Alexa Hennig von Lange: „Alte Pfade“ – wenn Väter alt werden und Töchter verstehen
Stand: 15.09.2026, 09:16 Uhr
Kommentare
Hinweis an unsere Leser: Dieser Text enthält Affiliate-Links zu kommerziellen Angeboten. Diese sind mit einem Outbound-Symbol (quadratisches Kästchen mit Pfeil) gekennzeichnet. Kommt über einen solchen Link ein Kauf zustande, erhalten wir vom jeweiligen Partner eine Provision. Dies beeinflusst jedoch weder unsere Produktauswahl, noch entstehen Ihnen dadurch Mehrkosten.
Ein Vater, eine Tochter und ein letzter Weg durch die schottischen Highlands: Alexa Hennig von Langes „Alte Pfade“ erzählt von Familie, Alter und später Nähe.
Berlin – Es gibt Familien, in denen die wichtigsten Sätze nie ausgesprochen werden. Sie liegen zwischen einer Frage und ihrer Antwort, in einem Blick, der zu lange dauert, oder in der Art, wie jemand eine Tür schließt. Liliane kennt diese Sprache. Als ihr 89-jähriger Vater Klaus nach einem Herzinfarkt in den schottischen Highlands liegt, reist sie ihm hinterher. Sie will ihn nach Hause holen. Doch Klaus hat anderes vor – und Liliane muss ihm folgen, obwohl sie ahnt, dass dieser Weg sie an einen Ort führen wird, den sie ihr ganzes Leben lang gemieden hat.

Alexa Hennig von Lange erzählt in „Alte Pfade“ von einer Vater-Tochter-Beziehung, in der sich Härte, Liebe und Verletzung über Jahrzehnte ineinander verschoben haben. Der Roman handelt vom Älterwerden, von den Prägungen der Kriegskindergeneration und von der Frage, ob wir unsere Eltern irgendwann als Menschen sehen können – nicht nur als Mutter oder Vater. Mich hat dieses Buch tief berührt, weil es nicht so tut, als ließe sich eine Familiengeschichte nachträglich reparieren. Aber es zeigt, dass ein anderer Blick manchmal noch möglich ist.
Alexa Henning von Lange „Alte Pfade“: Worum geht es in dem Roman?
Liliane kommt von ihrem ersten Urlaub nach der Scheidung zurück, als sie der Anruf aus einem schottischen Krankenhaus erreicht. Ihr Vater Klaus ist allein in die Highlands gereist und hat dort einen Herzinfarkt erlitten. Liliane macht sich auf den Weg, um ihn zurückzubringen. Für einen Mann, der sein Leben lang auf Selbstständigkeit und Durchhalten gesetzt hat, wäre das die vernünftige Entscheidung.
Klaus denkt nicht daran, vernünftig zu sein. Er will die Wanderung zu Ende bringen, die ihn an die Wege seiner Jugend führt. Als junger Architekturstudent ist er durch diese Landschaft gegangen. Nun, Jahrzehnte später, will er noch einmal bis an die nördlichste Spitze Schottlands. Liliane bleibt nur, ihn zu begleiten – zunächst unvorbereitet, in leichten Schuhen und mit dem Gefühl, schon wieder in eine Rolle zu geraten, die sie kennt: Sie muss funktionieren, während der Vater bestimmt, wohin es geht. Gemeinsam gehen sie durch Regen und Wind und bewegen sich durch eine Landschaft, die schön und abweisend zugleich ist. Nach und nach kommen Gespräche auf, die in der Familie lange keinen Platz hatten: über Klaus’ Kindheit als Kriegskind, den frühen Tod von Lilianes Mutter und die Muster, die sich in die nächste Generation fortsetzen.
Was ist das Besondere an „Alte Pfade“?
Auffällig ist, dass Alexa Hennig von Lange eine Beziehung in den Mittelpunkt stellt, die in Familienromanen seltener so genau betrachtet wird: die zwischen Vater und Tochter. Über Mütter und Töchter wird viel gesprochen, über die oft schwerer greifbare Prägung durch den Vater deutlich weniger.
Alexa Henning von Lange „Alte Pfade“
► 2026 Dumont, ISBN-13 978-3-7558-0065-1
► Preis: gebunden 24 €, 240 Seiten
Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media beschreibt Hennig von Lange, dass der Vater in vielen Familien beinahe wie ein Naturgesetz erscheine: Er ist, wie er ist. Die Mutter dagegen soll sich erklären, anpassen, an sich arbeiten. Dieser Gedanke ist ein Schlüssel zu „Alte Pfade“. Liliane hat lange geglaubt, ihren Vater vor allem aushalten und sich an seinen Maßstäben messen zu müssen. Erst als er alt und körperlich verletzlich wird, gerät diese Ordnung ins Wanken. Der Vater, der immer der Starke sein wollte, braucht plötzlich Hilfe. In dieser Umkehrung entsteht keine einfache Versöhnung, aber sie schafft die Möglichkeit, Klaus neu zu sehen.
Der Roman hat dabei einen sehr persönlichen Ausgangspunkt. Die Autorin ist für das Buch selbst in die schottischen Highlands gereist und hat sich auf die Spuren ihres Vaters begeben. Im Interview verrät sie, dass die Natur für ihren Vater immer auch ein Ort der Bewährung war, was sie als Kind eher unter Druck setzte. Beim Wandern in den Highlands veränderte sich dieser Blick: Sie konnte im Abenteuerbedürfnis des Vaters plötzlich den liebevollen Versuch erkennen, seinen Kindern Zuversicht zu vermitteln. Diese intime Verschiebung – von der alten Furcht zu einem späteren Verstehen – trägt den gesamten Roman.
„Alte Pfade“: Warum sollte man das Buch lesen?
Weil dieser Roman eine Familiengeschichte erzählt, ohne die Familie zu verklären. Es gibt verletzende Sätze, langes Schweigen, falsche Entscheidungen und alte Wut. Aber es gibt auch die Möglichkeit, dass zwei Menschen einander im hohen Alter noch einmal anders begegnen. Mich hat „Alte Pfade“ berührt, weil es die eigentliche Tragik des Älterwerdens ernst nimmt: Eltern werden irgendwann zu Menschen, die Angst haben, sich schämen, Hilfe brauchen und oft nicht wissen, wie sie darüber sprechen sollen.
„Seitenweise Sven“ – der Newsletter
Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter und Sie erhalten „Seitenweise Sven“ direkt in Ihr Postfach. So verpassen Sie keine Ausgabe der Kolumne, in der Sven Trautwein seine Meinung zu kontroversen Themen aus der Literaturwelt preisgibt.

Hennig von Lange findet für diese Spannung einen Ton, der weder sentimental noch kalt ist. „Alte Pfade“ ist ein Roman für alle, die über ihre eigene Familie nachdenken – über das, was sie unbewusst übernommen haben, und über das, wovon sie sich lösen wollten. Und er zeigt leise hoffnungsvoll: Manchmal reicht ein gemeinsamer Weg. Ein Schritt, dann noch einer. Und irgendwann die Erkenntnis, dass man den alten Pfad nicht verlassen muss, um einen neuen Blick auf ihn zu bekommen.
Das Schweigen der Generationen – ein Motiv, das bleibt
Wer diesen leisen, aber präzisen Blick auf tief verwurzelte Familienstrukturen schätzt, dem sei auch ein weiterer aktueller Titel ans Herz gelegt: In meiner Besprechung zu Dörte Hansens neuem Roman „Broder“ geht es ebenfalls um unausgesprochene Erwartungen und alte Wunden. Obwohl das Setting ein völlig anderes ist – die harte Lebensrealität der Milchbauern in Nordfriesland statt der rauen schottischen Highlands, eine unausgesprochene Rivalität unter Brüdern statt einer Vater-Tochter-Dynamik –, kreisen doch beide Bücher um erstaunlich ähnliche Fragen.
Hier wie da geht es um das schmerzhafte Älterwerden, den schleichenden Verlust von Kontrolle und um familiäre Rollen, die so unumstößlich schienen, bis der körperliche und seelische Verschleiß sie ins Wanken bringt. Beide Autorinnen beweisen die literarische Größe, die Härte und das Schweigen ihrer Figuren nicht vorschnell zu verurteilen, sondern aus ihrer Geschichte und ihrer Umwelt heraus verstehbar zu machen. Eines der Highlights des Bücherherbstes.
Wie weitere Bestsellerautoren, darunter Matt Haig oder Nele Neuhaus auf ihre Ideen kommen, lesen Sie hier in den Interviews. Übrigens: Bleiben Sie auf dem Laufenden zu Buchtipps und Neuigkeiten aus der Buchwelt mit unserem Newsletter. Hier abonnieren. (str)