Stand: 20.10.2026, 14:14 Uhr
Kommentare

Politische Nostalgie speist sich nicht nur aus Sehnsucht nach dem Gestern. Sondern aus der Panik vor dem Morgen. Die Kolumne
Geschwungene Formen, in der Sonne glitzernde Chromleisten, Lenkradschaltung – man muss kein Auto-Enthusiast sein, um beim Anblick eines Oldtimers ins Schwärmen zu geraten. Wie schmal die Reifen doch waren. Über die zerbrechlich wirkenden Sitzmöbel, aus denen man sich nach stundenlanger Fahrt mühsam herauszuschälen hatte, sieht man, bereit zur Verklärung, gern hinweg.
Ein Jaguar E-Type weckt Matchbox-Gefühle, ein Mini Cooper ruft eine Welt der kurzen Wege fast ohne Stau in Erinnerung. Auch wer zu unbegabt war für eigene Reparaturen, ist dennoch geneigt, sich in die Zeit des großen Schraubens zurückzusehnen. Motoren, die nicht erst ausgelesen werden mussten, gaben ein sonores Brummen von sich und machten öltropfenweise darauf aufmerksam, dass es ernst werden könnte.
Gute alte Zeiten also? Das Zurück als kommode Bewegung entspricht keineswegs nur den Sehnsüchten von Autofans, längst bestimmt es politische und gesellschaftliche Entwicklungen, die Schlagworte sind bekannt und dröhnend. Take back control, der Brexit. Amerika wieder groß machen, der Trumpismus. Und in hiesiger Umgebung verbreitet sich von Osten her das anschwellende Bedürfnis nach Landnahme – die große Zurückholung, trotzig und sofort.
Zur Erklärung der Parolen und Haltungen werden bevorzugt Nostalgiegefühle bemüht. So waren Publizistik und Wissenschaft schnell und wortreich zur Stelle, den Brexit aus den kollektiven Verlustempfindungen der einstigen Großmacht Großbritannien abzuleiten. Und das Goldene Zeitalter, das die Maga-Bewegung den Heerscharen freigesetzter Industriearbeiter und -arbeiterinnen in Aussicht stellt, ist ein nie Dagewesenes. Die Verheißung einstiger Größe setzt auf die Mobilisierung von Gefühlen der Zurücksetzung und mangelnder Wertschätzung. Heftige Emotionen als Reaktion auf Einschüchterung und Kränkung.
In seiner erhellenden Studie „Heimweh nach gestern“ (Suhrkamp) misstraut der Historiker und Nostalgieforscher Tobias Becker allzu einfachen Deutungen, denen zufolge disruptive Politik und Rechtspopulismus das Ergebnis eines nachvollziehbaren Bedürfnisses nach überschaubaren Verhältnissen seien, die durch Globalisierung und Veränderungsdruck verwüstet wurden. Ein zweiter Blick würde genügen, um zu erkennen, dass es den rechten Bewegungen nicht um behutsame und Rückkehr und gepflegte Wiederherstellung geht.
Als nebulöse Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit spiele Nostalgie zwar eine Rolle, so Becker. „Viel stärker jedoch wirken diffuse Ängste: vor dem Fremden, vor Veränderung, vor wirtschaftlichem Niedergang und vor allem vor ,Anderem‘. (…) Der eigentliche Treibstoff der AfD sind Wut, Hass und Zukunftsängste.“ Nicht Sehnsucht nach dem Gestern also, sondern Panik vor dem Morgen.
Es geht um die Umwandlung von Ressentiments in politische Macht. Der Verweis auf nostalgische Gefühle verharmlost die zerstörerische Energie und Gewaltfantasien. Es soll scheppern, dröhnen und krachen. Wer sich dem entgegenstellt, soll gebrochen werden. Die AfD, ist Tobias Becker überzeugt, „will nicht zurück in die Vergangenheit, sondern vorwärts in eine radikal andere Zukunft.“ Das Heranrollen auf Zweirädern der Marke Simson als Folklore und Camouflage.
