5.000 Unfälle, keine Versicherung: Der gefährliche Trick mit polnischen Kennzeichen in Italien

Stand: 24.09.2026, 08:00 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Über 5.000 Unfälle mit polnischen Kennzeichen registrierte Italien allein 2025. Viele der Autos haben Polen nie gesehen, ihre Fahrer nutzen ein Schlupfloch bei den Versicherungskosten, das jetzt teuer wird.

Rom – 2025 gab es auf italienischen Straßen mehr als 5.000 Unfälle mit Autos, die in Polen zugelassen sind. Dahinter stehen nicht nur polnische Fahrer, sondern auch Italiener, die ihre Fahrzeuge bewusst in Polen registrieren lassen.

Der Reiz liegt in deutlich niedrigeren Versicherungskosten, doch das System erweist sich zunehmend als riskant – besonders für polnische Versicherer und Institutionen, die am Ende für Schäden aufkommen müssen. Viele dieser Wagen sehen aus, als würden sie kaum bis in die nächste Stadt kommen, und legen doch mehrere Tausend Kilometer von Polen nach Italien zurück.

Content-Partnerschaft

Dieser Artikel von Jan Bolanowski entstand in Kooperation mit Euronews

In Neapel und anderen italienischen Städten sind Autos mit polnischen Kennzeichen häufig Teil eines großen internationalen Tricks, streng genommen einer Umgehung von Vorschriften. Was für die Nutzer als clevere Sparmaßnahme beginnt, entwickelt sich immer öfter zu einem finanziellen und rechtlichen Problem.

Über 5.000 Unfälle mit polnischen Kennzeichen registrierte Italien allein 2025

Über 5.000 Unfälle mit polnischen Kennzeichen registrierte Italien allein 2025. © IMAGO / Steinach

Für polnische Fahrer ist dieser Trick teuer. Der Hintergrund ist der starke Anstieg der Versicherungskosten in Italien. Für die gesetzlich vorgeschriebene Kfz-Haftpflicht, die jedes Auto haben muss, werden dort teils mehr als 2.000 Euro fällig, für Roller und Motorräder gelten ähnliche Preise.

Das System führt dazu, dass die Versicherung mitunter mehr kostet als das geschützte Fahrzeug selbst, weshalb viele nach Alternativen im Ausland suchen.

Hohe italienische Abgaben treiben Autofahrer ins Ausland

Hinzu kommen italienische Steuern. Je nach Alter, Euro-Norm und Motorleistung eines Autos wird eine jährliche Abgabe („bollo auto“) von rund 150 bis mehreren Hundert Euro fällig. Außerdem gibt es die Luxussteuer „Superbollo“.

Für das italienische Finanzamt sind nicht Marke oder Ausstattung entscheidend, sondern die Motorleistung: Ein Auto mit 250 PS gilt noch als normal, doch bei 252 PS wird es zum Luxusgut und entsprechend höher besteuert. Die Kombination aus Geschäftssinn auf beiden Seiten und einem löchrigen System sorgt für eine besondere polnisch-italienische Autofreundschaft, halb legal, halb Grauzone.

Dazu kommen das in Polen wenig strenge System der technischen Untersuchungen und die insgesamt geringere Abgabenlast für Autobesitzer. Aus diesen Faktoren ist ein internationales Geschäft entstanden, das sich zwischen legaler Gestaltung und klarer Umgehung von Vorschriften bewegt.

Profit für Vermittler, Ersparnis für italienische Fahrer

Italienische Fahrer sparen, weil sie statt mehrerer Tausend Euro nur einige Hundert oder etwas über eintausend Złoty zahlen. Die durchschnittliche Haftpflichtprämie in Polen liegt bei knapp 700 Złoty, also unter 200 Euro, was im Vergleich zu italienischen Tarifen extrem günstig ist.

Verdienen daran polnische Firmen, die Fahrzeuge registrieren und nach Italien schicken, häufig in Kooperation mit lokalen Vermittlern. Sie kaufen die Autos in Polen günstiger, bieten sie in Italien teurer zur Nutzung an, und das Geschäft läuft. Offiziell werden die Fahrzeuge nicht verkauft, sondern italienischen Kunden nur überlassen, meist über Miet- oder Nutzungsverträge.

So wächst ein halb-legaler Markt, an dem alle Beteiligten zu profitieren scheinen und den deshalb lange niemand ernsthaft stoppen wollte, obwohl die Risiken für Versicherer und Staaten stetig steigen.

Millionen Euro Schaden

Der Umfang des Geschäfts steigt Jahr für Jahr. Die Zahl der in Polen zugelassenen Autos, die in verschiedenen Ländern unterwegs sind, längst nicht mehr nur in Italien, wächst rasant, und mit ihr die Zahl der Unfälle mit diesen Fahrzeugen. Inzwischen registrieren Versicherer und Behörden europaweit eine auffällige Zunahme solcher Fälle, die das System der Haftpflichtversicherung unter Druck setzt.

Nach Angaben von „Interia“ hat sich die Zahl der Schadensfälle mit in Polen registrierten, im Ausland fahrenden Autos innerhalb von vier Jahren zwischen 2021 und 2025 versiebzehnfacht.

Italienische Reporter des Portals IlPost.it fanden in einer Recherche heraus, dass allein im Jahr 2025 in Italien 5.364 Kollisionen mit polnischen Kennzeichen registriert wurden. 2.263 dieser Fahrzeuge hatten keine gültige Haftpflichtversicherung. Die Schäden übernimmt zunächst die italienische Stelle UCI, die sich die Kosten anschließend beim polnischen Pendant zurückholt.

In Polen hat man mittlerweile erkannt, dass viele dieser Autos das Land nie gesehen haben. Seit rund einem Jahr häufen sich Klagen auf Rückzahlung bereits geleisteter Entschädigungen, die oft auf fragwürdigen Konstellationen beruhen. Laut Il Post wurden bis August 2026 etwa 100 Klagen gegen Behörden oder direkt gegen beteiligte Fahrer eingereicht.

Es geht um hohe Summen: Seit 2025 haben polnische Institutionen rund 5 Millionen Euro für Schäden bezahlt, die Fahrer mit längst ins Ausland verbrachten Fahrzeugen verursacht haben.

Hohe Risiken bei schweren Unfällen

Ein Beispiel zeigt die Dimension: Ein Italiener verursachte mit einem Fiat Panda, dessen Wert bei etwa 10.000 Złoty lag, einen Unfall, bei dem eine Person ums Leben kam. Das Auto war nicht versichert, der Schaden betrug 1,3 Millionen Euro, die für Behandlungskosten, Entschädigungen und weitere Ansprüche anfielen.

Ein polnischer Garant zahlte die Summe aus und fordert sie nun vom Fahrer zurück, was für diesen existenzbedrohend werden kann. Bis dahin verlieren Millionen Euro vor allem polnische Autofahrer. Sie gleichen die Schäden über steigende Prämien für ihre eigenen Versicherungen gemeinsam aus und subventionieren damit indirekt ein Modell, von dem sie selbst kaum profitieren.

Für die Öffentlichkeit wird zunehmend sichtbar, dass das vermeintliche Schnäppchen für einige zu höheren Kosten und strengeren Regeln für alle führt.

Problem: Unwissenheit der italienischen Autofahrer

Für einige Nutzer der Autos aus dem „italienischen Trick“ endet die Sache finanziell böse. Viele Italiener wissen schlicht nicht, worauf sie sich einlassen, wenn sie ein formal in Polen zugelassenes Fahrzeug übernehmen. Ihnen ist auch nicht klar, dass ihr Wagen jedes Jahr eine vorgeschriebene technische Untersuchung in Polen bestehen muss, damit sie legal fahren dürfen und im Schadensfall tatsächlich versichert sind.

Manche verlassen sich auf das löchrige System an der Weichsel. In einigen Regionen lässt sich noch immer eine Untersuchung „organisieren“, bei der der Prüfer das Auto gar nicht sieht, doch das wird zunehmend schwieriger, weil Kontrollen verschärft werden. Ein in Italien durchgeführter Check taucht im polnischen Register CEPIK nicht auf, weshalb bei Kontrollen in Polen oder Auskunftsanfragen der Behörden formell keine gültige Untersuchung besteht.

Strengere Kontrollen, aber anhaltendes Geschäftsmodell

Gleichzeitig nimmt in Neapel die Polizei Fahrzeuge mit polnischen Kennzeichen verstärkt ins Visier und kontrolliert, ob Versicherung und technische Untersuchung gültig sind. Immer öfter stellt sich heraus, dass Unterlagen fehlen oder abgelaufen sind, was zu Stilllegungen, Bußgeldern und im Ernstfall zu strafrechtlichen Konsequenzen führt.

Der Reiz der niedrigen Prämien gerät dadurch in ein anderes Licht, denn das finanzielle Risiko im Schadensfall ist enorm. Wie geht es weiter? Experten rechnen nicht damit, dass der „italienische Trick“ verschwindet, weil die Preisunterschiede zwischen den Versicherungsmärkten bestehen bleiben.

Das Modell dürfte sich jedoch von billigen auf neuere und teurere Fahrzeuge verlagern, bei denen es sich lohnt, für die Untersuchung nach Polen zu fahren und eine Vermietfirma zu bezahlen, die sich um die passende Versicherung kümmert. Dann bleibt der gesamte Ablauf formal legal, auch wenn Behörden in beiden Ländern versuchen, die Schlupflöcher schrittweise zu schließen.