Ephesos im KHM
In der großen Herbstausstellung „Tatort Ephesos" holt das Kunsthistorische Museum (KHM) seine Antikensammlung und die Ägyptisch-Orientalische Sammlung erstmals gemeinsam vor den Vorhang. Das Ergebnis ist nicht ganz so „True Crime", wie der Ankündigungstext verspricht. Der Mordfall an Kleopatras Schwester Arsinoe ist Aufhänger, im Zentrum aber stehen die frühen Austauschprozesse im Mittelmeer-Raum: Götter mit Bart in Ägypten, Totenmasken nach römischem Geschmack und eine Welt im Umbruch.
Online seit heute, 14.14 Uhr
Fast hundert Jahre war spekuliert worden, dass das bei österreichischen Ausgrabungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Ephesos entdeckte Skelett jenes von Kleopatras Schwester Arsinoe IV. sein könnte. Im Jänner 2025 widerlegte jedoch eine DNA-Analyse die These. Das Skelett gehört einem elf- bis 14-jährigen Buben. Wer in dem rätselhaften achteckigen Grabbau mitten in der Stadt begraben liegt und wo Arsinoe geblieben ist, bleibt damit offen.
„Ein geheimnisvoller Grabbau, ein ungeklärter Mord, eine Welt im Umbruch“, heißt es nun im Ankündigungstext des KHM, der mit „True Crime“-Elementen spielt. Die leicht spekulative Aufmachung ist dabei ein bisschen eine Mogelpackung, denn der Strang rund um Arsinoe steht gar nicht im Zentrum der Schau. Ähnlich verfährt der rund einstündige Begleitpodcast: ein „Audiodrama über Macht, Verrat und Tod“, das mit denselben Tönen lockt – und dann doch mehr erzählt.
Im Ausweichquartier Weltmuseum, auf das die Wahl auch wegen der räumlichen Nähe zum Ephesos Museum fiel, wird stattdessen von den antiken Metropolen Alexandria, Ephesos und Rom erzählt – und von den Mächtigen dieser Epoche: Kleopatra, Caesar, Marc Anton, Augustus. 100 Objekte aus der eigenen Sammlung sowie von Leihgebern wie dem British Museum und dem Louvre wurden zusammengetragen.
Machtkampf um Ägyptens Thron
Zentrales Objekt des ersten Raums ist eine multimedial erweiterte Rekonstruktion des Oktogons von Ephesos, jener Ausgrabungsstätte, wo Österreich seit über 100 Jahren präsent ist: ein Grab mitten in der Stadt – in der Antike eigentlich verboten. „Die Ausnahme sind ausschließlich Superstars – ein König, ein Held, ein Stifter, ein besonderer Mensch", sagt Georg Plattner, Direktor der Antikensammlung und Kurator der Schau, denn hier geht es um den Fall Arsinoe, der beispielhaft für den Umgang innerhalb der geschwisterreichen Ptolemäer-Dynastie steht.
In antiken Texten ist überliefert, dass Kleopatra ihre jüngere Schwester und Konkurrentin 41 v. Chr. in Ephesos ermorden ließ. Im Hintergrund stand dabei weniger ein Geschwisterstreit als ein knallharter Machtkampf um den Thron Ägyptens, eines der reichsten Länder der damaligen Welt. Zuvor war bereits Kleopatras Bruder Ptolemaios XIII. im Machtkampf ums Leben gekommen.
Alexandria als Wissenszentrum
Im KHM wird der Mord aber schnell vom kulturhistorischen Stoff abgelöst und die Besucherinnen und Besucher zum Kapitel der ptolemäischen Herrschaft geführt. Alexandria, Hauptstadt des Reichs, war damals handwerkliches Kunstzentrum, kultureller Schmelztiegel und Wissenshotspot mit der berühmten Bibliothek von Alexandria als Forscherzentrum. Hier lebte eine der größten jüdischen Gemeinden der antiken Welt, hier wurde das Alte Testament erstmals ins Griechische übersetzt, die Septuaginta, die hier auch als Manuskript ausgestellt ist.
Die Ptolemäer regierten als ägyptische Pharaonen, obwohl sie griechisch-makedonischer Herkunft waren: Je nach Publikum trat der Herrscher als griechischer König oder als gottgleicher Pharao auf. Letzteres war möglich, weil die Ptolemäer mit Tempelneubauten die mächtigen ägyptischen Priester auf ihre Seite holten, die sie im Gegenzug nach pharaonischem Ritus krönten und legitimierten.
Antike Transkulturalität
Was macht dieser vollbärtige Kerl mit langem Haupthaar unter all den glattrasierten ägyptischen Gottheiten? Mit Serapis schufen die Ptolemäer auch eine Gottheit, die beide Bevölkerungsgruppen ansprechen sollte – griechisch in der Erscheinung, aber in den ägyptischen Göttern Osiris und Apis wurzelnd. Tatsächlich stieg Serapis vom Schutzgott Alexandrias bald zum Universalgott auf. Kulturelle Reinformen waren schon damals Wunschdenken.
Neben prächtigen Mumienmasken aus Gold sind auch römisch geprägte „Mumienporträts“ ausgestellt: weniger schmucke, dafür lebensnahe Flachware mit verwegenem Blick, die dem Verstorbenen auf das einbandagierte Gesicht gelegt wurde – eine Mischform, in der sich die zwei Kulturen überlagern.
Highlight Gemma Augustea
Kleopatra verbündete sich zunächst mit Caesar, nach dessen Ermordung mit Marc Anton – beide scheiterten an Augustus, der Ägypten zur römischen Provinz machte. Das prominenteste Objekt der Schau ist die Gemma Augustea, ein Onyx-Kameo – eine aus Steinschichten herausgearbeitete Reliefschnitzerei(9–-12 n. Chr.), die im 16. Jahrhundert in habsburgischen Besitz kam.
Ausstellungshinsweis
„Tatort Ephesos. Kleopatra und Rom“. Neue Hofburg/Weltmuseum Wien. Bis 29. März 2027.
Augustus thront darin Seite an Seite mit der Göttin Roma – dargestellt wie Jupiter. Pikant: Augustus hatte solche Gottesdarstellungen offiziell verboten, weil genau das Caesar das Leben gekostet hatte. Die Miniatur auf einem Edel- oder Schmuckstein muss für seinen innersten Kreis bestimmt gewesen sein.
Zeitenwende, die nachwirkt
Nach der Eingliederung Ägyptens in das Römische Reich ließ Augustus Obelisken nach Rom schiffen – ein sichtbares Zeichen der Unterwerfung. Was er nicht steuern konnte: Ägyptische Kulte wie jener der Göttin Isis verbreiteten sich als echte Volksreligion im ganzen Imperium, von Rom bis in die Provinzen.
Was die Ausstellung erzählen will, ist letztlich größer als ein ungeklärter Mordfall. Es ist die Geschichte einer Epoche, in der Ägypten, Griechenland und Rom zu einem Großraum zusammenwuchsen – mit gemeinsamer Sprache, Währung, Straßennetz. Eine Infrastruktur, die auch dem Christentum half, sich zu verbreiten. „Das war wirklich eine ganz markante Achsenzeit, die unsere Gegenwart in enormer Weise geprägt hat", sagt Kurator Plattner. Wer in Ephesos begraben liegt und wo Arsinoe geblieben ist, bleibt offen.