Es ist der 12. September 2001. Der Tag danach. So wie der Rest der Welt steht Hamburg unter Schock. In Büros, U-Bahnen und Wohnungen sprechen die Menschen über kaum etwas anderes als über die Anschläge in den USA. Die Fernsehbilder des Vortags haben sich eingebrannt: Flugzeuge, die wie Raketen in das World Trade Center einschlagen, Menschen, die sich aus den brennenden Türmen stürzen, die Wolkenkratzer, die in einer gewaltigen Staubwolke in sich zusammenbrechen. Und dann rückt das Geschehen mit einem Mal ganz nah, denn in Hamburg macht ein kaum glaubhaftes Gerücht die Runde: Mehrere der Attentäter sollen jahrelang hier gelebt und studiert haben. Erstmals fällt dieser Name: Mohammed Atta.
Rückblick. Der 11. September 2001, der Tag, der die Welt verändern wird, beginnt in New York mit herrlichem Sonnenschein. Um 8.46 Uhr rast American-Airlines-Flug 11 in den Nordturm des World Trade Centers. Zunächst glauben viele an einen Unfall. Doch als 17 Minuten später United-Airlines-Flug 175 vor laufenden Kameras in den Südturm fliegt, ist klar: Die USA werden angegriffen.
Eine weitere Maschine trifft das Pentagon. Flug 93 stürzt bei Shanksville in Pennsylvania ab, nachdem Passagiere versucht haben, das Cockpit zurückzuerobern. 2.977 Menschen kommen bei den Anschlägen ums Leben.
Anzeige
Während die Welt noch zu begreifen versucht, was geschehen ist, verdichten sich die Hinweise auf eine Verbindung nach Hamburg. Am Abend des 12. September geht im Lagezentrum der Hamburger Polizei eine Liste des FBI ein. Die Beamten gleichen die Namen mit dem Melderegister ab. Plötzlich tauchen Hamburger Anschriften auf.
Schon am Tag nach den Anschlägen führt die Spur nach Hamburg
Anzeige
Einer der Namen lautet Mohammed Atta: 33 Jahre alt, geboren in Ägypten, Student der Stadtplanung. Und er ist nicht der Einzige. Im Cockpit von drei der vier gekaperten Maschinen saßen Männer, die zuvor in Hamburg gelebt hatten.
Die WochenMOPO 36/26
Die WochenMOPO – ab Freitag neu und überall, wo es Zeitungen gibt!
• Sachsen-Anhalt wählt: MOPO-Reporter macht SPD-Wahlkampf in der AfD-Hochburg
• Zwei Tote in der Lagerstraße: Was über die Schanzen-Morde bekannt ist
• 16 Seiten Sport: Große HSV-Transferbilanz & Bornemann über St. Paulis schwierige Lage
• Jede Woche mit 36 Seiten Rätsel und Kultur: The BossHoss, Johannes Oerding und vieles mehr
Bei der Hamburger Polizei herrscht Ausnahmezustand. Noch in der Nacht werden Wohnungen überprüft, eine Sonderkommission mit rund 200 Ermittlern nimmt die Arbeit auf. FBI und CIA schicken Beamte in die Stadt.
Anzeige
Eine der wichtigsten Spuren führt in einen unscheinbaren Nachkriegsbau in Harburg: Marienstraße 54. Dort wohnen seit Ende 1998 Atta, der Jemenit Ramzi Binalshibh und der deutsch-marokkanischstämmige Said Bahaji. Weitere Männer des später sogenannten Hamburger Kreises kommen regelmäßig vorbei. Vor der Tür liegt eine Fußmatte mit der Aufschrift „Moin Moin“.
Nach außen führen die Bewohner ein beinahe gewöhnliches Studentenleben. Doch nach späteren Zeugenaussagen werden ihre Gespräche zunehmend radikaler. Es geht um Amerika und Israel, antisemitische Verschwörungsvorstellungen und den bewaffneten Dschihad. Atta gilt als der bestimmende Mann des Kreises.
In der Harburger Wohnung radikalisiert sich ein Kreis junger Studenten
Regelmäßig zu Gast ist auch Mounir al-Motassadeq. Er kümmert sich später um Geld- und Mietangelegenheiten, während die künftigen Attentäter in den USA sind. Wie viel er über ihre Pläne weiß, wird nach 9/11 zum Gegenstand jahrelanger Prozesse.
An der Technischen Universität Hamburg-Harburg wollen die Verantwortlichen zunächst nicht glauben, dass mit Mohammed Atta tatsächlich der frühere Student gemeint ist. Doch bald gibt es keinen Zweifel mehr: Der Pilot des ersten Terrorflugzeugs hatte hier studiert.
Atta war 1992 nach Deutschland gekommen, sprach sehr gut Deutsch und galt als intelligent und zurückhaltend. Professor Dittmar Machule erinnert sich in früheren Gesprächen mit der MOPO an einen aufmerksamen Studenten, der häufig in der ersten Reihe saß.
1999 legt Atta seine Diplomarbeit vor. Darin untersucht er, wie ein historisches Viertel der syrischen Stadt Aleppo erhalten und für seine Bewohner weiterentwickelt werden könnte.
Gerade dieser Widerspruch lässt Machule nicht los: „Da studiert einer Städtebau und Stadtplanung, setzt sich damit auseinander, wie er das Lebensumfeld von Menschen verbessern und Städte erneuern kann. Und dann? Dann kapert dieser Mensch, dessen Aufgabe es ist, aufzubauen, ein Flugzeug und zerstört.“
Machule erinnert sich auch an eine letzte Begegnung. Attas Diplom lag bereits einige Zeit zurück, als der frühere Student auf einem Flur erschien, durch eine offene Tür grüßte und ernst wirkte. Bis heute fragt sich Machule, ob Atta damals gekommen war, um Abschied zu nehmen. Es ist das letzte Mal, dass er ihn sieht.
Der Student, der Städte verbessern will – und später ein Flugzeug zur Waffe macht
Wie konnten aus Studenten Massenmörder werden? Eine einfache Erklärung gibt es nicht. Atta und die anderen kommen nicht mit einem fertigen Anschlagsplan nach Deutschland. In Hamburg schotten sie sich zunehmend ab und knüpfen Kontakte in das dschihadistische Milieu.
Ein wichtiger Treffpunkt ist die Al-Quds-Moschee am Steindamm in St. Georg. Als einflussreiche Figur gilt Mohammed Haydar Zammar, der Aufrufe Osama bin Ladens verbreitet und junge Männer für den Dschihad anwirbt. Eine Kenntnis des konkreten Anschlagsplans können deutsche Ermittler ihm später nicht nachweisen.
Der entscheidende Schritt folgt Ende 1999. Atta, Marwan al-Shehhi, Ziad Jarrah und Ramzi Binalshibh reisen nach Afghanistan und geraten dort in den unmittelbaren Einflussbereich Al-Qaidas.
In Afghanistan wird aus dem Hamburger Kreis ein Teil des Al-Qaida-Plans
Die Al-Qaida-Führung hält die Männer offenbar für besonders geeignet: Sie sind gebildet, technisch versiert, mit dem Leben im Westen vertraut und können sich vergleichsweise unauffällig bewegen. Sie werden in die bereits geplante Operation eingebunden. Der Plan, Passagiermaschinen als Waffen einzusetzen, stammt von Al-Qaida.
Im Jahr 2000 reisen Atta, al-Shehhi und Jarrah in die USA und lassen sich zu Piloten ausbilden. Atta und al-Shehhi besuchen die Flugschule Huffman Aviation in Venice, Florida, Jarrah das ebenfalls in Venice ansässige Florida Flight Training Center. Zunächst lernen sie auf kleineren Maschinen das Fliegen und erwerben Pilotenlizenzen. Atta und al-Shehhi erhalten zudem Instrumentenflugberechtigungen und kommerzielle Pilotenlizenzen. Ende 2000 trainieren alle drei an Flugsimulatoren für große Passagierjets.
Binalshibh soll ebenfalls einreisen, erhält jedoch trotz mehrerer Anträge kein Visum. Stattdessen hält er Kontakt zu Atta und zur Al-Qaida-Führung und leitet Geld weiter.
Wie viel die übrigen Männer aus dem Hamburger Umfeld über den bevorstehenden Anschlag wissen, bleibt später umstritten.
Die Aufarbeitung beschäftigt Ermittler und Gerichte noch jahrelang
Die Fahndung nach den überlebenden Mitgliedern und die juristische Aufarbeitung ziehen sich über Jahre hin. Binalshibh wird 2002 in Pakistan festgenommen und später nach Guantánamo gebracht.
Motassadeq erhält in Hamburg wegen Beihilfe zum Mord in 246 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung 15 Jahre Haft. Er bleibt der einzige in Deutschland rechtskräftig verurteilte Mann aus dem engeren Hamburger Umfeld.
Auch Hamburgs Politik verändert sich nach 9/11
Die Anschläge fallen mitten in die heiße Phase des Hamburger Bürgerschaftswahlkampfs. Nur zwölf Tage nach dem 11. September, am 23. September 2001, wird eine neue Bürgerschaft gewählt. Innere Sicherheit war schon vorher eines der beherrschenden Themen. Nun steht plötzlich auch fest, dass ausgerechnet Hamburg jahrelang Rückzugsort mehrerer Attentäter gewesen war.
Ronald Schills Partei Rechtsstaatlicher Offensive erzielt aus dem Stand 19,4 Prozent. Gemeinsam mit CDU und FDP beendet sie die rot-grüne Regierungszeit; Ole von Beust wird Erster Bürgermeister. Wahlanalysen sehen die Anschläge nicht als Ursache für Schills Erfolg – sie dürften die ohnehin vorhandene Stimmung zugunsten seiner Law-and-Order-Politik aber zusätzlich verstärkt haben.
Der Verdacht trifft auch Unbeteiligte
Doch die Folgen reichen weit über Politik, Polizei und Justiz hinaus. Weil mehrere der Attentäter jahrelang unauffällig in Hamburg gelebt hatten, wächst das Misstrauen gegenüber Muslimen. Auch Menschen, die mit den Tätern nichts zu tun haben, geraten ins Visier.
Wie schnell schon Ähnlichkeiten mit dem Profil der Attentäter verdächtig machen, zeigt der Fall des HAW-Wissenschaftlers Abdelwahab Mohamed.
Ende Dezember 2001 durchsucht die Polizei seine Wohnung in Horn. Sprengstoffexperten tragen Fläschchen hinaus. Wenig später stellt sich heraus, dass sie nur Parfum enthalten. Trotzdem gerät der deutsch-sudanesische Wissenschaftler monatelang unter Al-Qaida-Verdacht.
Mohameds Ruf und Gesundheit nach Terror-Vorwürfen beschädigt
In Teilen der Berichterstattung wird selbst die Beschreibung seiner Kollegen gegen ihn gewendet: Auch Atta habe schließlich als kluger, unauffälliger Student gegolten.
Kein Vorwurf erweist sich als haltbar, das Verfahren wird eingestellt. Mohameds Ruf und seine Gesundheit aber sind beschädigt. „Stellen Sie sich vor“, sagt er später, „Sie kommen aus dem Urlaub zurück und sehen plötzlich Ihr Bild in der Zeitung mit der Überschrift: ,Der Terrorist‘.“
Sein Fall zeigt, wie weit die Folgen des 11. September über die Fahndung nach den tatsächlichen Tätern hinausreichen.
Die Suche nach den tatsächlichen Helfern war notwendig. Eine ganze Bevölkerungsgruppe unter Generalverdacht zu stellen, war es nicht.