Wo FIFA-Präsident Gianni Infantino jetzt noch Freunde hat

FIFA-Präsident Gianni Infantino mit einem Offiziellen von Katar während der WM 2022

"Herausragende Führungsqualitäten" Wo Gianni Infantino jetzt noch Freunde hat

Stand: 04.08.2026 • 19:37 Uhr

Es wird einsam um Gianni Infantino, selbst FIFA-intern. Doch einige Verbände halten ihm blumig die Treue - abschreiben sollte man ihn noch lange nicht.

Volker Schulte

Ja, in den folgenden Zitaten geht es tatsächlich um Gianni Infantino. Dieser sei "bereit, Konsens vor kommerzielle Interessen zu stellen". Er habe "echte Führungsstärke bewiesen". Seine Entscheidung spiegele sein "tiefes Verständnis wider, dass die Stärke des Weltfußballs nicht nur in seinem finanziellen Wert liegt, sondern auch in seiner Solidarität".

Zitiert wird hier eine Reaktion auf die Entscheidung des FIFA-Präsidenten, den heimlich geplanten Investorendeal nach heftiger internationaler Kritik und Boykott-Androhung aus Europa zurückzuziehen. Infantino repostete dieses Statement jüngst auf seinem Instagram-Kanal, zusammen mit fünf weiteren Solidaritätsbotschaften von Nationalverbänden: denen aus Marokko, Katar, Kuwait, Sri Lanka und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die oben beschriebene Lobhudelei kommt aus Bhutan.

Das FIFA-Prinzip: ein Verband, eine Stimme

Jetzt könnte man die Reaktion belächeln, Bhutan als Randfigur im internationalen Fußball beiseiteschieben. Aber zur Erinnerung: Bhutans Stimme zählt in der FIFA formell genauso viel wie die aus Deutschland.

Stattdessen sollte man beachten, dass gleich fünf Verbände aus Asien Infantino ihre Unterstützung ausgesprochen haben. Und das, nachdem sich der asiatische Kontinentalverband AFC zuvor der scharfen Kritik aus Europa und Nordamerika angeschlossen hatte und dadurch maßgeblich dazu beitrug, dass Infantino seine Pläne aufgab.

AFC fordert Veränderungen

Der ansonsten meist Infantino-treue AFC prangerte auch überraschend deutlich mangelnde Kommunikation an und forderte Veränderungen. Die aktuelle Situation müsse "als Katalysator für eine Stärkung der institutionellen Reformen dienen", schrieb die AFC.

Aber wie geschlossen ist die Opposition noch, wenn es jetzt ans Eingemachte geht? Um die Frage: Soll Infantino weiterhin FIFA-Präsident bleiben?

Infantino ist Wiederholungstäter

Wer wirklich Reformen will, muss Infantino loswerden - dieser Schluss liegt nahe. Der Schweizer ist ein Wiederholungstäter. Schon 2018 hatte er beim "Project Trophy" im Geheimen Pläne verfolgen lassen, Anteile an FIFA-Rechten zu verkaufen. Das Vorhaben scheiterte am internen Widerstand, aber Infantino durfte im Amt bleiben.

Er baute seine Machtposition weiter aus, konnte quasi durchregieren. Als er Saudi-Arabien die WM 2034 zuschanzte und einen Friedenspreis für Donald Trump erfand, war kaum Widerspruch zu hören, auch nicht aus Deutschland. Erst der neuerliche Alleingang beim Investorendeal brachte das Fass zum Überlaufen.

Auch Arsene Wenger distanziert sich - zumindest ein bisschen

Selbst intern gibt es nun - vorher undenkbar - Widerstand. Infantinos Chef-Berater Carlos Cordeiro trat zurück und Betriebsdirektor Kevin Lamour warf Infantino vor, die FIFA-Mitarbeiter hintergangen und eingeschüchtert zu haben. Selbst Generalsekretär Mattias Grafström äußerte laut "The Athletic" und "Sky Sports" in einer Mail an die Mitarbeiter Kritik, schrieb von einer "traurigen und verwerflichen Abfolge von Ereignissen".

Von Trainerlegende Arséne Wenger, bei der FIFA für die globale Fußball-Entwicklung zuständig, war lange nichts zu hören. Am Montag dann sah er sich gezwungen klarzustellen, dass er nicht in die Pläne involviert war. Sie fallenzulassen, sei "absolut notwendig" gewesen. Er glaube an eine "unabhängige FIFA, die unserem Sport mit Engagement, Transparenz und Integrität dient".

Wenger nannte zwar Infantino und dessen Amt nicht explizit, aber in diesem Zusammenhang von Transparenz und Integrität zu schreiben, ist als diplomatisch verpackte Kritik zu verstehen.

Auffälliges Schweigen in Afrika

Selbst aus Afrika ist nur wenig Unterstützung zu hören. Bisher konnte Infantino dank der Möglichkeit, FIFA-Gelder üppig zu verteilen, stets auf die dortigen Verbände setzen. Zudem verdankt ihm CAF-Präsident Patrice Motsepe sein Amt.

Im Juli, noch vor Bekanntwerden des Investorendeals, äußerte Motsepe seine Loyalität zum FIFA-Boss. "Ich komme aus einer Gegend, wo man gelernt hat, demjenigen, der einen einst unterstützt hat, niemals in den Rücken zu fallen."

Trump meidet das Thema Infantino

Auch das Weiße Haus hält sich bedeckt, dabei hatte US-Präsident Donald Trump zuvor gerne von Infantino geschwärmt, ihn jüngst noch als neuen UN-Generalsekretär vorgeschlagen. Gefragt danach, ob Infantino mit ihm über die Investorenpläne gesprochen habe, sagte Trump nur kurz: "Nein, ich habe nie mit ihm gesprochen."

Anschließend kursierten Gerüchte, Infantino habe auf der Suche nach Mitstreitern vergeblich versucht, Trump und andere US-Regierungsmitglieder zu kontaktieren. Die FIFA bezeichnete Berichte darüber am Dienstag als "frei erfunden".

Mögliche Nachfolger: Ceferin, Montagliani, Klaveness

Am 18. März 2027 stehen in Rabat (Marokko) turnusmäßig Wahlen an. Aber weil Infantino derzeit taumelt, ist wahrscheinlich, dass seine Gegner schneller handeln wollen. Sie könnten ihn zum Beispiel auf einer Sondersitzung des FIFA-Councils zum Rücktritt auffordern. Eine solche Sondersitzung müsste von mindestens 19 der 37 Mitglieder des FIFA-Rates gefordert werden und dann innerhalb von zwei Wochen stattfinden.

Sollte Infantino um sein Amt kämpfen, muss die Opposition einen Gegenkandidaten aufbauen. Gehandelt werden etwa die amtierenden Kontinentalverbandschefs Alexander Ceferin (UEFA) und Victor Montagliani (CONCACAF). Der ehemalige FIFA-Präsident Sepp Blatter brachte am Dienstag zudem Norwegens Verbandspräsidentin Lise Klaveness ins Spiel. Sie war in den vergangenen Jahren innerhalb der FIFA die einzige deutliche Infantino-Kritikerin.

Ist jemand gefunden, dürfte ein Sonderkongress folgen. Mindestens 43 der 211 FIFA-Mitgliedsverbände müssten einen solchen beantragen. Allein die europäischen Verbände sind schon 55 an der Zahl.

Sri Lanka schwärmt von Infantino

Infantino bräuchte dann 106 der 211 Stimmen für eine Wiederwahl. Mancherorts scheint er weiter unantastbar, etwa in Sri Lanka. Der dortige Verbandspräsident bescheinigte Infantino - trotz allem - "herausragende Führungsqualitäten" und einen "integrativen Führungsstil", der auf "Dialog, gegenseitigem Respekt und einem aufrichtigen Engagement im Dienste der globalen Fußballgemeinschaft basiert".

Die größte Krise in der Geschichte des Weltfußballs - sie ist längst noch nicht ausgestanden. Oder wie UEFA-Vizepräsidentin Laura McAllister es ausdrückt: "Warten wir erst einmal ab, wie sich die nächsten Tage entwickeln. Ich glaube, es stehen noch einige Wendungen bevor."

Quelle: sid/red