Überpünktlich betrat Friedrich Merz die Royal Box, gefolgt von seiner Gattin Charlotte. Ohne jede Parteilichkeit konnte sofort konstatiert werden: Der Bundeskanzler sah fesch aus, absolut Ehrenlogen-kompatibel. Die Krawatte war in hellerem Grün gehalten, dazu ein Jäger-grünes Sakko, das durchaus zum türkisblauen Kleid seiner Ehefrau passte. Der 70-jährige Politiker nickte freundlich den Vertretern des britischen Königshauses zu, die ebenfalls in der ersten Reihe Platz nahmen.
Prinzessin Kate erschien mit Prinz William, mit zwei ihrer drei Kinder im Gefolge: George, 12, und Charlotte, 11. Der kleine Louis, 8, musste wie im Vorjahr offenbar zu Hause bleiben. Wenn Merz dachte, er könne sich jetzt mal ein wenig von den Stürmen erholen, in denen er sich in seinem Beruf regelmäßig befindet, sah er sich rasch getäuscht. Alexander Zverev wollte ja Sportgeschichte schreiben und brauchte an diesem sonnigen, allerdings windigen Sommertag jede klatschende Unterstützung. Er wollte erster männlicher deutscher Sieger auf dem erlauchten Rasenplatz in Wimbledon seit 1991 werden; damals bezwang Michael Stich überraschend Boris Becker, den dreimaligen Gewinner des Turniers.
Um 19.58 Uhr, nach einer wahren Tennisschlacht über 3:46 Stunden, wusste Merz, der vorbildlich mitgefiebert hatte, dass es diesmal mit der deutschen Sportgeschichte knapp nicht geklappt hatte. Der italienische Weltranglistenerste Jannik Sinner hatte seinen Titel aus dem Vorjahr dank einer Energieleistung verteidigt, mit einem grandios umkämpften 6:7 (7), 7:6 (2), 6:3, 6:4 in einer fantastischen Partie im All England Club. Zverev verpasste damit seinen zweiten Grand-Slam-Sieg hintereinander. Anfang Juni hatte er seinen ersehnten ersten Titel bei einer der vier größten Tennisveranstaltungen errungen, bei den French Open in Paris. Somit bleibt Angelique Kerber der letzte deutsche Profi, der an der Church Road triumphierte, 2018 hatte sie im Endspiel die US-Amerikanerin Serena Williams niedergerungen.
„Jannik, ich mag dich nicht mehr, zehnmal in Serie gegen dich zu verlieren, ist hart“
Als Zverev bei der Siegerehrung aufgerufen wurde, erhielt er lauten, begeisterten Applaus. Lächelnd hielt er den kleineren Silberteller hoch, der dem Verlierer stets überreicht wird. Sinner erhielt danach kurz und schmerzlos die Gentleman’s Singles Trophy in die Hand gedrückt. Zverev sprach als Erster. „Jannik, ich mag dich nicht mehr, zehnmal in Serie gegen dich zu verlieren, ist hart“, sagte er. Er hatte ja bei den vergangenen neun Duellen mit Sinner neunmal den Kürzeren gezogen. „Aber im Ernst: Jannik hat gezeigt, dass er der beste Spieler der Welt ist“, fügte der 29-Jährige schnell hinzu und betonte: „Es war eine Ehre, mit dir hier den Platz zu teilen.“ Und er fand angemessene Worte, um den Centre Court und die Gäste in der Royal Box zu würdigen. Zverev ist bei solchen Gelegenheiten ein exzellenter öffentlicher Redner, vor allem auf Englisch. Zu seinem Team sagte er noch: „Wir hatten ziemlich gute zwei Monate, auch wenn wir heute verloren.“
Allerdings. Zverevs Grand-Slam-Bilanz in dieser Saison ist überhaupt überragend. Er verlor nur zwei Matches, das Halbfinale der Australian Open gegen den Spanier Carlos Alcaraz. Und nun das Endspiel in Wimbledon. Zverev wird ab diesem Montag die neue Nummer zwei sein, er überholt Alcaraz in der Weltrangliste. Der 23-Jährige hatte verletzt die French Open verpasst und fehlte auch beim Rasenklassiker.
Sinner zollte Zverev umgehend seinen Respekt: „Wenn du so weitermachst, wirst du dir diesen Pokal auch holen“, sagte er. Der 24-Jährige aus dem Pustertal in Südtirol wird 4,22 Millionen Euro Preisgeld erhalten, Zverev kassiert 2,1 Millionen Euro. Sinner ist der zehnte Spieler in Wimbledon seit Beginn der Profi-Zeit (1968), der seinen Titel aus dem Vorjahr wiederholen konnte.

Die Partie begann ausgewogen, beide hielten zunächst souverän ihre Aufschlagspiele, Zverev durfte das sofort Sicherheit geben. Und das tat es. Sinner musste mehr darum kämpfen, seine Aufschlagspiele zu halten, auch wenn er bei 4:3 einen Breakball hatte. Zverev servierte prächtig. Er streute zwar manche Vorhand, aber er bekannte sich zur Attacke. So war der frühere Zverev nicht. Und es war bezeichnend für diesen neuen Zverev, dass er mit einem Vorhandschuss in Sinners Rückhandecke den engen ersten Satz im Tiebreak für sich entschied.
Merz, der hochkonzentriert auf den Platz herunterblickte, legte das Jackett ab. Auch seine Betriebstemperatur hatte sich offenbar bei diesem hochklassigen Duell erhöht. Hinter ihm verfolgten weitere namhafte Erdenbürger gebannt das Match, etwa die Schauspieler Nicole Kidman, Dustin Hoffman und Rami Malek sowie der zweimalige Wimbledon-Sieger Stefan Edberg aus Schweden. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni war nicht angereist, sie ließ sich von Andrea Abordi, Minister für Sport und Jugend, vertreten.
Zverev war nun im Tunnel, in seiner ganz eigenen Welt, ein Zustand, den er genau so neuerdings liebt. Er erklärte in Wimbledon, er wolle bei sich bleiben. Sich nicht ablenken lassen. Und alles ausblenden, die Fragen auf Pressekonferenzen, die Erwartungen von Experten, gute Schläge der Gegner auf dem Platz. „Mein Job ist, auf den Tennisplatz zu gehen und das beste Tennismatch zu spielen, das ich kann“, sagte er bei Prime Video am Freitag, „dafür muss ich einfach vollkommen in Frieden mit mir sein. Ich muss zu mir selbst stehen, ich muss unter meinen eigenen Leuten sein, und ich muss die Außenwelt ausblenden. Und genau das tue ich.“ Sogar sein Handy machte er in diesen zwei Wochen komplett aus.
Sinner, der schwach ins Turnier gestartet war, war nur eben ein anderes Kaliber als Zverevs Gegner zuvor im Verlaufe des Wettbewerbs. Er fand zwar keine Mittel bei Zverevs Aufschlägen, aber im Tiebreak des zweiten Satzes glänzte er mit klinischer Präzision, während Zverev kurz zu passiv agierte. Das 7:2 für Sinner war die Folge in diesem Entscheidungsspiel. Zuvor musste sich Zverev bei einem Seitenwechsel spritzen, er hat bekanntlich Diabetes Typ 1. Merz hielt nun mit Sonnenhut eisern die Stellung.

Das Duell blieb ein Armdrücken zweier Tennisschwergewichte, ein, zwei schwache Momente konnten jeden den Satz kosten. Das Niveau war spektakulär und das Match zählte schon jetzt zu den besten der vergangenen Jahre in Wimbledon. Zverev hatte bei 3:3 seinen zweiten Breakball. Vorbei die Chance. Als er hinfiel und sich das Knie hielt, wurde es still. Sinner sprintete zu ihm. 2022 im Halbfinale der French Open war Zverev so schlimm umgeknickt, dass ihm sieben Bänder gerissen waren. Aber er gab auf dem Platz Entwarnung (später auf der Pressekonferenz teilte er mit, sein rechtes Knie sei doch leicht angeschwollen). Sinner wirkte wacher in dieser Phase und verwandelte seinen ersten Breakball im Match. Zverev warf den Schläger weg, eine erste deutliche Frustreaktion. Er musste das 3:6 hinnehmen.
Satz vier: Der Rasenplatz, abgenutzt nach zwei Wochen, lag jetzt im Schatten. Punch auf Punch wechselte sich ab, die beiden zeigten, dass sie die mit Abstand besten Spieler des Turniers waren. Bei 3:3 patzte Zverev minimal, Sinner war sofort mit dem Break zur Stelle. Er hatte das Match jetzt in der Hand. War Zverev lange der Stabilere, war es nun Sinner, der auch mit den Windböen klarkam und sich nicht dadurch aus dem Konzept bringen ließ, dass er oft ausrutschte. Aber Zverev wehrte sich, punktete, ruderte mit den Armen, forderte die Zuschauer auf, laut zu werden. Die letzten Ballwechsel waren das Beste, was es seit Langem im Tennis zu sehen gab. Und Sinner nutzte doch seinen ersten Matchball: Mit einer brachialen Vorhand in Schallgeschwindigkeit hämmerte er den Ball die Linie runter. Er warf sich auf den Rücken und schlug die Hände vors Gesicht.