WM-Bankrott-Erklärung? Warum Russell die Mercedes-Teamorder akzeptierte

(Motorsport-Total.com) - Mercedes hat beim Grand Prix der Niederlande eine heikle Situation im internen Duell zwischen George Russell und Kimi Antonelli mit einer klaren Teamorder gelöst. Russell musste seinen Teamkollegen kurz vor Rennende passieren lassen und akzeptierte die Entscheidung anschließend als richtig.

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Mercedes-Teamorder in Zandvoort: George Russell sieht kein Problem Zoom

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Ganz so reibungslos, wie es nach dem Rennen klingt, war die Sache allerdings nicht. Denn als Mercedes Antonelli nach dem späten virtuellen Safety-Car zum Reifenwechsel an die Box holte, blieb Russell draußen. Der Italiener fiel dadurch hinter Russell zurück, hatte anschließend aber deutlich frischere Reifen. Russell war damit plötzlich Dritter, Antonelli zunächst Vierter.

Für Mercedes war die Entscheidung trotzdem logisch: Antonelli lag vor dem VSC vor Russell und hatte durch den Boxenstopp die Möglichkeit bekommen, sich gegen Lewis Hamilton und Ferrari abzusichern. Russell hatte diese Möglichkeit nicht, weil ein weiterer Stopp ihn hinter Charles Leclerc geworfen hätte.

"Hätte ich ihn hinter mir halten können? Vielleicht"

Dass Russell die Entscheidung zunächst hinterfragte, war dabei keineswegs überraschend. Der Brite sah seine Chance auf das Podium gefährdet, während Antonelli auf deutlich besseren Reifen hinter ihm auftauchte.

"Wenn ich ihn durchlasse, hat er dann eine Chance auf den Sieg?", war sinngemäß seine Frage am Funk. Für Russell war also zunächst relevant, ob Antonelli mit dem Platztausch möglicherweise sogar noch um den Sieg kämpfen konnte.

Da klar war, dass Norris nicht mehr einzuholen war, blieb nur noch die Frage: Sollte Russell versuchen, Antonelli hinter sich zu halten und damit Platz zwei zu verteidigen? Im Nachhinein fällt seine Antwort deutlich gelassener aus. "Hätte ich ihn hinter mir halten können? Vielleicht", sagt Russell. "Aber genauso gut hätte es P5 werden können."

Denn hinter Antonelli lauerten nicht nur die eigenen Teamkollegeninteressen, sondern auch die beiden Ferraris. Lewis Hamilton hatte durch seinen späten Stopp ebenfalls deutlich frischere Soft-Reifen und setzte Russell anschließend unter Druck.

Russell konnte Hamilton allerdings hinter sich halten und rettete damit Mercedes einen Doppel-Podiumsplatz. "Am Ende hat Kimi es verdient, P2 zu sein. Ich denke, P3 war für mich ein faires Ergebnis", erklärt Russell, der weiß, dass der Italiener ohne den VSC-Stopp auch vor ihm gelandet wäre.

Mercedes hatte die Regeln vor dem Rennen klar definiert

Toto Wolff sieht deshalb keinen echten Konflikt zwischen Russell und dem Team. Für den Mercedes-Teamchef war die Situation eine direkte Anwendung einer Regel, die innerhalb des Teams bereits vor dem Rennen besprochen worden war. "Wenn wir miteinander kämpfen, verlieren wir Punkte", erklärt Wolff.

Antonelli habe einen sogenannten "freien Stopp" gehabt, während Russell diesen nicht hatte. Das Szenario war aus Mercedes-Sicht relativ einfach: Würden beide Fahrer auf der Strecke gegeneinander kämpfen, könnten sie am Ende beide hinter den Ferraris landen. Der Platztausch war deshalb vor allem eine Maßnahme zur Absicherung des Mannschaftsergebnisses.

"Am Ende wären sie aufeinander aufgelaufen und wir hätten das an beide Ferraris verloren", sagte Wolff. Noch wichtiger: Mercedes hätte die Positionen auch umgekehrt getauscht, wenn Russell vor dem VSC die bessere Ausgangslage gehabt hätte.

"Kimi war vor George, also haben wir diese Reihenfolge nach dem Stopp wiederhergestellt", erklärt Wolff. "Wir hätten es genauso andersherum gemacht." Damit widerspricht Mercedes zugleich dem Eindruck, dass Antonelli wegen seiner WM-Führung bevorzugt worden sei. Laut Wolff spielte die Fahrerwertung überhaupt keine Rolle.

Teamorder-Entscheidung eine Bankrott-Erklärung für Russell?

Genau hier liegt der entscheidende Punkt der Szene: Mercedes hat durch die Teamorder keinen Konstrukteurs-Punkt geopfert, was zunächst die Vermutung zuließ, dass es gerade deswegen eine Bankrott-Entscheidung für Russells WM-Ambitionen war, da Mercedes als Team gar keinen wirklichen Vorteil davon hatte.

Doch ohne die Entscheidung hätte sich ein echter Schlagabtausch zwischen beiden Mercedes und beiden Ferraris entwickeln können mit offenem Ausgang. Die Teamorder schien für Mercedes daher die beste Option zu sein, die Positionen bestmöglich abzusichern.

Wie richtig die Entscheidung aus Sicht von Mercedes war, zeigte sich unmittelbar danach. Russell musste mit seinen älteren harten Reifen gegen Hamilton verteidigen, der nach seinem späten Boxenstopp auf deutlich frischeren Soft-Reifen unterwegs war. Trotz des Reifennachteils hielt der Mercedes-Pilot den Ferrari hinter sich.

Wolff feiert Russell für Hamilton-Verteidigung

"George war am Ende unglaublich", sagt der Mercedes-Teamchef. Russell habe sich mit einem "total unterlegenen Auto" und "kaputt gefahrenen Reifen" gegen die Ferraris gewehrt.

Das erklärt auch, warum Russell nach dem Rennen offenbar deutlich entspannter auf die vorherige Teamorder blickte. Er hatte seinen dritten Platz letztlich tatsächlich verteidigt - und damit genau das Ergebnis erreicht, das Mercedes mit dem Platztausch absichern wollte.

Für Wolff war die Szene deshalb von außen dramatischer als intern. "Das sieht von außen schwierig aus, aber für uns war es das nicht", erklärt der Österreicher. Mercedes habe bereits am Morgen besprochen, dass die Fahrer bei unterschiedlichen Strategien nicht gegeneinander kämpfen würden.

Auch Russell bestätigte dies Vereinbarung. "Wir haben als Team immer gesagt: Wenn wir auf unterschiedlichen Strategien sind, werden wir niemals gegeneinander kämpfen und immer die Positionen tauschen", erklärt der Brite.

Mercedes zieht Konsequenzen aus Barcelona

Wolff verwies dabei indirekt auf die Lehren aus früheren Rennen. Mercedes hatte bereits nach Barcelona eingeräumt, dass man in bestimmten Situationen zu viele Punkte durch interne Kämpfe verloren hatte. In Zandvoort wollte man diesen Fehler nicht wiederholen.

"Wenn du um die Konstrukteurs- und Fahrer-WM kämpfen willst, musst du solche Entscheidungen treffen", sagt Wolff. Für den Mercedes-Teamchef ist zudem klar: Das Team darf sich nicht von kurzfristigen Emotionen leiten lassen. "Es gibt 2.500 Menschen, die für diese Meisterschaften arbeiten. Es ist kein Ein-Mann-Spiel."

Damit bleibt von der vermeintlich kontroversen Teamorder letztlich wenig übrig. "Kimi war ohnehin vor mir", beschwichtigt Russell. "Er hat etwas anderes versucht, um uns als Team zu schützen."