Nur 5 Prozent der IAU-Mitglieder stimmten ab – so verlor Pluto vor 20 Jahren seinen Planetenstatus

20 Jahre Zwergplanet: Warum die Pluto-Entscheidung die Astronomie bis heute spaltet

Stand: 24.08.2026, 19:50 Uhr

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Seit 20 Jahren ist Pluto ein Zwergplanet. Doch warum wurde er degradiert – und weshalb sorgt die Entscheidung bis heute für Streit?

Frankfurt – In der Astronomie geht es um die Erforschung des Universums. Doch eine Entscheidung in dieser ältesten Naturwissenschaft löste einen regelrechten Aufschrei aus – bei Menschen, die mit Astronomie beruflich eigentlich nichts zu tun haben. Vor genau zwanzig Jahren wurde Pluto als „Zwergplanet“ eingestuft – vom Tisch ist das Thema auch nach dieser langen Zeit noch nicht, auch bei manchen Fachleuten. Ganz im Gegenteil: Im Internet finden sich bis heute T-Shirts, Tassen und andere Souvenirs mit nostalgischen Sprüchen wie: „Als ich in deinem Alter war, war Pluto noch ein Planet.“

Der Zwergplanet Pluto (vorne) und sein Mond Charon (hinten) wurden 2015 von der Nasa-Raumsonde „New Horizons“ besucht. (Archivbild)

Der Zwergplanet Pluto (vorne) und sein Mond Charon (hinten) wurden 2015 von der Nasa-Raumsonde „New Horizons“ besucht. (Archivbild) © Imago/piemags/Nasa

Die Entscheidung, Pluto neu einzuordnen, fiel allerdings nicht ohne wissenschaftlichen Grund. In den Jahren vor der Neueinstufung Plutos fanden Forscher – allen voran ein Team um den US-Astronomen Mike Brown – gleich mehrere bis dato unbekannte Himmelskörper im Sonnensystem. Vor allem Eris war dabei von Bedeutung, denn der Himmelskörper ist etwa so groß wie Pluto und wurde nach seiner Entdeckung im Jahr 2005 teilweise als „zehnter Planet des Sonnensystems“ bezeichnet.

Vom Planeten zum Zwergplaneten: Wieso Pluto „herabgestuft“ wurde

Letztlich waren es die Entdeckungen von Eris und anderen Himmelskörpern, die dafür sorgten, dass die Internationale Astronomische Union (IAU) erstmals genau definierte, was einen Planeten ausmacht. Am 24. August 2006 stimmte die IAU-Generalversammlung über eine Definition des Begriffs „Planet“ ab. Die Versammlung verabschiedete folgende Kriterien:

  • Der Himmelskörper kreist um die Sonne.
  • Der Himmelskörper besitzt genug Masse, um durch seine eigene Gravitation annähernd kugelförmig zu sein.
  • Der Himmelskörper hat seine Umlaufbahn von anderen vergleichbaren Objekten „freigeräumt“.

Pluto entspricht nicht allen Kriterien der neuen Planetendefinition

Der letzte Punkt wurde zum Problem für Pluto. Zwar kreist er um die Sonne und ist annähernd kugelförmig. Er teilt seine Umlaufbahn jedoch mit zahlreichen anderen Himmelskörpern – Pluto dominiert seine kosmische Umgebung also nicht wie die acht großen Planeten. Damit stand fest: Seit dem 24. August 2006 gilt Pluto nicht mehr als neunter Planet unseres Sonnensystems, sondern als Zwergplanet. Er ist nach seinem Durchmesser der größte bekannte Zwergplanet – Eris besitzt allerdings mehr Masse.

In der Öffentlichkeit sorgte die Entscheidung für Aufruhr. Nicht nur, dass in Astronomie- und Schulbüchern der Merksatz für die Reihenfolge der Planeten geändert werden musste (aus „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten“ wurde „Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unseren Nachthimmel“) – plötzlich musste man sich an den Gedanken gewöhnen, dass es nur noch acht Planeten im Sonnensystem gibt.

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Pluto als Zwergplanet – eine bis heute umstrittene Entscheidung

Auch in der Fachwelt war diese Entscheidung umstritten. Es gab bereits im Vorfeld der Entscheidung große Debatten und bis heute gibt es Fachleute, für die Pluto, aber auch andere große Zwergplaneten wie Eris zu den Planeten zählen. Zu den größten Kritikern zählt Alan Stern, der wissenschaftliche Leiter der NASA-Mission „New Horizons“, die im Jahr 2015 an Pluto vorbeigeflogen ist und ihn dabei untersucht hat. Dass die Sonde dort eine geologisch hochaktive Welt mit Stickstoff-Gletschern, Eisbergen und einer Atmosphäre enthüllte, ist bis heute ein Hauptargument der Pluto-Befürworter.

Schon unmittelbar nach der Entscheidung im Jahr 2006 stellte Stern im New Scientist klar: „Die eingeführte Definition ist grundlegend fehlerhaft. Als Wissenschaftler ist mir das peinlich.“ Kritiker wie Stern wenden ein, dass auch die Umlaufbahnen der großen Planeten nicht vollständig frei von anderen Objekten sind. In der Nähe der Erde gibt es etwa Tausende erdnahe Asteroiden; Mars, Jupiter und Neptun teilen ihre Umlaufbahnen mit sogenannten Trojanern. Befürworter der IAU-Definition entgegnen, dass es dabei nicht um eine vollkommen leere Umlaufbahn geht, sondern um die gravitative Dominanz eines Körpers.

Es hätte auch eine Planetendefinition mit viel mehr Planeten geben können

Neben der 2006 angenommenen Planetendefinition stand noch ein weiterer Vorschlag zur Wahl. Er hätte Pluto als Planeten behalten und zusätzlich Ceres, Eris und Plutos Mond Charon als Planeten anerkannt. Das Sonnensystem hätte dann zwölf Planeten gehabt – mit weiter steigender Anzahl. Das Argument der Gegenseite, dies seien zu viele Objekte für den Schulunterricht, hält Alan Stern für absurd: „Es sind einfach Leute, die Dinge sagen wie: ‚Schüler müssen sich zu viele Namen merken.‘ Beschränken wir etwa die Anzahl der Sterne, weil Kinder sich zu viele Namen merken müssen? Oder die Anzahl der Flüsse auf der Erde? Das ist doch verrückt.“

Ein weiterer Punkt der Kritiker: Die Abstimmung fand am Ende der IAU-Generalversammlung statt und es durfte nur mitstimmen, wer anwesend war. Deshalb hätten weniger als fünf Prozent der fast 9000 IAU-Mitglieder ihre Stimme abgegeben. „Die IAU ist sich bewusst, dass die Entscheidung, Pluto neu einzustufen, nach wie vor heftige Reaktionen hervorruft“, teilte die Organisation bereits im März 2026 auf Anfrage der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media mit und betonte: „Die Einstufung von Pluto als Zwergplanet, die 2006 auf der Generalversammlung der IAU beschlossen wurde, war das Ergebnis mehrjähriger Bemühungen, zu definieren, was einen Planeten ausmacht.“

Pluto könnte wieder zum Planeten werden – doch es ist nicht einfach

Pluto wieder zum Planeten zu machen, ist grundsätzlich möglich, aber schwierig. „Um Pluto wieder als Planeten anzuerkennen, müsste die Definition überarbeitet werden, insbesondere im Hinblick auf das dritte Kriterium. Ohne diese Anforderung würden auch mehrere weitere Objekte in den äußeren Regionen des Sonnensystems als Planeten gelten, da sie von der Größe her mit Pluto vergleichbar sind“, teilt die IAU auf Nachfrage mit. Die Zahl der Planeten im Sonnensystem könnte sich dann wiederholt ändern – bei jeder größeren Entdeckung könnte es sich um einen Planeten handeln.

Präzedenzfall Ceres und die Situation heute

Der heutige Zwergplanet Ceres hat eine noch viel bewegtere Geschichte hinter sich als Pluto: Am 1. Januar 1801 wurde der Himmelskörper von Giusepe Piazzi entdeckt. Zuerst galt Ceres als Planet. Als zahlreiche weitere Asteroiden entdeckt wurden, galt der Himmelskörper als Asteroid – und mit der IAU-Definition aus dem Jahr 2006 wurde Ceres zum Zwergplaneten. Zu finden ist der Himmelskörper im Asteroidengürtel zwischen den Umlaufbahnen von Mars und Jupiter.

Heute kennt man in unserem Sonnensystem insgesamt acht Planeten, fünf bestätigte Zwergplaneten und mehr als 100 Kuipergürtel-Objekte, bei denen es sich um Zwergplaneten handeln könnte.

Wird Pluto wieder zum Planeten, könnten zahlreiche andere Himmelskörper dazukommen

Alleine im Kuipergürtel sind heute mehr als 100 Objekte bekannt, die potenziell Zwergplaneten sein könnten – und dann auch als Planeten gelten könnten. Deshalb betonte die IAU im März 2026 auf Anfrage unserer Redaktion: „Derzeit gibt es keine laufenden formellen Arbeiten der IAU, die auf eine Neudefinition des Begriffs ‚Planet‘ abzielen, obwohl es in der wissenschaftlichen Gemeinschaft entsprechende Ideen gibt.“

Um Planeten neu zu definieren, bräuchte man „umfangreiche wissenschaftliche Vorarbeiten“, betont die Astronomie-Organisation. Einer veränderten Definition müsste dann wieder die IAU-Generalversammlung zustimmen, die das nächste Mal im August 2027 in Rom tagen soll. (Quellen: Eigene Recherche, New Scientist) (tab)