darum, Orte so zu gestalten, dass sie Stress senken und Regeneration ermöglichen, ohne dass Gäste aktiv viel dafür tun müssen.
Von Bucket-Lists zu Tiefe und Verständnis
KI kann Reisenden schon vor der Abreise ein ziemlich gutes Bild davon geben, was sie erwartet. Je mehr die Planung automatisiert abläuft, desto größer wird jedoch die Sehnsucht nach Dingen, die Algorithmen kaum leisten: Kontext, Neugier und menschliche Einordnung.
Statt angebliche Geheimtipps zu jagen oder Must-see-Sehenswürdigkeiten abzuhaken, suchen viele künftig eher fachkundig geführte Touren, Kulturpfade, Literatur, Geschichte, Architektur, Workshops und Gespräche mit Menschen, die vor Ort leben.
Die Faszination liegt weniger darin, einen Ort als Erste zu entdecken, sondern ihn wirklich zu verstehen – und nicht bloß eine Liste abzuarbeiten. Immer wichtiger wird dabei, wer Wissen vermittelt, wie viel Zeit man sich nimmt und wie intensiv Begegnungen vor Ort sind. So entsteht eine Art „Depth-List“, bei der Qualität und Tiefe der Erfahrungen im Vordergrund stehen, nicht die Anzahl der besuchten Attraktionen.
Epistemische Wachsamkeit und Vertrauenslücke bei KI
Wenn KI immer mehr Bereiche des Reisens durchdringt, wird es genauso wichtig, vertrauenswürdige Informationen zu erkennen, wie sie überhaupt zu finden. Reisende bewegen sich zunehmend durch KI-generierte Inhalte, synthetische Bilder und bezahlte Empfehlungen.
Eigene Erfahrungen und lokales Wissen gewinnen dadurch an Wert, weil sie als glaubwürdiger und greifbarer wahrgenommen werden als abstrakte Empfehlungen aus dem Netz.
Viele werden daher eher Veranstaltern und Reisebüros vertrauen, die sagen können: „Wir waren dort und haben es selbst gesehen“, als einem KI-System, das letztlich nur schätzt. Epistemische Wachsamkeit – also die bewusste Einschätzung, wie verlässlich eine Quelle ist – wird damit selbst zu einer wichtigen Reisekompetenz. Wer bucht, will wissen, ob hinter einem Angebot echte Expertise oder nur generierter Text steckt.
Neue Zielgruppen und männliches Wohlbefinden
Neben den zentralen Ergebnissen nennt der Bericht noch zehn weitere Trends, die sich im kommenden Jahr abzeichnen dürften. Veränderte Debatten über Männlichkeit eröffnen offenbar einen neuen Reisemarkt: Männer suchen verstärkt nach körperlichem, emotionalem und mentalem Wohlbefinden.
Fitness, Natur, Achtsamkeit und Outdoor-Erlebnisse dienen nicht mehr nur der Leistungssteigerung, sondern auch dem Aufbau von Verbundenheit, Widerstandskraft und echten Freundschaften. Reiseangebote für Männer entwickeln sich damit weg von reinen Abenteuer- oder Partyformaten hin zu Erlebnissen, die Raum für Gespräche, Reflexion und neue Rollenbilder lassen.
Retreats, Wanderungen oder Camps, die Gemeinschaft und Offenheit betonen, sollen helfen, andere Formen von Männlichkeit zu leben – jenseits klassischer Vorstellungen von Stärke, Konkurrenz und Daueroptimierung.
Reisen im Klimawandel und Bürgerwissenschaft
Der Klimawandel beeinflusst das Reisen eindeutig – und zwar nicht nur, wohin Menschen fahren, sondern auch, wie die Ziele selbst mit den neuen Bedingungen umgehen. Im Jahr 2027 wollen Reisende nicht allein der Hitze entkommen. Sie legen Wert auf Orte mit robuster Infrastruktur, flexiblen Angeboten, starkem lokalem Wissen und Tourismusbetrieben, die reagieren können, wenn sich Bedingungen ändern.
Daraus ergibt sich der nächste Trend: Bürgerwissenschaft. Immer mehr Menschen beobachten die Natur nicht nur, sondern beteiligen sich aktiv am Schutz – etwa durch Wildtier-Monitoring, Wasserproben oder das Erfassen von Arten. Wer sich so engagiert, baut oft eine tiefere Beziehung zu den besuchten Orten auf und nimmt Umweltthemen eher als gemeinsame Aufgabe denn als bloße Einschränkung wahr.
Giving Journeys und nachhaltiges Reisen ohne Verzicht
Viele wollen einen Ort künftig besser hinterlassen, als sie ihn vorgefunden haben – und zwar nicht nur mit Blick auf die Natur. Die Herausforderung besteht darin, sinnvolle, lokal geführte Schutz- und Gemeinschaftsprojekte zugänglich zu machen, ohne in klassische Voluntourismus-Konzepte abzurutschen. So entsteht der Trend der „Giving Journey“, bei der Geben und Lernen genauso wichtig sind wie Erholung und Erlebnis.
Er steht nahe an einem weiteren Trend: Reisen „ohne Verzicht und Moralpredigt“. Nachhaltiges Reisen dreht sich immer weniger um Verzicht, sondern um das Erlebnis. Zugreisen etwa bieten oft eine schönere, bequemere und angenehmere Art zu reisen – und zugleich eine mit geringerer Umweltbelastung. Nachhaltigkeit setzt sich besonders dort durch, wo sie die Erfahrung verbessert, statt nur das schlechte Gewissen zu mildern.
Earned Travel und die Suche nach Anstrengung
Ein weiterer Trend ist die „earned travel“ – die Absage an Reisen, die zu bequem sind. Reisen war nie so komfortabel wie heute. Gerade deshalb suchen manche nun gezielt das Gegenteil. Abgelegene Landschaften und selbst organisierte Abenteuer verlangen Aufwand, lassen Raum für Ungewissheit und Spontaneität – und machen eine Reise dadurch oft erfüllender.
Für viele gehört der Weg zunehmend zum Erlebnis. Wer sich anstrengendere Routen aussucht oder bewusst auf Komfort verzichtet, erinnert sich häufig intensiver an diese Reisen. Das Gefühl, sich eine Erfahrung im wahrsten Sinne des Wortes „erarbeitet“ zu haben, wird Teil der Erzählung, die man später über den Urlaub mit nach Hause nimmt.
Joy Economy, mystic outlands und neue Erzählungen
Zur gleichen Zeit wächst das Interesse an der sogenannten „Joy Economy“. In einer Welt voller Unsicherheit und digitaler Überlastung suchen Reisende nach Dingen, die schlicht guttun – spielerische Momente, Überraschungen, Nähe und kleine Fluchten aus dem Alltag. Für viele dient Reisen als emotionale Erholung, nicht nur als Aktivität, und soll Leichtigkeit in ein oft angespanntes Leben bringen.
Damit verbunden ist der Trend zu „mystic outlands“, bei dem Folklore, Fantasie und eindrucksvolle Landschaften Menschen anziehen, die in eine andere Welt eintauchen wollen, nicht nur an einen neuen Ort – sei es unter dunklem Sternenhimmel, in uralten Wäldern oder in Regionen, die von Geschichten geprägt sind. Immer häufiger lautet die Frage „Wer erzählt die Geschichte?“ statt „Wohin fahren wir?“.
Near is the new far: Nähe statt Fernweh
Reisende interessieren sich zunehmend dafür, wer die Geschichte eines Ortes erzählt. Weibliche Guides, Historikerinnen, Künstlerinnen, Köchinnen und lokale Führungspersönlichkeiten bringen andere Perspektiven ein – gerade in Regionen, in denen Frauenstimmen bisher kaum zu hören waren. So entstehen vielfältigere Narrative, die Klischees aufbrechen und neue Zugänge zu bekannten Reisezielen eröffnen.
Und schließlich gilt laut Bericht: „Near is the new far“. Im Jahr 2027 werden viele merken, dass es für eine Auszeit nicht immer weit weg gehen muss. Kurzstreckenreisen, Bahnfahrten, Urlaub zu Hause und Reisen in der Nebensaison ermöglichen ein leichteres Entkommen – mit weniger Zeitaufwand, Kosten und Stress. Kurzreisen können spannend sein und ebenso viel Freude und Bedeutung haben wie Ziele, die tausende Kilometer entfernt liegen.