„Die wenigsten hören am Höhepunkt auf“

Stand: 24.08.2026, 19:51 Uhr

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Voigtmann mit dem WM Pkal macht Selfie

Bilder für die Ewigkeit. Voigtmann 2023 in Manila mit dem WM-Pokal. © IMAGO/Tilo Wiedensohler

Johannes Voigtmann sagt Servus zum DBB-Team. Der Weltmeister blickt im Interview auf elf Jahre Nationalmannschaft zurück

München – Johannes Voigtmann sagt Servus zum DBB-Team. Der Weltmeister blickt im Interview auf elf Jahre Nationalmannschaft zurück, erklärt die wichtigste Lehre aus enttäuschenden Turnieren und verrät, wie er seine neue Rolle als „Nummer-eins-Fan von draußen“ ausleben wird.

Jo, beim Supercup am Wochenende fehlten Sie, am Donnerstag in Köln sind Sie vor Ort. Wieder als Spieler?

Johannes Voigtmann: Nein, ich bin jetzt Fan und ein Ehemaliger: Denn ich habe mich entschieden, meine Karriere in der Nationalmannschaft nun offiziell zu beenden. Ich wollte eigentlich schon nach Olympia aufhören und hatte das mit Alex Mumbru besprochen.. Er hat mich überzeugt, noch ein Jahr dranzuhängen und die EM zu spielen. Dafür bin ich ihm dankbar, weil es noch einmal ein schöner Sommer war – auch wenn er durch meine schwere Verletzung etwas eingetrübt war. Für mich war danach klar: Das war es beim DBB und ich werde mich nun nur noch auf Bayern konzentrieren. In Köln werde ich verabschiedet, dafür hat mir unser neuer Coach Anton Gavel sogar eine Trainingseinheit erlassen. 

Wann haben Sie die Entscheidung getroffen?

Ich wollte eigentlich schon nach den Olympischen Spielen in Tokio aufhören und hatte das mit Alex so besprochen. Er hat mich dann überzeugt, noch mal ein Jahr dranzuhängen und die EM zu spielen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar, weil es noch einmal ein richtig schöner Sommer war, auch wenn er für mich persönlich durch die schwere Verletzung etwas eingetrübt war. Für mich war danach klar: Das war es.

War die Verletzung letztlich ausschlaggebend?

Sie war das i-Tüpfelchen. Ich habe schon länger darüber nachgedacht: Wann ist der richtige Zeitpunkt, wann ist genug? Will ich nicht im Sommer endlich mal Zeit mit der Familie verbringen? Dass körperlich noch ein Faktor dazukam, war nicht zu vernachlässigen. Aber die Entscheidung für die Family hatte ich eigentlich schon im Frühjahr getroffen.

Die Voigtmanns mit dem EM-Pokal 2025

Das letzte Hurra: Familie Voigtmann mit dem EM-Pokal. © IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/Wunderl

Wie schwer ist es, eine solche goldene Generation zu verlassen?

Der Zeitpunkt ist gut. Wir haben viele Sachen gewonnen. Der Schmerz über Olympia ist noch ein bisschen da, weil es sportlich am Ende nicht ganz gereicht hat, aber ich bin komplett im Reinen mit mir und mit dem, was wir erreicht haben. Die wenigsten schaffen es, auf einem Höhepunkt aufzuhören. Ich glaube, dass es für mich ein sehr guter Moment ist.

Sie sind 2014 zur Nationalmannschaft gekommen. Wie präsent sind Ihre Anfänge noch?

Das war eine ganz andere Zeit für mich. Ich kam gerade aus dem Jugendbereich, wurde Profi und bin in eine Mannschaft gekommen, die sich selbst ein bisschen gesucht hat. Nach der EM 2013 wusste man nicht genau, wo man steht und was man will. Trotzdem war von Anfang an ein Zusammenhalt da. Dieses Nationalmannschaftsgefühl, das am Ende auch da war, gab es schon damals – vielleicht in einer anderen Form. Für mich waren das wichtige erste Schritte: Wie ist es, im Sommer weg zu sein? Wie plane ich mein Jahr? Wann muss ich fit sein?

In der Euroleague wurden Sie bald zur festen Größe in Europa. Wann haben Sie sich beim DBB als Führungsspieler gesehen?

Ich glaube, das war 2017 bei der EM. Einige Ältere waren raus, einige Jüngere kamen dazu. Das war dann meine Generation. Da hatte ich das Gefühl, ein wichtiger Teil dieser neuen Ära zu sein. Und da ging es für uns richtig los.

Man hat später häufig gehört, dass Sie in den goldenen Jahren der eigentliche Schlüsselspieler gewesen seien. Wie sehen Sie das selbst?

Schlüsselspieler ist vielleicht ein bisschen zu viel. Ich glaube, das Entscheidende war, dass jeder in der Mannschaft seine Rolle perfekt gespielt hat. Meine Rolle war sehr gut und wichtig für die Mannschaft, aber genauso die der anderen elf. Jeder hat seine Rolle gut gespielt. Das war der Schlüssel zum Erfolg.

Voigtmann im Spiel gegen Griechenland

Unter den fünf Ringen: Voigtmann 2024 in Paris. © IMAGO/Tilo Wiedensohler

2019 kam dann die große Enttäuschung. Hat es diese Erfahrung gebraucht, um 2023 zu erleben?

Zu 100 Prozent. 2017 hatten wir eine sehr gute Europameisterschaft gespielt und waren absolut in unserem Soll. Dann kam 2019, und wir waren sehr ambitioniert. Wir hatten viele NBA- und EuroLeague-Spieler dabei, eigentlich eine gute Mischung aus Erfahrung und Qualität. Und dann hast du dieses ernüchternde Erlebnis. Ich habe kurz nach der WM mit Henrik Rödl und Dennis Schröder darüber gesprochen, was anders laufen muss. Wir haben einfach viele Fehler in der Vorbereitung gemacht. Die Teamchemie war nicht so, dass wir damit viel hätten gewinnen können. Diese Erfahrung zu machen, war für jedes Team wichtig: zu erkennen, dass es so nicht funktioniert.

Was war die wichtigste Lehre?

Du musst eine Atmosphäre kreieren, in der du im Training gegeneinander kämpfst und dir Sachen sagen kannst, ohne dass es komisch aufgenommen wird. Und nach dem Training kannst du trotzdem eine gute Zeit zusammen haben. Das ist das A und O. In den Folgejahren ist das deutlich besser geworden.

Wann haben Sie gemerkt: Jetzt geht es in die richtige Richtung?

2021 mit Olympia hat es vielleicht angefangen, aber richtig deutlich wurde es mit Gordie (Herbert, d.Red.). Er hat gesagt: Wer jetzt dabei ist, der ist dabei. Entweder wir machen das oder wir machen es nicht. Dadurch konnten wir über mehrere Jahre mit einem Grundgerüst planen und ein Verhältnis entwickeln. Du musst am Anfang des Sommers nicht zwei Wochen brauchen, um alle kennenzulernen, sondern kommst hin und bist sofort da. Das war ein großer Unterschied.

Das von ihm eingeforderte Bekenntnis für drei Jahre?

Ja. Es hat dir die Sicherheit gegeben, dass du im nächsten Sommer nicht bei null anfangen musst. Es gab eine gewissse Fairness, auch wenn es natürlich Spieler gab, die in den Fenstern immer dabei waren und es dann im Sommer trotzdem nicht in die Mannschaft geschafft haben. Grundsätzlich war das Team aber zusammen. Und das ist auch im Vereinsbasketball extrem wichtig: ein Team über lange Zeit zusammenzuhalten.

Wann haben Sie 2023 gemerkt, dass da etwas Besonderes entstehen könnte?

Ich glaube, nach der Vorrunde beziehungsweise als wir Richtung Manila geflogen sind. Wir hatten diesen schlechten Moment gegen Slowenien und haben den super gemeistert, ohne dass etwas hängen geblieben ist. Da hast du gemerkt: Jetzt passiert hier etwas. Aber wir haben uns gar nicht so sehr damit beschäftigt. Wir haben gesagt: Wir spielen jetzt einfach und wollen gewinnen. „Oh, wir können hier Gold gewinnen“ war eigentlich kein großes Thema.

Welcher Moment aus jenem Sommer kommt ihnen heute noch in Erinnerung?

Ich kann mich an die Sauna vor einem Spiel erinnern. Wir haben über alles Mögliche geredet, auch über Basketball. Das war total angenehm, weil wir sehr gut abschalten konnten. Wir konnten ohne Basketball klarkommen, aber genauso gut über Basketball reden. Das hat gezeigt, wie gesund diese Mannschaft war: entspannt, aber auf der anderen Seite auch sehr fokussiert. An diese Sauna mit den eigenen Aufgüssen erinnere ich mich gerne.

Sie haben mehrere Bundestrainer erlebt. Wer hat Sie am meisten geprägt?

Eigentlich alle. Jeder Trainer gibt dir etwas mit. Aber Gordie hat sicher einen riesengroßen Eindruck hinterlassen, auch weil er Dinge ein bisschen anders gemacht hat. Deshalb war er natürlich auch immer mit Erfolg verbunden. Aber auch mit Henrik Rödel war es eine super Zeit. Die Olympiaqualifikation in Split, das Ticket für Olympia festzumachen, war vielleicht der emotionalste Moment. Und Chris Fleming hat dieses langfristige Denken angestoßen: Wir müssen ein langfristiges Ziel haben, wo wollen wir hin?

Olympia überstrahlt trotz der Titel alles?

Für mich war das Allergrößte, dabei zu sein. Ich bin ein extremer Sportfan und habe als Kind Olympia und generell alle Sportarten verfolgt. Als ich in Tokio zum ersten Mal in die Mensa kam und dort die unterschiedlichsten Sportler gesehen habe – kleine Turner, riesige Ruderer, schwere Judoka –, war das einfach beeindruckend. Auch diese Atmosphäre ist etwas Besonderes. Du siehst, wie jeder sich auf seine Wettkämpfe vorbereitet, und wie nach den Wettkämpfen der Druck abfällt bei Sportlern, die sich vier Jahre auf dieses Ereignis vorbereitet haben. Bei uns ist es eher: Nächstes Jahr ist wieder eine WM. Für viele andere ist Olympia das Ding. Das sind Dinge, die ich nicht vergessen werde und von denen ich meinen Kindern und irgendwann meinen Enkelkindern erzählen werde. Zweimal Olympia erlebt zu haben und in Paris sogar mit meinen Kindern dabei gewesen zu sein, ist Wahnsinn.

Paris war trotzdem nicht ganz das klassische Olympia-Erlebnis, weil Sie zunächst außerhalb der Stadt waren...

Das war ein bisschen schade. Das Stadion, in dem wir gegen Frankreich vor vielleicht 26.000 Leuten gespielt haben, war Wahnsinn und beeindruckend. Aber es hat vom Olympia-Feeling ein bisschen etwas genommen. Deshalb war ich froh, dass wir als Team entschieden haben, zur Eröffnungsveranstaltung zu fahren, auch wenn das vielleicht ein bisschen Harakiri war. Das war toll.

Jetzt kommt eine neue Generation. Sie haben selbst gesagt, dass Platz für andere sein soll. Sind Sie optimistisch?

Der Talentpool ist inzwischen riesig. Du hast am College viele Spieler, die richtig gut sind. Mit Steinbach und Anderson kommen neue Leute dazu. Auch Hartenstein und Hukporti sind bereit für den nächsten Zyklus. Die Basis ist sehr gut.

Voigtmann im entscheidenden Finale gegen Berlin.

Volle Kraft auf Bayern. Nach der verlorenen Meisterschaft tritt Voigtmann nun mit runderneuertem Team an. © IMAGO/Frank Hoermann / SVEN SIMON

Sehen Sie einen neuen Voigtmann?

Oh nee. Einen neuen Voigtmann nicht. Aber es braucht keinen neuen Voigtmann. Es braucht Steinbachs und Hartensteins und all die anderen, die nachkommen. Die werden ihre eigenen Geschichten schreiben und ihre eigenen Plätze in einem Team finden. Das wird genauso erfolgreich werden. Ich bin jetzt Nummer-eins-Fan von draußen.

Und jetzt Bayern – wie fühlt sich der neue Abschnitt an?

Sehr gut. Es ist eine gute Energie da. Die ersten Tage sind natürlich immer ein bisschen speziell, aber alle haben Bock. Es ist ein schönes Arbeiten.

Mit Trainer Anton Gavel. Ein ungewöhnlicher Weg, oder?

Ich glaube, das ist eine sehr, sehr gute Idee. Er war als Spieler schon sehr engagiert und coacht jetzt genauso. Er hat in den letzten Jahren gezeigt, dass er auf sehr hohem Niveau coachen kann. Das wird eine interessante Aufgabe für ihn, und ich versuche, ihm zu helfen, dass es erfolgreich wird.

Zunächst folgt am Donnerstag Ihre Verabschiedung: Ohne Tränen?

Nee, ich glaube, die gibt es eher von meiner Familie als von mir (lacht).