Stand: 14.09.2026, 14:33 Uhr
Alexander Zverev feiert seinen nächsten Grand-Slam-Triumph, doch die Sympathien der Fans fehlen weiterhin. Eine Tennislegende provoziert sogar live im TV.
Geschichten hängen davon ab, wer sie erzählt. Das gilt auch für die Tenniswelt – einen Sport mit viel Raum für Interpretation. Das trifft besonders auf Alexander Zverev zu. Er gehört zu den zwei besten Spielern der Saison. Nach drei verlorenen Endspielen gewann er bei den French Open seinen ersten Grand-Slam-Titel. Am gestrigen Sonntag (13. September 2026) legte er bei den US Open nach. Dazwischen erreichte er das Finale in Wimbledon. Seine spielerischen Fähigkeiten stehen außer Frage. Dennoch fällt es ihm schwer, die Herzen der Fans und Experten zu erobern, obwohl er sich um ein sympathisches Auftreten bemüht.
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Dieser Artikel von Pellegrino Dell'Anno entstand in Kooperation mit Gazzetta dello Sport.
Nach seinem Finalsieg gegen Ben Shelton beim letzten Major-Turnier der Saison – der ihm Platz eins im Race to Turin vor Jannik Sinner einbrachte – kommentierte John McEnroe knapp: „Alcaraz und Sinner, kommt bald zurück.“ Diese Aussage brachte die verhaltene Begeisterung über die Erfolge des Deutschen auf den Punkt.

Zverevs Erfolge auf dem Platz und sein Engagement gegen Diabetes
Sportlich lässt sich dem Weltranglistenzweiten wenig vorwerfen. Er ist zweifacher Grand-Slam-Sieger, Olympiasieger, zweifacher Gewinner der ATP Finals und entschied sieben Masters-1000-Turniere für sich. Die Zahlen sprechen für sich. Hinzu kommt sein soziales Engagement: Mit seiner Stiftung setzt er sich im Kampf gegen Diabetes ein und geht offen mit seiner eigenen Erkrankung um. Er beweist, dass Spitzensport und Diabetes zusammenpassen. Mit Insulin, Einsatz und Leidenschaft spielt er auf höchstem Niveau, ohne auf eine Karriere als Champion zu verzichten. Eine Saison mit zwei Major-Titeln, einem Finale und einem Halbfinale zählt zu den besten der Tennisgeschichte.
Der Deutsche zeigt zudem Selbstreflexion. Er weiß, dass er seine Chancen nutzen musste. Nach dem US-Open-Sieg vergaß er im ersten Moment kurz den Spielstand und glaubte, nur ein Aufschlagspiel gewonnen zu haben. Auf die Frage, ob er sich aktuell als bester Spieler der Welt fühle, reagierte Sascha reif und bescheiden: „Wir müssen das einordnen. Bei einem verletzten Sinner und einem Alcaraz, der nach viermonatiger Pause zurückkehrt, bin ich derzeit wohl der Beste. Sind aber beide fit, steht Jannik für mich weiter vor allen anderen.“
Zweifel an der sportlichen Wahrnehmung und den Kontroversen um Zverev
Diese Aussage wirkt wie ein Lichtblick im Schatten. Ein statistischer Aspekt fällt jedoch auf: Bis zu seinem Triumph in New York gewann kein Spieler zwei Grand-Slam-Titel mit so wenigen Siegen gegen Top-10-Gegner. Zverev schlug lediglich die Nummer 9 der Welt, Ben Shelton, im Finale. Der Deutsche nutzte die günstige Auslosung und stand bereit.
Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Der Weltranglistenzweite bleibt bei vielen unbeliebt. Das geringe Interesse an seinem Halbfinale gegen Karen Khachanov – die Ticketpreise fielen bis auf 19 Dollar – unterstrich dies deutlich. Das lag nicht an einem langweiligen Spielstil, sondern an seiner oft zwiespältigen Wirkung.
Unvergessen bleiben die Vorwürfe zweier ehemaliger Partnerinnen wegen häuslicher Gewalt. Der Prozess endete mit einem Vergleich. Eine vollständige Entlastung bedeutete das für den Deutschen jedoch nicht. Zudem tut er sich seit jeher schwer, Niederlagen zu akzeptieren. Er klagt regelmäßig über äußere Umstände: Mal sind die Bälle zu weich, mal die Plätze zu langsam. Im vergangenen Mai (Mai 2026) kritisierte er in Rom nach vier vergebenen Matchbällen gegen Luciano Darderi den Belag.
Er beschuldigte Turniere und Schiedsrichter mehrfach, Sinner und Alcaraz zu bevorzugen. Großes Aufsehen erregten seine Äußerungen im vergangenen Oktober (Oktober 2025) – auf dem Höhepunkt eines sportlich enttäuschenden Jahres: „Die Plätze sind alle gleich schnell. Das hasse ich. Es ist klar, dass die Turnierdirektoren Sinner und Alcaraz bevorzugen, damit sie im Finale stehen.“ Solche Aussagen nach Niederlagen verstärken die Kritik an seiner Person.
Die schwere Verletzung 2022 und ein schwieriges Verhältnis zur Öffentlichkeit
Fairerweise bleibt seine schwere Knöchelverletzung unvergessen: Am 3. Juni 2022 knickte Sascha im Halbfinale der French Open unter Schmerzen um. Seine Karriere stand auf dem Spiel. Damals zeigte er das vielleicht beste Tennis seines Lebens. Nach der Pause fiel er aus den Top 20, kämpfte sich jedoch wieder an die Spitze zurück. Er weiß, was Leiden und Neubeginn bedeuten. Auch der Alltag mit Diabetes verlangt ihm viel Disziplin ab. Schmerz und Pech machen einen Athleten jedoch nicht automatisch sympathisch.
Besonders in den USA ist das Bild von Sascha belastet. Seine Siege werden oft mit Begriffen wie „Schatten“ oder „Dürre“ kommentiert. Sollte er vor Jahresende die Nummer 1 der Welt werden – was durchaus realistisch ist –, würden manche Fangruppen das mit Bestürzung aufnehmen. Ihm werden weder die mitreißende Freude eines Alcaraz noch das Lächeln eines Sinner zugeschrieben.
Viele nehmen ihn als unpassende Nummer 1 wahr. Zweifel und Kontroversen überlagern oft seine sportlichen Leistungen auf dem Platz. Solange die Diskussionen andauern, nutzt Zverev seinen Vorteil: Er sammelt Grand-Slam-Titel und festigt seinen Platz in der Tennisgeschichte. Als Sieger lässt sich die Ablehnung der Öffentlichkeit womöglich leichter ertragen.