Wie Noel und Liam sich überwinden: Die Oasis-Doku bietet das, was wir sehen wollen

ROLLING STONE Badge

Empfehlungen der Redaktion

„Don’t Look Back in Anger“ heißt der neue Dokumentarfilm über die sogenannte „Tour of the Decade“, wie sie nicht wenige genannt haben: Oasis Live ’25. Selbst nach der Ankündigung glaubten viele nicht daran, dass diese Tour tatsächlich stattfinden würde. Schließlich lagen 15 lange Jahre kalter Krieg zwischen den Gallagher-Brüdern.

Hier setzt die Doku an.

The Rise and the Fall – ohne dabei allzu sehr auszuufern. Die Geschichte von Oasis, von Aufstieg, Eskalation und Trennung, kennt der geneigte Fan schließlich nur zu gut. Im Verborgenen bleibt dagegen ausgerechnet die vielleicht spannendste Frage: Wie kam es überhaupt zu dieser Reunion? Wie liefen die ersten Gespräche? Was musste passieren, damit Noel und Liam Gallagher nach all den Jahren wieder gemeinsam in einem Raum standen?

Mehr zum Thema

Vielleicht ist es ganz gut, dass der Film darauf keine endgültige Antwort gibt. Denn muss man am Ende wirklich alles wissen, wenn das Ende so gut ist?

Zwei Brüder, ein Raum – und ziemlich viel Distanz

Wir sehen eine Probensituation in einer aufwendig hergerichteten Lagerhalle. Die Band spielt – noch ohne Liam. Noels Bart hat schon länger keinen Rasierer mehr gesehen. Er wirkt müde, kritisch, skeptisch, noch nicht wirklich überzeugt davon, wohin das alles führen soll. Er könne sich selbst noch nicht mit dieser Band auf einer Bühne sehen, sagt er. Grüblerisch, als traue er der Sache selbst noch nicht.

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube

Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Eine geraume Zeit später stößt Liam dazu. Die Brüder gehen sich zunächst aus dem Weg wie zwei Katzen, die sich gegenseitig belauern. Nähe ist nicht zu erkennen. Selbst als Zuschauer spürt man die Anspannung im Raum. Dazu kommen kleine Kabbeleien, alte Reflexe – und Liam, der auch einfach mal verschwindet.

Eine besonders schöne Würdigung erfährt dabei Paul „Bonehead“ Arthurs. Der Film erinnert daran, wie entscheidend sein Gitarrenspiel für den ursprünglichen Oasis-Sound war: diese massive, beinahe undurchdringliche Gitarrenwand, die den Songs der frühen Jahre ihren ganz eigenen Druck gab. Ein Sound, den die Band nach seinem Ausstieg 1998 in gewisser Weise immer wieder gesucht hat, gibt Noel zu.

Diese intimen Eindrücke von den Proben machen die Doku besonders. Man geht mit den Gallaghers auf eine emotionale Reise, die zeigt, dass Menschen selbst nach 15 Jahren Funkstille wieder zueinanderfinden können. Vielleicht sogar, ohne vorher alles aufzuarbeiten.

Muss man sich versöhnen, um sich zu versöhnen?

Noel erzählt, dass er inzwischen wieder erstaunlich häufig Kontakt mit Liam habe. Mehr, als die beiden teilweise selbst früher miteinander hatten.

Die Gallaghers sind gereift, altersmilde geworden. Aber erwachsen? Nicht ganz. Zum Glück, möchte man bei Liam Gallagher sagen. Seine unverändert direkte, manchmal absurde und oft sehr komische Art zieht auch hier in ihren Bann. Noel gesteht, er habe vergessen, wie lustig sein Bruder eigentlich sei.

Ob sie sich irgendwann einmal richtig ausgesprochen hätten?

Nein.

Es sei offenbar nicht nötig gewesen. Und das, obwohl Noel von sich selbst sagt, dass er eigentlich nicht verzeihen könne. Die Annäherung ist einfach passiert. Vielleicht waren es die Menschen, vielleicht die Musik, vielleicht all das, was Oasis nach all den Jahren noch immer bedeutet, das die beiden wieder zueinandergeführt hat.

Von Generation zu Generation

Braucht es die Geschichten einzelner Fans, die der Film dafür exemplarisch herausgreift? Vielleicht ja. Denn sie zeigen, dass Oasis längst nicht mehr nur Noel und Liam Gallagher gehören. Diese Songs sind Teil unzähliger Biografien geworden. Sie erinnern an Jugend, Freundschaften, Trennungen, Eltern, Kinder – und daran, wer man einmal war.

Mehr zum Thema

Der Film zeigt immer wieder emotionale Ausschnitte aus den Konzerten der Tour. Weinende Menschen. Freunde, die sich in den Armen liegen. Väter, die mit ihren Söhnen diesen Moment erleben – ihren ganz persönlichen Oasis-Moment. Und man sieht die Entwicklung der Brüder mit jedem Konzert: wie aus dem gemeinsamen Gang auf die Bühne langsam wieder Nähe wird und die Neckereien zwischen ihnen irgendwann nicht inszeniert, sondern echt wirken.

Und am Ende sitzen die Brüder gemeinsam im Interview. Sie lachen, scherzen. Von der eisigen Distanz der ersten Proben ist kaum noch etwas übrig. Auch ihre Kinder, die sich vor der Reunion praktisch gar nicht kannten, sind sich durch die Tour nähergekommen und inzwischen dicke Kumpels. Und offenbar fällt der Apfel nicht weit vom Stamm: „They are like us“, stellen die Gallaghers amüsiert fest.

Und man denkt sich: Vielleicht sollten wir alle und die Welt ein bisschen mehr „Don’t Look Back in Anger“ sein.