Niemand habe sie über die Pläne informiert, beklagt Restaurantbesitzer Ilir. Er wohnt im Dorf Zvernec. Sein Restaurant liegt direkt an der Strasse, die zum Strand führt, wo Jared Kushner und Ivanka Trump ihr Luxusresort planen. Jenes Resort also, das am Anfang der anhaltenden Protestbewegung in Albanien steht.
Die Flamingo-Revolution
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Begonnen haben die Proteste im Mai. Dabei existieren die Pläne für das Luxusresort mitten im Naturschutzgebiet schon länger. Doch als im Mai Teile eines bis anhin öffentlichen Strandes plötzlich abgesperrt waren, private Sicherheitskräfte protestierende Anwohnerinnen und Anwohner attackierten und die Polizei tatenlos zusah, regte sich der Widerstand.
Die Wut der Leute richtete sich zu Beginn gegen das umstrittene Projekt, hinter dem unter anderem Ivanka Trump und Jared Kushner stehen. Das Projekt sieht auf der derzeit unbewohnten Insel Sazan in der Bucht von Vlora sowie an der Küste nördlich der Stadt Vlora in der Nähe des Dorfes Zvernec ein Luxusresort vor.
Neben den Sorgen um die Umwelt stören sich die Menschen am rücksichtlosen Vorgehen der Behörden. Die Besitzverhältnisse für das Land, auf dem das Resort entstehen soll, sind teilweise umstritten. Mehrere Anwohnende beanspruchen Teile des Bodens für sich. Die Antikorruptionsstaatsanwaltschaft Albaniens, die unabhängig arbeitende SPAK, hat Ermittlungen aufgenommen.
Mittlerweile geht es vielen an den Protesten aber um mehr. Sie kritisieren die ungleiche Verteilung des Wohlstandes. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung profitiere nicht vom Wirtschaftswachstum, sondern habe vielmehr mit steigenden Lebenshaltungskosten zu kämpfen. Sie fordern daher den Rücktritt von Langzeitpremierminister Edi Rama sowie ein Ende des Projektes. Edi Rama weigert sich bislang, darauf einzugehen. Vielmehr beschuldigt er die Protestbewegung, Fake News zu verbreiten. Sie soll laut dem sozialistischen Langzeitpremier vom Ausland gesteuert sein.
Auch Ilir ist gegen das Projekt. Wegen seiner kritischen Haltung zur Regierung will er aber anonym bleiben. Er fürchtet sich vor negativen Konsequenzen für sein Geschäft.
Verschiedene Gründe gegen das Projekt
Wie viele Kritikerinnen und Kritiker sorgt sich auch Ilir um die Umwelt. Denn Teile des Projekts würden in einem Naturschutzgebiet entstehen, mitten in einem Flussdelta, einem wichtigen Brut- und Rastplatz zahlreicher Vogelarten wie dem Flamingo. Das Tier wurde zum Symbol der Proteste, die mittlerweile als «Flamingo-Revolution» bezeichnet werden.
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Bild 1 von 3. Luftaufnahme der Lagune und des Strandes nahe Zvernec. Die Lagune ist für Vögel ein wichtiger Rast- und Brutort und in den Augen der Naturschützerinnen und ‑schützer in Gefahr.
Bildquelle: SRF / Kushtrim Kadriu.
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Bild 2 von 3. Im Hintergrund die Insel Sazan. Sie war lange militärisches Sperrgebiet. Der Strand im Vordergrund nach Zvernec wäre ebenfalls Teil des geplanten Luxusresorts.
Bildquelle: SRF / Kushtrim Kadriu.
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Bild 3 von 3. Jeden Abend versammeln sich die Menschen in der Hauptstadt Tirana zum Protest gegen die Regierung. Die pinken Flamingos wurden zum Symbol der Proteste. Die Demonstrierenden sehen die Vögel durch die Bauprojekte an der geschützten Lagune als gefährdet.
Bildquelle: SRF / Kushtrim Kadriu.
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Erst 2024 ermöglichte das Parlament ein Projekt wie dieses, indem es im Naturschutzgesetz eine Ausnahmeregelung für Luxusresorts einbaute. Für Ilir ein Skandal: «Die Natur ist ihnen egal.» Auch die Meinung der lokalen Bevölkerung interessiere die Politik nicht. Hinzu komme die mangelnde Infrastruktur.
Kaum Vorteile für Dorfbewohner
Ilir zeigt, wie er die Wasserversorgung seines Hauses sowie des Restaurants sicherstellt: Aus zehn Meter Tiefe pumpt eine elektrische Wasserpumpe Wasser aus dem Boden. «Das kostet mich tausend Euro jedes Jahr.» Hinzu kommen Ausgaben für abgefülltes Trinkwasser, denn aus dem Boden kommt nur salzhaltiges Wasser. Auch ein Abwassersystem gäbe es nicht. Und doch soll ausgerechnet hier eines der grössten Tourismusprojekte Albaniens entstehen.
Projekte wie dieses brächten dem Land Entwicklung und Fortschritt, argumentiert die Regierung. Deshalb solle das Projekt trotz Protesten durchgeführt werden, hat Premierminister Edi Rama immer wieder bekräftigt. Ilir, der selbst vom Tourismus lebt, glaubt nicht, dass er vom Projekt profitieren würde. Im Gegenteil: «Bestehende Anlagen zeigen, dass die lokale Bevölkerung kaum profitiert.»
Weiter oben an der Küste liegen die Dörfer, wo die lokale Bevölkerung lebt. Diese profitieren oftmals jedoch wenig vom Tourismus, müssen dafür mit Einschränkungen im Strassenverkehr leben.
SRF / Kushtrim Kadriu
Die Touristinnen und Touristen finden in den Feriensiedlungen alles, was sie brauchten, und gingen kaum in die umliegenden Dörfer. So sei es zum Beispiel beim «Green Coast Resort». Dieses liegt etwas weiter südlich, am Beginn der albanischen Riviera, dem als besonders schön bekannten Küstenabschnitt im Süden.
«Der Boom wird weitergehen»
Jedes Jahr erzielt Albanien neue Besucherrekorde. Auf Social Media wird das Land mal als letzter Geheimtipp Europas, mal als Malediven an der Adria angepriesen. 2025 kamen über zwölf Millionen Besuchende – bei einer Einwohnerzahl von unter drei Millionen. Die «Green Coast» steht wie kaum ein anderes Projekt stellvertretend für diesen Boom.
Noch 2019 habe es hier nur 20 Villen gegeben, mittlerweile seien es über 500, erzählt Alberta Zani. Sie führt eine Strandbar innerhalb des Resorts. Hinzu kommen sieben geplante Luxushotels, von denen eines bereits eröffnet ist.
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Bild 1 von 3. Das Resort wurde in den letzten Jahren an einem bislang weitgehend unberührten Küstenabschnitt gebaut. Innert weniger Jahre wurden Hunderte Villen gebaut. Das Resort bietet Luxusferien an.
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Bild 2 von 3. Unablässig breitet sich die Ferienanlage aus. Weitere Villen, Hotels und weitere Infrastruktur soll entstehen. Ein Ende ist bislang nicht absehbar.
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Bild 3 von 3. Viele Villen an der Green Coast sind mit eigenem Pool ausgestattet. Auch deshalb verbrauchen touristische Anlagen ein Vielfaches an Wasser als Anwohnerinnen und Anwohner. Doch bislang muss das Wasser hier mit LKW angeliefert werden.
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Innerhalb des Areals gibt es Bars, Läden, mehrere Restaurants und Unterhaltungsmöglichkeiten. Doch dies soll nur der Anfang sein: «Nächstes Jahr wird ‹Green Coast zwei› eröffnet, und die Bauarbeiten zu ‹Green Coast drei› sollen beginnen», sagt Alberta Zani. Das starke Wachstum der letzten Jahre werde sich fortsetzen – zum Vorteil aller, ist sie überzeugt.
Während der halbjährlichen Sommersaison beschäftigt sie dreissig Angestellte. Doch es werde immer schwieriger, gutes Personal zu finden. Mittlerweile müsse sie im Ausland rekrutieren, in den Philippinen oder Ägypten zum Beispiel. Viele Albaner und Albanerinnen ziehen mangels Zukunftsaussichten stattdessen ins Ausland.
Wasser ist dringend gesucht
Das rasante Wachstum bringt die Infrastruktur vielerorts an ihre Grenzen. Dies zeigt sich auch hier an der Riviera. Die Küstenstrassen sind während der Feriensaison chronisch verstopft. Die Wasserversorgung ist eine Herausforderung. Das «Green Coast Resort» wird durch Lastwagen mit Wasser versorgt. Das ist aufwendig und teuer. Die Behörden suchen deshalb nach neuen Wasserquellen für die Küstenanlagen und sind dabei auf das Dorf Tragjas gestossen.
Das verschlafene Dorf befindet sich eine halbe Autostunde nördlich, etwas im Landesinneren. Aus mehreren Quellen fliesst das Wasser hier aus dem Boden. Dieses soll nun die Feriensiedlungen im Süden versorgen.
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Bild 1 von 4. Luftaufnahme der Quellen von Tragjas: An verschiedenen Stellen kommt hier das Wasser aus der Erde und liefert dem Dorf die Lebensgrundlage.
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Bild 2 von 4. Am Ufer haben einige Restaurants ihre Tische stehen. Die Familienbetriebe sorgen sich um ihre Zukunft, sollte das Wasser von hier umgeleitet werden.
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Bild 3 von 4. Arben Shytaj vor den Quellen von Tragjas. Der Rentner wohnt eigentlich in der Hauptstadt Tirana, verbringt die meiste Zeit aber hier in seinem Heimatdorf. Während des heissen Sommers kommt er jeden Tag ans Wasser. Er sieht das Naturparadies bedroht.
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Bild 4 von 4. Im Dorf Tragjas leben viele von der Landwirtschaft. Dank des Wasserreichtums ist die Gegend fruchtbar.
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Im Schatten der Bäume, direkt am Wasser, ist es angenehm kühl. Hier treffen wir Arben Shytaj. Der pensionierte Agronom erklärt, was das geplante Projekt bedeuten würde. «Das Projekt gefährdet die ganze Region.»
In Tragjas stellt sich eine grundsätzliche Frage
Die fruchtbare Gegend lebt traditionellerweise von der Landwirtschaft. Vom boomenden Tourismus ist hier wenig zu spüren. Durch die geplante Pipeline, die einen Grossteil des Wassers Richtung Süden zu den neuen Feriensiedlungen umleiten würde, bliebe zu wenig für die lokale Bevölkerung, ist er überzeugt.
Nach Protesten der Dorfbewohnerinnen und ‑bewohner ist das Projekt derzeit gestoppt. Die Behörden zeigen sich kompromissbereit. Doch das Misstrauen bleibt gross.
Die Bauarbeiten für die neue Pipeline hatten bereits begonnen. Doch nach Protesten wurde das Projekt, das Wasser von Tragjas in Richtung Küsten leiten soll, gestoppt.
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Am Ende gehe es hier in Tragjas um eine grundsätzliche Frage: «Soll Albanien mit Beton und Sonnenschirmen zugepflastert werden», fragt Arben Shytaj, «oder wollen wir eine Wirtschaft, in der Tourismus und Landwirtschaft im Einklang sind und den Menschen so ein Einkommen sichern?»
Familienunternehmen sehen sich an den Rand gedrängt
Letzter Stopp ist die Hafenstadt Vlora. Auch hier sind in kürzester Zeit neue Hotelanlagen und Ferienwohnungen entstanden. Überall werden Touren angeboten, auch zur Insel Sazan am Eingang der Bucht, wo dereinst ein Teil des Luxusresorts entstehen soll.
Die Hafenstadt Vlora ist das Zentrum der Region. Auch hier wurde in den letzten Jahren viel gebaut. Im Hintergrund sind Zvernec und die angrenzende Lagune zu sehen.
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Adi führt in Gehdistanz zum lang gezogenen Strand mit seiner Familie ein kleines Hotel. Wie Ilir will er seinen vollen Namen nicht nennen, auch er fürchtet negative Konsequenzen. Dies sagt einiges über Albanien unter Edi Rama aus, der trotz Demokratiedefiziten am Ziel des EU-Beitritts bis 2030 festhält.
Adi betont, er sei weder gegen den Tourismus noch gegen Entwicklung. Schliesslich hätten er und seine Familie davon profitiert. Doch die Regierung müsse transparenter agieren und EU-Standards einhalten. Tatsächlich wurde Rama im Zusammenhang mit dem geplanten Luxusresort zuletzt von der EU kritisiert.
Obwohl sich die Proteste auf die Hauptstadt Tirana konzentrieren, ist die Unterstützung für die Anliegen der Bewegung auch ausserhalb präsent. Ein Slogan der Protestbewegung wurde in Tragjas an die Wand gesprüht.
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Dem Hotelbesitzer geht es aber noch um etwas anderes: «Es waren die Familienunternehmen, die den Tourismus in Albanien aufgebaut haben.» Kleine Hotels und Restaurants würden den Charme des Landes ausmachen. Doch genau diese kleinen Betriebe würden zunehmend an den Rand gedrängt, beklagt er. Er unterstütze daher die aktuelle Protestbewegung.
Nicht nur Adi in Vlora oder Ilir in Zvernec stellen sich die Frage, wer vom Tourismusboom der letzten Jahre profitiert und wann es zu viel wird. Es sind genau diese Fragen, welche die anhaltende Protestbewegung befeuern. Doch bislang zeigt sich die Regierung von den kritischen Stimmen unbeeindruckt.