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Sie rufen ihren Jubel in die stickige, warme Luft. Die AfD-Anhänger umarmen sich, Bundeschef Tino Chrupalla ist mittendrin, spricht in ersten Statements vor den Kameras von einem „sensationellen Ergebnis“. Es ist eng im Café am Lankower See in Schwerin. Hier feiert die Nordost-AfD. Weniger pompös, weniger Deutschland-Fahnen und wummernde Bässe als noch vor zwei Wochen beim Spektakel-Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt auf großer Theaterbühne in Magdeburg.

Und doch: Die AfD wird nach ersten Prognosen die stärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern. Erstmals nach Jahrzehnten steht nicht die SPD an der Spitze, als die ersten Hochrechnungen über die Leinwände flackern. Auch wenn das Rennen am Sonntagabend knapp ist, scheint die AfD im zweiten Bundesland hintereinander zu triumphieren. Die AfD verdoppelt ihre Stimmen. „Es ist ein starkes Ergebnis, das wir hier errungen haben“, sagt Ministerpräsidenten-Kandidat Leif-Erik Holm kurz nach 18 Uhr. Die Partei ist in Deutschlands Nordosten mittlerweile fest verankert.
In der Spitze im Landesverband der AfD scheint kurz nach den ersten Ergebnissen der Wunsch groß: Man wolle regieren, man wolle auf die anderen Parteien zugehen, über Koalitionen sprechen. Nur wie? Das sagen die AfD-Politiker nicht.
Sie demonstriert Stärke – und scheint doch wieder zur Opposition verdammt
Auch AfD-Mann Holm hebt am Wahlabend hervor, dass seine Partei den „Regierungsauftrag“ habe. Was Holm bei seiner Rede in dem Café am See verschweigt: Eine AfD-Regierung in Mecklenburg-Vorpommern wird es wohl kaum geben. Ihr Ziel „Ministerpräsidentenposten“ scheint sie zu verfehlen, eine Alleinregierung ausgeschlossen. Denn laut ersten Hochrechnungen würde die AfD selbst mit Stimmen von CDU und der Wagenknecht-Partei BSW keine Mehrheit im Landtag haben. Zu schwach sind die Christdemokraten, um der AfD überhaupt helfen zu können. Wenn die beiden Parteien überhaupt in den Landtag einziehen. Auch das war am späten Sonntagabend offen.
Hinzu kommt: Sowohl CDU als auch BSW hatten vor der Wahl eine Koalition mit der in Teilen rechtsextremen AfD ausgeschlossen. In Mecklenburg-Vorpommern manifestiert sich das alte AfD-Dilemma: Sie demonstriert Stärke – und scheint doch wieder zur Opposition verdammt. Die AfD kann nicht regieren, ihr fehlen Machtoptionen.
Lange sah es nach einer herben Niederlage für die SPD aus
Dabei sah doch lange alles so eindeutig aus für die Rechten. Vor genau einem Jahr zum Beispiel, als die AfD bei 38 Prozent in den Umfragen stand. Weit dahinter erst die SPD, mit knapp 20 Prozent. Woran sollte die blaue Welle noch brechen? Selbst noch im Mai dieses Jahres hatte die Rechtsaußen-Partei einen satten Vorsprung, lag bei 37 Prozent, immer noch zehn Prozentpunkte vor den Sozialdemokraten.
Die AfD hatte in den Umfragen der vergangenen Monate nicht verloren, die Partei blieb stabil, die Rechten sind nicht eingebrochen. Aber die SPD von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig war zuletzt immer näher gekommen, Woche für Woche wurde Schwesig stärker. Es war ein Krimi an der Küste.

Leif-Erik Holm steht mit seiner Frau Wenke nach der Stimmabgabe für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern im Wahllokal. © dpa | Jens Büttner
Schwesig, so scheint es, mobilisierte für die SPD vor allem von anderen Parteien gegen die AfD: in der CDU, bei den Grünen. Die Ministerpräsidentin führte einen harten Wahlkampf gegen rechts, betitelte ihn zuletzt auf Plakaten mit „Die Frau gegen Blau“. Die Strategie der SPD ging auf: Sie landet laut ersten Prognosen dicht bei der AfD. Zugleich verfehlt Schwesig ihr Ziel: Sie landet am Ende hinter der AfD. Und: Die rechte Partei gewann allein aus den Reihen der SPD-Anhänger knapp 50.000 Stimmen. Der zweitgrößte Zugewinn für die AfD, nach den Nicht-Wählern. Für Schwesig scheint es am Ende doch noch zu reichen für eine SPD-geführte Regierung. Aber ihre Mehrheit ist laut Hochrechnungen am Sonntagabend hauchdünn.
Nach Sachsen-Anhalt bleibt der Eindruck: Die AfD bekommt es nicht hin
Besonders brisant ist die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern, weil sie einen bundesweiten Trend verschärft: Die AfD wächst, auch wenn sowohl Mecklenburg-Vorpommern als auch Sachsen-Anhalt kleine Bundesländer mit relativ wenig Einwohnern sind.
Der Wahlkampf in Deutschlands Nordosten war zeitweise wenig beachtet. Alle blickten nach Magdeburg. Erst als dort die AfD fast die Hälfte der Stimmen holte, wollte AfD-Spitzenmann Leif-Erik Holm den Schwung aus der Rekordwahl der AfD in Sachsen-Anhalt mitnehmen – und im Sog des Ulrich-Siegmund-Siegestaumels auch in Schwerin die absolute Mehrheit holen. So war der Plan. Doch die blaue Regierungs-Rakete in Magdeburg zündet nicht.

Wahlkampf mit Gegenprotest: Als AfD-Spitzenmann Leif-Erik Holm wenige Tage vor der Wahl in Bad Doberan aufschlägt, bekommt er Protest zu spüren. © FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen
Im Gegenteil: Siegmund laviert sich in Sachsen-Anhalt durch die Nachwahl-Wochen. Mal will er nur allein regieren, mal ein Bündnis schmieden, mal zieht er seinen Plan durch, mal wirkt er gesteuert von der Bundespartei. Hängen bleibt: Siegmund bekommt es nicht hin. Auch das könnte am Ende nicht Holm, sondern Schwesigs SPD den Rückenwind gegeben haben.
Weniger radikal, weniger dynamisch, weniger Reichweite
Hinzu kommt: Leif-Erik Holm ist nicht Ulrich Siegmund. Das müssen selbst die AfD-Wahlkämpfer in Mecklenburg-Vorpommern hinter vorgehaltener Hand zugeben. Holm, deutlich älter und einst Radiomoderator im Land, wirkt nicht wie der „Systemsturz“, eher wie der Typ „Berufspolitiker“. Weniger radikal, weniger dynamisch, und vor allem: weniger Reichweite in den für die AfD so wichtigen sozialen Medien.
Holms Veranstaltungen im Wahlkampf waren gut besucht, netter Applaus, viel Zustimmung. Aber eben auch nicht mehr. Kein blauer Rausch. Und so scheint dieser Sonntagabend für Holm ein starkes Ergebnis, eine erneute rechte Machtdemonstration in Deutschland. Aber eben auch nicht mehr.