Sie prüfen die Bilanzen internationaler Konzerne und beraten Finanzvorstände zu kniffligen Steuerfragen. Die großen Prüfungs- und Beratungshäuser wie PwC, Deloitte, KPMG und EY blicken daher tief hinter die Kulissen führender Unternehmen aus allen Ländern und Branchen. Daher werden die Großprüfer zuweilen in Skandale verwickelt.
Das internationale Prüfernetzwerk PwC zum Beispiel ist durch den Zusammenbruch des chinesischen Immobilienriesen Evergrande unter Druck geraten. Ein Gericht in der Volksrepublik hat den Gründer des Unternehmens, Xu Jiayin, im August zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihm wurde Veruntreuung und Bestechung vorgeworfen. Auch für die Wirtschaftsprüfung PwC, die für die Kontrolle der löchrigen Evergrande-Bilanzen zuständig war, hat die Pleite ein juristisches Nachspiel.
Ebenfalls im August gab ein Gericht in Hongkong, wo Evergrande an der Börse notierte, den Liquidatoren von Evergrande grünes Licht, milliardenschwere Forderungen gegen die Wirtschaftsprüfer auch auf das internationale PwC-Netzwerk auszuweiten. Zuvor hatten sich die Schadenersatzansprüche auf die PwC-Mitgliedsunternehmen in der Volksrepublik und in Hongkong beschränkt.
Sollte es tatsächlich gelingen, Schadenersatzansprüche auf das gesamte Netzwerk zu erstrecken, wäre eine wichtige Barriere übersprungen. Das ist nicht nur potentiell bedrohlich für PwC, sondern ein Signal für die gesamte Prüfer- und Beraterbranche. Warum? Ihre großen Netzwerke treten zwar international unter einheitlichen Marken und Namen auf wie PwC, Deloitte, EY und KPMG, um nur die größten vier zu nennen. Doch juristisch gesehen bestehen die internationalen Prüfverbünde aus rechtlich unabhängigen und selbständigen Gesellschaften in den einzelnen Ländern, etwa China oder Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass Wirtschaftsprüfungen oder Steuerberatungen in vielen Ländern keine ausländischen Eigentümer haben dürfen.
An der Haftungsbarriere wird gerüttelt
Diese besondere Netzwerkstruktur spielt eine wichtige Rolle. Sie ermöglicht es den Prüferhäusern, gewaltige Investitionen in digitale Prüfungs- und Beratungssysteme und in Künstliche Intelligenz zu bündeln. Zudem schirmt die nationale Selbständigkeit der Landesgesellschaften den Rest des Netzwerks vor Haftungsrisiken ab, falls Prüfer für Bilanzskandale zur Rechenschaft gezogen werden und die Haftpflichtversicherungen nicht leisten sollten oder die Deckungssummen nicht reichen. Im Fall besonders großer Bilanzskandale wie Evergrande in China oder Wirecard in Deutschland übersteigen die geforderten Summen die Versicherungsleistungen. Zudem würden Versicherungen nicht zahlen, wenn die Prüfer vorsätzlich ihre Pflichten verletzt hätten.
Diese strategische Abschirmung wird durch die Hongkonger Entscheidung in Sachen Evergrande und PwC infrage gestellt oder zumindest herausgefordert. Dass es so kommt, ist keineswegs sicher. Dafür müssten wohl noch weitere juristische Hürden überwunden werden. Laut „Financial Times“ könne nach Einschätzung des Hongkonger Gerichts über die Frage diskutiert werden, ob auch PwC International dazu verpflichtet gewesen sein könnte, einen Blick auf den Evergrande-Fall zu werfen. Es wären dann also nicht allein die lokalen PwC-Mitgliedsfirmen in Hongkong und China verantwortlich gewesen. Um darauf ein Licht zu werfen, müssten Dokumente gesichtet und Befragungen durchgeführt werden.
PwC International hatte im Hongkonger Prozess den Standpunkt vertreten, nichts mit dem Rechtsstreit zu tun zu haben, da Evergrande kein Mandant gewesen sei. Mit der Gerichtsentscheidung war PwC nicht einverstanden und wollte laut einem internationalen Sprecher juristische Optionen prüfen.
Um die Machtverteilung zwischen den nationalen Mitgliedsunternehmen und den internationalen Führungen der internationalen Netzwerke wird gerungen. Beim Prüferriesen EY zum Beispiel stoppte der einflussreiche amerikanische Arm das Großprojekt Everest vor drei Jahren auf den letzten Metern. Der ehrgeizige Plan sah eine Trennung des Prüfgeschäfts vom Beratungsgeschäft vor und hatte die gesamte Branche in Aufruhr versetzt.

Auch im Prüfernetzwerk von PwC, das 364.000 Mitarbeiter auf der Welt hat, regeln Amerikaner und Briten unter Führung von Mohamed Kande, wo es langgeht. Kande war Chef der Beratersparte von PwC in Amerika, bevor er zum Weltchef des Netzwerks aufstieg. Laut einem aktuellen Bericht des „Manager Magazins“ wurde PwC Deutschland aus dem Führungskreis des internationalen PwC-Netzes verbannt. Für Marc Billeb, den Chef von PwC Deutschland, der erst seit 1. Juli im Amt ist, ist das natürlich kein Willkommensgeschenk. Auf deutscher Seite ordnet man das wie folgt ein: „PwC überprüft regelmäßig seine globale Führungsstruktur, um sicherzustellen, dass sie den Anforderungen des Netzwerks und unserer Mandanten entspricht“, teilte ein Sprecher mit. Nach dem Ende der Amtszeit von Petra Justenhoven zum 30. Juni 2026 habe die PwC-Spitze beschlossen, die vom Board besetzte fünfte Position im Network Leadership Team zunächst nicht neu zu besetzen. In Abstimmung mit den Landesgesellschaften werde das Board mögliche künftige Besetzungen im Rahmen seiner laufenden Betrachtung der langfristigen Führungsstruktur und Weiterentwicklung des Netzwerks prüfen.
An der Struktur der Netzwerke und den Haftungsbarrieren ändert die interne Machtverteilung allerdings nichts. Die nationalen Haftungsbarrieren internationaler Prüfkonzerne beschäftigen auch Anlegeranwälte, die den Wirecard-Skandal in Deutschland juristisch aufarbeiten. Bisher beißen sie mit Forderungen gegen die einst für Wirecard zuständige Wirtschaftsprüfung EY Deutschland auf Granit, abgesehen von Teilerfolgen. Das große Kapitalanlegermusterverfahren der Wirecard-Aktionäre steckt aktuell in kniffligen Verfahrensfragen fest. Eine Entscheidung des Bayerischen Obersten Landesgerichts, wonach Ansprüche aufgrund von Wirtschaftsprüfertestaten nicht ins Musterverfahren gehören, wird noch durch den Bundesgerichtshof überprüft. Sollte der BGH die Entscheidung bestätigen, müssten Anleger ihre Ansprüche gegen EY außerhalb des Musterverfahrens verfolgen, also auf dem Weg von Einzelklagen.
Um den Druck auf EY zu erhöhen, versuchen Anlegeranwälte, auch die amerikanische Mitgliedsgesellschaft von EY ins Boot zu holen und so die nationale Haftungsbarriere gewissermaßen zu überspringen. Wie der Rechtsanwalt Marc Liebscher in einem Mandantenwebinar Anfang September schilderte, habe EY USA eine Warnung eines Hinweisgebers vor dem Wirecard-Skandal erhalten. Daher könne man nun nach amerikanischem Recht von der Wirtschaftsprüfung verlangen, interne Dokumente herauszugeben, um zu klären, inwieweit EY Amerika in die Wirecard-Bilanzprüfung involviert gewesen sei. Von einer gerichtlichen Vorentscheidung wie im Fall Evergrande ist man hier aber noch weit entfernt.