Zuversicht in düsteren Zeiten: Charlotte Knobloch (93) spricht nach Morddrohung beim jüdischen Neujahrsfest

Stand: 13.09.2026, 20:30 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Jüdisches Neujahrsfest: Charlotte Knobloch

Ein Lächeln für die Menschen: Charlotte Knobloch zeigte sich auf dem St.-Jakobs-Platz trotz allem zuversichtlich. © Oliver Bodmer

Beim Schofarblasen vor der Synagoge bekam Charlotte Knobloch viel Zuspruch. Unbekannte hatten der 93-Jährigen Gewalt angedroht. Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt.

München – Es ist eines der bedeutendsten Rituale des Judentums: das Blasen eines Widderhorns (Schofar) zum Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Die Tradition soll die Menschen in herausfordernden Zeiten wachrütteln und sie dazu anleiten, über ihre eigenen Taten nachzudenken. Angesichts des Wahlsiegs der AfD in Sachsen-Anhalt am vergangenen Wochenende und der Morddrohung gegen Charlotte Knobloch in München steht das Neujahrsfest heuer nicht unter dem besten Stern. Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, zeigte sich am Sonntag am St.-Jakobs-Platz trotzdem zuversichtlich. „Wir wären nicht hier, wenn es keine Zuversicht gäbe. In uns, in die Menschen in dieser Stadt und in unserem Land.“

Jüdisches Neujahrsfest: Rabbi Shmuel Aharon Brodman bläst das Schofar.

Jüdisches Neujahrsfest: Rabbi Shmuel Aharon Brodman bläst das Schofar. © Oliver Bodmer

Mit der schockierenden Morddrohung sieht Ludwig Spaenle (CSU) „jede Grenze überschritten“. Deutschland stehe am Scheideweg, sagte der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung. Wie berichtet, hatte ein Zeuge am Donnerstagmittag auf einer Parkbank und einem Mülleimer im Englischen Garten die Schmierereien entdeckt und die Polizei informiert. Die Gewaltandrohung stand laut des Präsidiums in explizitem Zusammenhang mit dem Wahlsieg der AfD und war in weißer Farbe im Bereich der Lerchenfeld- und Seeaustraße hingeschmiert (Hinweise unter 089/291 00).

Generalstaatsanwaltschaft hat den Fall übernommen

Mittlerweile hat die Generalstaatsanwaltschaft München den Fall übernommen. Diese habe Ermittlungen wegen Volksverhetzung, Bedrohung und Sachbeschädigung eingeleitet, sagte der Antisemitismusbeauftragte bei der Generalstaatsanwaltschaft, Oberstaatsanwalt Andreas Franck, auf Anfrage der dpa. Der Fall betreffe eine der wichtigsten Vertreterinnen des Judentums in Deutschland. Die Kultusgemeinde hatte am Freitag bestätigt, dass es sich bei der in der Drohung namentlich genannten Person um Knobloch handelte. Die 93 Jahre alte Vorkämpferin gegen Antisemitismus und frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden hatte daraufhin mitgeteilt, dass sie nicht an einem Abend mit Autor Ronen Steinke im Kulturzentrum „Fat Cat“ im Gasteig teilnehmen werde. Die Absage betraf aber zunächst keine weiteren Veranstaltungen.

Zum Neujahrsfest am Sonntag erschien Charlotte Knobloch in einem eleganten Kostüm und mit einem Lächeln für all die Menschen, die zu ihr kamen, sie umarmten und ihr gut zusprachen. „Die Zeichen sind nicht leicht. Und die Vorzeichen sind nicht gut“, sagte sie mit Blick auf den erstarkenden Rechtsextremismus im Land. Die Vergangenheit habe gezeigt: Wenn es erst einmal eine rechtsextreme Landesregierung gebe, werde eine zweite folgen. Bisher habe die Politik in Deutschland für Stabilität gestanden. Das ändere sich nun. „Der Weg abwärts aus der Ebene ist steil und auch schmerzhaft“, sagt die 93-Jährige. Deshalb sei es jetzt so wichtig, an die Menschen zu glauben, die an der Demokratie festhalten. Und das nicht nur an Tagen, an denen man bei einer Wahl sein Kreuz macht, sondern vor allem im Alltäglichen. „Ich wünsche mir Stabilität“, unterstrich Knobloch vor der Synagoge am Jakobsplatz, sowie einen „raschen und dauerhaften Frieden“.

Worte, für die die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde viel Applaus bekam. Mehr als 300 Gemeindemitglieder waren in der Mittagszeit auf dem Jakobsplatz zusammengekommen, um gemeinsam den Beginn des 5787. jüdischen Jahres zu feiern. Dabei trugen die Frauen festliche Kleidung, die Männer Kippa. Es wurde gemeinsam gesungen und geklatscht, die Menschen umarmten einander und wünschten sich das nur Beste für das neue Jahr.