„45 Prozent plus X“: Ulrich Siegmund will die AfD bei Wahl in Sachsen-Anhalt zum Triumph führen
Stand: 01.09.2026, 19:53 Uhr
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Ulrich Siegmund will der erste AfD-Ministerpräsident werden – mit Selfies, TikTok und dem Versprechen „Alles wird gut“. Was hinter dem Lächeln steckt.
Magdeburg – Lange Schlangen an den Wahlkampfständen, Selfies, Umarmungen, ein breites Lächeln: Ulrich Siegmund inszeniert sich vor der Wahl in Sachsen-Anhalt als das freundliche Gesicht einer Partei, die der Verfassungsschutz in dem Bundesland allerdings seit November 2023 als gesichert rechtsextremistisch einstuft. Der 35-jährige AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 6. September will der erste AfD-Ministerpräsident Deutschlands werden. In den Umfragen liegt seine Partei seit Monaten weit vor der regierenden CDU von Ministerpräsident Sven Schulze, mit Werten von 40 Prozent und mehr. Siegmund hat das Ziel bei der Landtagswahl klar definiert: „45 Prozent plus X“ will er für die AfD in Sachsen-Anhalt holen.

Der AfD-Politiker aus Tangermünde hat das Bild der Wahlkampagne seiner Partei deutlich verändert. Wo die AfD einst auf Wut und ein düsteres Deutschlandbild setzte, dominieren laut ZDF nun Positiv-Botschaften: „Alles wird gut“ steht auf den Wahlplakaten, Siegmund erscheint als Heilsbringer dieses Versprechens. Politikwissenschaftler sprechen von „Wohlfühl-Gemeinschaften“. An den Infoständen auf Marktplätzen und bei Bürgerdialogen versucht Siegmund bei seinen Anhängern vor allem das Gefühl zu bestärken, dass man mit „gesundem Menschenverstand“ die vorherrschende Situation in Deutschland bei der Migration, der Energiepolitik oder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur schlimm finden könne. Bei Simson-Ausfahrten werden Clips für das Wir-Gefühl produziert. Auf TikTok folgen ihm über 700.000 Menschen.
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bei Wahl in Sachsen-Anhalt: „charismatische Verkäufer der Ideologie“
Siegmunds Aufstieg vor der Wahl in Sachsen-Anhalt ist untrennbar mit der Corona-Pandemie verbunden: Als das öffentliche Leben stillstand, baute der AfD-Politiker seine Präsenz in den sozialen Netzwerken konsequent aus und sammelte mit seiner Kritik an den Eindämmungsmaßnahmen mehrere Hunderttausend Abonnenten. Heute bespielt er seine Kanäle nahezu täglich. In der Partei nimmt er laut Tagesschau eine klar definierte Rolle ein: Er ist der „charismatische Verkäufer der Ideologie“ und ein starker Kontrast zu Personen wie Hans-Thomas Tillschneider. Der stellvertretende Landesvorsitzende gilt entgegen des Spitzenkandidaten als Hauptautor des sogenannten Regierungsprogramms.
Wie die Deutsche Presse-Agentur schreibt, kann Siegmund im Parlament hart gegen die Konkurrenz austeilen und im nächsten Moment einer Seniorengruppe ein Kompliment machen. Er gilt als rhetorisch versiert. Der Weg des Politikers verlief hingegen alles andere als klassisch. Nach der 11. Klasse verließ er das Gymnasium mit der Fachhochschulreife, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung im Groß- und Außenhandel, arbeitete im Außendienst und landete schließlich in einer Berliner Augenklinik. Parallel absolvierte er ein Fernstudium in Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaft, das er 2016 mit dem Bachelor abschloss – im direkten Übergang zu seinem ersten Landtagsmandat.
Es folgten weitere Stationen im Vertrieb und ein Bachelor-Studium der Wirtschaftspsychologie und Betriebswirtschaftslehre an einer Hamburger Fern-Hochschule. Danach hat er Raumdüfte verkauft. Siegmund sei ein „Duftkerzenverkäufer“, stichelte der CDU-Politiker Philipp Amthor kürzlich.
AfD bei Wahl in Sachsen-Anhalt: Siemund nicht unumstritten
Als junger Erwachsener war Siegmund kurz CDU-Mitglied, danach setzte er auf die AfD. 2016 gelang ihm der Sprung in den Landtag. Seit mehreren Jahren führt er die Fraktion gemeinsam mit Oliver Kirchner als Co-Vorsitzender. Bei seiner Wahl zum Spitzenkandidaten erhielt er mehr als 97 Prozent der Stimmen. Sein nächstes Ziel heißt Staatskanzlei – eine Koalition mit der CDU oder anderen Parteien schließt er kategorisch aus.
Siegmund stand nach 2022 erstmals stärker in der Kritik. Er hatte im November 2023 an einem Treffen in Potsdam teilgenommen, bei dem der frühere Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung, Martin Sellner, über „Remigration“ sprach. Der Landtag von Sachsen-Anhalt berief Siegmund daraufhin als Vorsitzenden des Sozialausschusses ab. Auch bei der AfD-Vetternwirtschaftsaffäre vor ein paar Monaten war Siegmund mittendrin. Siegmunds Vater soll als Mitarbeiter im Bundestagsbüro eines AfD-Parteikollegen laut Medienberichten zeitweise mehr als 7500 Euro monatlich erhalten haben.
AfD-Spitzenkandidat Siegmund bei Wahl in Sachsen-Anhalt: „Geschichte schreiben“
Heute spielt Ulrich Siegmund das Treffen als „Potsdamer Kaffeekränzchen“ herunter. Sein Verhältnis zu Rechtsextremen bleibt insgesamt aber unklar: In seinem Umfeld finden sich Vertraute, die in der inzwischen verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) aktiv waren – für Siegmund „Jugendsünden“, „längst verjährt“. Gefragt, ob er die Jahre 1933 bis 1945 als „schlimmstes Menschheitsverbrechen“ bezeichnen würde, antwortete Siegmund dem ZDF zufolge ausweichend: „Das maße ich mir nicht an, zu bewerten. Weil ich die gesamte Menschheit nicht aufarbeiten kann.“
Mit seiner Ehefrau Julia hat Siegmund eine kleine Tochter, sie leben in der Kleinstadt Tangermünde (Landkreis Stendal). Aus der katholischen Kirche ist er ausgetreten. In seiner Freizeit geht er ins Fitnessstudio, wenn er die Zeit dafür findet. Früher hat er häufiger Bücher von Wilhelm Busch gelesen, außerdem zählte das Sondeln zu seinen Hobbys – dabei sucht man mit einem Metalldetektor nach Gegenständen im Boden. Der 35-Jährige gibt sich oft moderater als das Programm seiner Partei. „Es gibt keinen Grund für einen rechtschaffenden Bürger, Angst zu haben. Hier rollt doch nicht der Bulldozer durchs Land und macht alles nieder“, sagte er mal mit Blick auf seine angestrebte Alleinregierung.
Das Regierungsprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt zur Landtagswahl, die sogenannte „Vision 2026“, sieht weitreichende Einschnitte vor: Als erste Amtshandlung will Siegmund den Medienstaatsvertrag kündigen, der die Rechtsgrundlage des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bildet. Zudem will die AfD „abschieben ab Minute eins“, Regenbogenflaggen an öffentlichen Schulen verbieten, die Schulpflicht abschaffen und Fördergelder für Vereine in der Demokratiearbeit streichen. Zwei Migrationsrechtler der Universität Halle-Wittenberg kommen zu dem Schluss, dass zentrale Vorhaben rechtswidrig wären. Siemund hat bei der Wahl in Sachsen-Anhalt vorerst ein Ziel: Er will mit dem Wahlsieg „Geschichte schreiben“. (Quellen: dpa, AFP, Tagesschau, ZDF) (fbu)