Reportage Alexander King vom BSW
Ein Geograf mit beweglicher Nadel im Polit-Kompass
Als treuer Anhänger von Sahra Wagenknecht hat Alexander King seine Ex-Partei, die Linke, verlassen und den Berliner Landesverband des BSW aufgebaut. Im Wahlkampf setzt er vor allem auf die Friedenspolitik und gute Verbindungen zu Russland.
Als die Teilnehmer der BSW-Kundgebung an der Friedensglocke im Volkspark Friedrichshain das sowjetische Volkslied "Katyusha" anstimmen, ist Alexander King schon mit dem nächsten Programmpunkt beschäftigt: Im Biergarten gegenüber soll es ein gemütliches Beisammensein und Zeit für Fragen an den Spitzenkandidaten geben. Die knapp zwei Dutzend Zuhörenden, die zu Kings Wahlkampftermin gekommen sind, bewegen sich allerdings eher langsam hinüber. Viele sind schon etwas älter. King bestellt eine Weißweinschorle. Die Sommerhitze ist ziemlich drückend. Ein Teilnehmer ohne Schuhe an den Füßen schwenkt eine große, weiße Fahne.
Auch wenn das BSW programmatisch viele Punkte anspricht, die sogenannte Friedenspolitik ist klar das Thema Nummer eins und auch das Alleinstellungsmerkmal der Partei bei der Berlin-Wahl: Niemand sonst fordert im Wahlkampf so vehement das Ende der Russland-Sanktionen und Verhandlungen mit Moskau. Die Debatte über Krieg, Frieden und Völkerverständigung habe ihn schon als Kind beschäftigt, sagt der studierte Geograf: Er komme aus einem "linken Elternhaus, einem 68er-Elternhaus", und sein Interesse an Politik habe schon in jungen Jahren am Küchentisch begonnen.
Zum BSW gegangen, um Rechtsruck zu verhindern
Der gebürtige Tübinger King ist seit 2023 das Gesicht des BSW in Berlin. Mehr als zwei Jahrzehnte war er Mitglied in der Linkspartei, die meiste Zeit davon arbeitete er als Referent ihrer Fraktion im Bundestag. Politisch spielte er in der Berliner Landespolitik allerdings keine gehobene Rolle: Zwar führte King mehrere Jahre den Bezirksverband der Linken in Tempelhof-Schöneberg, für einen Sitz im Abgeordnetenhaus reichte es allerdings nur zweimal – in beiden Fällen als Nachrücker für ausgeschiedene Linken-Abgeordnete.
Unter anderem aus Unmut über die Pandemiemaßnahmen wechselte der treue Gefolgsmann von Sahra Wagenknecht 2023 in deren neu gegründete Partei, baute den BSW-Landesverband maßgeblich mit auf. Sein erklärtes Ziel damals: den "Rechtsruck in der deutschen Politik zu bremsen und umzukehren". Heute unterstützt King Wagenknechts Ablehnung gegen die "Brandmauer" und die Ankündigung, der in Teilen rechtsextremen Partei in Sachsen-Anhalt zur Regierung verhelfen zu wollen.
Heute gegen Brandmauer
Ein ideologischer Spagat, der sinnbildlich für die politische Karriere des Alexander King steht: Wie das BSW selbst versucht auch King, bisweilen sehr unterschiedliche Weltanschauungen in sich zu vereinen. Auf die Wirtschaft schaut er mit einem eher liberal-konservativen Blick, auf die Sozialpolitik eher mit einem linken. Heißt in der Praxis zum Beispiel: Ja zu billiger Energie für mehr Wirtschaftswachstum, aber auch Ja zur Enteignung von Wohnungskonzernen. Dass das BSW damit eine politische Lücke füllt, werde die kommende Wahl zeigen, so King: Seine noch junge Partei habe aus dem Stand genug Unterschriften gesammelt, um für das Abgeordnetenhaus und alle zwölf Bezirksverordnetenversammlungen anzutreten. "Das zeigt das große Potenzial, das wir haben."
Mit seinem Namen ist dieses Potential bislang allerdings nicht verbunden, eher mit dem von Wagenknecht: Auch deswegen findet man Kings Gesicht auf Wahlplakaten fast nur zusammen mit dem der Parteigründerin und Co-Spitzenkandidat Michael Lüders. "Wir machen keinen Personenkult", sagt der Mann, der bislang auch nicht als charismatischer Menschenfänger in Erscheinung getreten ist. Dafür als fleißiger Steller von parlamentarischen Anfragen im Abgeordnetenhaus und omnipräsenter Organisator innerhalb des BSW.
Sorge um Meinungsvielfalt und Beziehung zu Russland
Was King anzutreiben scheint, ist aber auch das ständige Gefühl, mit seiner Meinung marginalisiert zu werden. Schon bei den Linken sei er "beschimpft" worden, wenn er Widerworte gab, etwa in der Migrationspolitik. Heute spreche er für die Menschen, die "Angst haben, ihre Meinung zu sagen". Von traditionellen Medien, vor allem den öffentlich-rechtlichen, würde das BSW benachteiligt, falsch dargestellt oder schlicht ignoriert.
Zum Beispiel mit der Meinung, dass der Boykott billiger Energieimporte aus Russland den Kriegsverlauf in der Ukraine nicht beeinflusst habe. "Da wüsste ich jetzt schon gerne, was noch dafür spricht, unsere Wirtschaft weiter zu ruinieren", so King. Der 57-Jährige beklagt, dass "heute jeder nur moralisch im Recht sein" wolle. "Dabei kommt dann ganz selten was Gutes raus." Das Russische Haus in der Friedrichstraße, das von Kritikern als verlängerte Arm der russischen Propagandamaschine im Ausland bezeichnet wird, will das BSW vor der Schließung schützen: Solche Kultureinrichtungen seien wichtig, um die Beziehung zu Russland wieder zu verbessern, sagt King. Dafür spricht die Partei auch gezielt russischsprachige Berlinerinnen und Berliner an.
KI im Wahlkampf "kein Problem"
Ob das reicht, um im September die 5-Prozent-Hürde zu überspringen, wird sich zeigen. Die letzten Umfragen sahen die Partei beständig darunter, bei drei bis vier Prozent. Im Wahlkampf setzt die Partei nun nicht nur auf klare, teils populistisch überspitzte Botschaften, sondern auch auf KI-generierte, emotionalisierende Bilder auf Plakaten. Dazu der Slogan "gefährlich ehrlich" – für King kein Widerspruch. "Ich finde es nicht problematisch, mit KI eine Realität darzustellen, die offensichtlich existiert." Für den 20. September ist er weiter optimistisch. Das Abgeordnetenhaus brauche eine starke BSW-Fraktion. "Und ich sage voraus, es wird sie bekommen, egal was die anderen sagen."
Sendung: rbb24 Inforadio, 28.08.2026, 14:12 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 28.08.2026, Laurence Thio
Hinweis: rbb|24 veröffentlicht in dieser Woche täglich eine Reportage, in der ein:e Spitzenkandidat:in einer Partei für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September im Wahlkampf begleitet wird.
Die Reihenfolge richtet sich nach dem Abschneiden der Parteien bei der Wiederholungswahl im Februar 2023. Wie der rbb insgesamt über die Abgeordnetenhaus-Wahl berichtet, dazu finden Sie hier weitere Informationen.
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