Stand: 30.07.2026, 13:35 Uhr
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Das Traditionsunternehmen feiert sein 75-jähriges Bestehen mit einer Gesellentaufe. Die Azubis werden vier- bis fünfmal untergetaucht, bis sie kaum noch Atem haben.
Oberschleißheim – Das Wasser spritzt. Ein lautes Platschen, dann Gelächter. Kevin hängt kopfüber in den Armen zweier kräftiger „Packer“. Gautschmeister Bozidar Petrak brüllt seinen Befehl. Und schon taucht der Azubi zum vierten Mal in den Bottich. Nasses Haar, keuchende Atemzüge.

Zur Gautschfeier hat die Schreiner Group ordentlich aufgefahren. Die traditionelle Gesellentaufe fällt heuer mit dem 75. Jubiläum des Familienunternehmens zusammen. Auf dem Campus in Oberschleißheim gab es Holzfällersteaks, Eiscreme und Rinderknacker für lau – und ein Bad für die Azubis.
Bei Schreiner ist es gute Tradition, die Auszubildenden technischer Berufe mit einer Gautschfeier zu initiieren. Die Gautschlinge oder Kornuten werden symbolisch von den Sünden ihrer Ausbildungszeit reingewaschen. Eine ziemlich feuchte Angelegenheit. Auf Kommando schnappen sich die „Packer“, allesamt recht kräftige Kerls, den armen Gautschling, um ihn kopfüber in einen stattlichen Wasserbottich zu tunken. Die Prozedur wiederholt sich vier-, fünfmal, bis der Gautschling kaum noch über Atem verfügt.
Hightech-Unternehmen pflegt uralten Brauch
Das Gautschen, ein „ururalter Brauch“ aus der Zunft der Drucker und Setzer, geht zurück auf das 16. Jahrhundert, erinnerte Geschäftsführer Roland Schreiner. 150 Jahre zuvor hatte Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden. Zum ersten Mal überhaupt war es den Menschen möglich, die von Martin Luther zuvor aus dem Lateinischen übersetzte Bibel zu lesen. Wissen revolutionierte sich dramatisch. Nicht umsonst kennzeichnet Gutenbergs Erfindung eine Zeitenwende, den Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit.
Ganz so weit reicht die Geschichte der Schreiner Group nicht zurück. 1951 von der ersten Schreiner-Generation, dem Ehepaar Margarete und Theodor, in einer Garage in München-Laim unter dem Titel „M. Schreiner Spezialfabrik für geprägte Siegelmarken und Etiketten“ gegründet, expandierte man vor 30 Jahren nach Oberschleißheim. Schreiner-Senior Helmut, dem Sohn der Begründer, sind die Anfänge gut in Erinnerung geblieben. „Ich war damals zwölf.“ Inzwischen hat Sohn Roland die Geschäfte übernommen. Das international tätige Unternehmen hat zuletzt 220 Millionen Euro umgesetzt. Die in einem Jahr produzierten Etiketten würden dreimal um den Globus reichen.
„Wer doch gelacht, wenn wir euch nicht hinkriegen“
Helmut Schreiner ist einer von der alten Schule. Sein Berufsethos und Begrifflichkeiten wie „Ehrfurcht vor dem Leben“, „Dienen“ und „Demut“ sind ihm bei allem Erfolg der Firma wichtig. Davon profitiert die Standortgemeinde Oberschleißheim selbst. Schreiners sind immer wieder als Sponsor in Erscheinung getreten. Zuletzt bewahrte der Senior das Hallenbad mit einer Spende von 500.000 Euro für ein weiteres Jahr vor der Schließung.
Die als Freisprechungsfeier für einen Teil der Azubis angelegte, jährliche Gautschfeier ist ein Dankeschön der Firma an die Belegschaft; ein Mordsspaß für Familien und Freunde der Kornuten und der Mitarbeiter. Vor allem anderen aber gilt das Gautschen als eine Form der Wertschätzung für Azubis. In manchen Jahren übernimmt Schreiner bis zu 90 Prozent der selbst ausgebildeten Fachkräfte in feste Anstellung.

Den Kevin zum Beispiel, der immer nur Fußball im Kopf hat, wie Gautschmeister Bozidar Petrak bemerkte: Allerlei Sünden von Kevin, Feras, Jovana, Florian und den anderen galt es an diesem Tage reinzuwaschen: „Ihr habt gemault, gehudelt und gemurkst“, knurrte Gautschmeister Petrak grimmig und erteilte den Befehl, die armen Tropfe kopfüber im Wasserbottich zu versenken: „Wär‘ doch gelacht, wenn wir Euch nicht hinkriegen…“