„The Invite“: Abendessen mit Seelenstriptease

„The Invite“

Die Bruchstellen moderner Beziehungen nimmt Regisseurin Olivia Wilde in ihrem neuen Film „The Invite“ unter die Lupe. Großartig besetzt und herrlich unterhaltsam serviert sie in dieser Gesellschaftskomödie ein Abendessen unter Nachbarn, bei dem unangenehme Wahrheiten und geheime Sehnsüchte auf den Tisch kommen. Am Donnerstag startet der vielleicht lustigste Film des Jahres in den heimischen Kinos.

Online seit heute, 19.00 Uhr

Das Zitat von Oscar Wilde, das „The Invite“ vorangestellt ist, gibt gleich den Grundton des Films vor: „Man sollte immer verliebt sein. Deshalb sollte man niemals heiraten.“ Regisseurin Wilde – ihr Künstlername wurde vom berühmten Autor inspiriert – beginnt mit einer Erinnerung an glücklichere Tage: Ein Mann und eine Frau sitzen am Klavier und üben vierhändig ein Stück, das ihnen nicht gelingt, aber sie versuchen es lachend immer wieder.

Doch diese unbeschwerten Tage liegen lange zurück. Heute schaut Joe (Seth Rogen) als grantiger Musikprofessor gelangweilt seinen Studierenden zu, wie sie im Auditorium ein Stück proben. Dann müht er sich auf seinem Klapprad die Hügel von San Francisco hinauf und legt sich, kaum, dass er es in die Wohnung geschafft hat, ächzend auf den Boden. Ihn schmerzt der Rücken.

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Ehe auf dünnem Eis

Unterdessen hat seine Frau Angela (gespielt von Regisseurin Wilde) auf dem Markt Blumen, Schinken und sogar einen neuen Teppich besorgt, schließlich kommen die geheimnisvollen, coolen Nachbarn von oben heute zum Abendessen. Joe wusste nichts davon und versteht die Welt nicht mehr: „Wir laden doch nie Leute ein.“

Schon nach den ersten Sätzen wird klar: Diese Ehe bewegt sich auf dünnem Eis. Seit 15 Jahren sind Angela und Joe ein Paar, aber die jungen Leute, die einst am Klavier gemeinsam gelacht haben, gibt es längst nicht mehr. Heute begrüßt sie ihn statt mit einem Kuss mit: „Schuhe aus!“ Die beiden haben offenbar nicht nur den Respekt voreinander verloren, sondern so ziemlich alles, was sie einmal verbunden hat.

Joe hatte 2008 mit seiner Indie-Band ein One-Hit-Wonder, heute sieht er das Klavier im Wohnzimmer als Mahnmal und sich selbst als Verlierer. Angela, die „vor einer Million Jahren“ Kunst studierte, verbringt ihre Zeit in den Feinkostläden der Stadt und auf Flohmärkten, denn das Dekorieren der von Joes Eltern geerbten Wohnung ist eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen.

Das genaue Gegenteil scheinen Pina (Penelope Cruz) und Hawk (Edward Norton) zu sein. Als die Nachbarn von oben endlich eintreffen, zeigen sie sich von der offensichtlichen Spannung zwischen ihren Gastgebern völlig unbeeindruckt. „Wir lieben es, wenn Konflikte ausgetragen werden“, sagt Hawk entspannt und bringt Joe damit erst recht auf die Palme. Pina wiederum ist von Beruf Sexualtherapeutin, referiert im Laufe des Abends über Perimenopause und Tantra und bringt damit vor allem Angela ins Schwitzen. Es entfaltet sich ein Abend voller Peinlichkeiten, Entgleisungen und unvorhersehbarer Wendungen, zwischen Herzschmerz und Hoffnung.

Begehrtes Filmprojekt

In Hollywood hatte sich im Vorfeld ein wahrer Bieterkrieg um das vielversprechende Projekt von Wilde und ihrem Drehbuchduo Will McCormack und Rashida Jones entsponnen, das vom spanischen Film „Sentimental“ (2020) inspiriert wurde. Studios wie A24, Netflix, Apple und Searchlight Pictures wollten sich die Rechte an dem Film sichern, am Ende bekam die inzwischen schwergewichtige, ehemalige Indie-Schmiede A24 den Zuschlag. Diese konnte zuletzt mit dem Science-Fiction-Horrorfilm „Backrooms“ einmal mehr einen Publikumshit landen.

Zwischen Fremdscham und Selbsterkenntnis

Mit ihrer dritten Regiearbeit nach „Booksmart“ (2019) und „Don’t Worry Darling“ (2022) gelang Wilde eine urkomische, kluge und zeitgemäße Paarkomödie mit brillanten Dialogen. Die Chemie innerhalb des Quartetts funktioniert so gut, dass einem beim Zuschauen das Lachen zwischen Fremdscham und Selbsterkenntnis fast im Hals stecken bleibt. Aber nur fast, denn wenn die selbstbewusste Femme fatale (Cruz), der sarkastische Brummbär (Rogen), der souveräne Feuerwehrmann/Sexguru (Norton) und die liebenswerte Chaotin (Wilde) aufeinandertreffen, ist das einfach ein großes Vergnügen.

„Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht ein Konflikt, den die meisten von uns kennen: Wie übernimmt man Verantwortung für sein Glück, wenn das eigene Leben untrennbar mit dem eines anderen verbunden ist?“, sagte Wilde im Rahmen des diesjährigen Sundance Film Festivals, wo sie mit Standings Ovations gefeiert wurde. Wer nicht davor zurückschreckt, über sich selbst zu lachen und eventuell das eigene Beziehungsleben zu hinterfragen, wird „The Invite“ lieben. Und alle anderen sollten sich den Film erst recht anschauen.