«Alle wollen ein bisschen tanzen und einen Matcha trinken. Das hat aber überhaupt nichts mit einem Rave zu tun. Ich will, dass die Leute die Sau rauslassen können»
Felix Ruoff ist Gründer des erfolgreichen Zürcher Partylabels Naturklang. Ein Gespräch über knallharte Geschäfte, die neue Bravheit der Jungen und absurde Luxuswünsche der DJ.

«Heute fliegen auch DJ mit ihrer Entourage ein: Personenschützer, Masseurin, Coach, Filmerin und Fotografen oder einfach die Kumpels», sagt der Veranstalter Felix Ruoff.
Partys am Tag, sogenannte Day-Raves, boomen in Zürich. Während die Veranstaltungen früher erst spätabends losgingen und bis in die Morgenstunden dauerten, beginnen sie heute um die Mittagszeit und enden kurz vor Mitternacht. Inzwischen setzen auch Klubs wie das Hive oder das Kaufleuten verstärkt auf das Konzept, das vor allem bei der jungen Generation gut ankommt.
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Herr Ruoff, Sie sind mit dem Zürcher Partylabel Naturklang zu einem der grössten Veranstalter von Day-Raves in der Schweiz geworden. Wie sind Sie überhaupt in die Techno-Szene gekommen?
Ich wurde stark von meinem älteren Bruder beeinflusst, der damals in Frankfurt mit Leuten aus der Szene um die DJ-Ikone Sven Väth verkehrte. Über eine damalige Freundin bin ich in die Zürcher Partyszene reingerutscht. Ich war wahrscheinlich sechs Jahre lang jedes Wochenende im Ausgang.
Viele Veranstalter in Zürich haben mit illegalen Partys in alten Industrieanlagen oder Kellern angefangen. Wie war es bei Ihnen?
2012 wurde ich von ein paar Kumpels zu einer illegalen Party unter der Autobahnbrücke in Unterengstringen eingeladen. Da kamen vielleicht fünfzig Leute. Ich habe dann irgendwann mit angepackt und eine bessere Soundanlage und zusätzliche Getränke organisiert. Dann hat mich jemand gefragt, wann der nächste Anlass sei. So hat es begonnen. Wir haben noch fünf weitere Events unter der Brücke gemacht. Bei der fünften Party waren es schon 900 Gäste. Wir haben einfach jemanden hingestellt, der der Polizei sagte, er mache da eine kleine Grillparty, und das funktionierte. Wir haben aber immer aufgeräumt, es war alles sauber.
Ging es da schon darum, Geld zu verdienen?
Nein, ich sah mich damals gar nicht als Unternehmer. Da ging es nicht um Profit, da war auch keine Firma im Hintergrund. Ich war damals eher unkonventionell unterwegs. Ich jettete nach Berlin und zurück, habe mir deren Szenen angeschaut. Das ging alles sehr schnell, alles ist ohne Geld gewachsen. Das ist das Gegenteil von heute, wo teilweise an jeder Ecke ein DJ-Pult hingestellt wird und die Leute mit Gratiseintritt gelockt werden. Das hat für mich nichts mit einer professionellen Veranstaltung zu tun.
Aber finanziell muss es sich schon lohnen, oder?
Es gibt Veranstalter, die alles im Voraus kalkulieren. Und wenn es nicht aufgeht, machen sie die Party nicht. Ich plane da weniger konservativ. Sicher ist, dass die Margen heute kleiner geworden sind. Man muss viel investieren, um überhaupt mithalten zu können mit der Konkurrenz. Das meiste Geld fliesst an die Künstler und die Produktion. Ich habe den Vorteil, dass ich allein bin. Das bringt zwar auch viel Verantwortung mit sich, verkürzt aber auch die Entscheidungswege. So kann ich schneller handeln.
Naturklang war immer Ihr persönliches Projekt?
Zu Beginn waren wir ein kleines Kollektiv, aber die Leute haben sich in andere Richtungen entwickelt. Man kann nicht Geschäftspartner sein, aber keine zwei Tage pro Monat für das gemeinsame Projekt Zeit haben.

Die Partys des Labels Naturklang finden tagsüber und an ausgesuchten Locations statt.
PD
Und wie ist es heute?
Mir gehört die Firma zu 100 Prozent. Man kennt ja die Geschichten aus der Zürcher Szene, bei denen Gründer von Leuten aus den eigenen Reihen eiskalt rausgeboxt werden. Entscheidend sind in meiner Branche die Künstler und der Veranstaltungsort. Das sind die beiden Schwerpunkte bei meiner Arbeit. Man muss einen guten Draht haben zu den Locations und den Künstlern. Heutzutage zählt ein Vertrag nicht mehr viel, wenn es sonst nicht passt. Ich kenne die Manager und die Künstler mit Vornamen, habe von vielen die Handynummer. Selbst wenn alles in die Brüche gehen würde, diese Beziehungen kann mir niemand nehmen.
Von Ihnen heisst es in der Szene auch, dass Sie mit harten Bandagen kämpfen.
Es ist halt ein knallhartes Geschäft. Alle kämpfen um die besten Locations und die besten Musiker. Jeder Klub ist mittlerweile auf den Outdoor-Event-Zug aufgesprungen. Hinzu kommt die Fluktuation: Vor ein bis zwei Jahren gab es bei uns einen grösseren personellen Wechsel, weil sich einige langjährige Mitarbeitende beruflich neu orientieren wollten. Das gehört dazu. Und es ist eine Chance, neue Leute mit frischen Ideen ins Team zu holen.
Bei Partys im Freien ist alles vom Wetter abhängig. Ein Hochrisikogeschäft, oder nicht?
Ich veranstalte pro Jahr zehn Partys. Wenn es bei der Hälfte der Veranstaltungen regnet, halten mich die anderen fünf finanziell am Leben. Wenn es immer schön ist, mache ich natürlich einen schönen Profit.
Neben dem Wetter muss auch der Veranstaltungsort stimmen. Wie gehen Sie da vor?
Ich entscheide nach Gefühl. Die Frage lautet für mich: Wen spricht man an, wenn man einen Ort gefunden hat? Da muss man sensibel vorgehen, mit den Behörden, mit den Eigentümern oder den Pächtern.
Machen das nicht alle so?
Nicht, wenn wir der Konkurrenz einen Schritt voraus sind. Wir waren im letzten Jahr die Einzigen, die es gewagt haben, die Hardturmbrache zu bespielen. Dieses Jahr haben sich über ein Dutzend Veranstalter beworben. Jetzt hat die Stadt dort gleich drei Raves bewilligt, alle haben ein ähnliches Konzept. Ich glaube nicht, dass das aufgeht.
Sind die Auflagen strenger geworden?
Nach der Feuerkatastrophe von Crans-Montana wurde alles nochmals strenger und komplizierter. An jedem Ort, den wir bespielen, kam ein Brief der Gemeinde. Da wurde zum Beispiel plötzlich gefordert, wir müssten von 12 000 auf 8000 Gäste verkleinern. Nur geht das finanziell nicht mehr auf.
Und wie lösen Sie solche Probleme?
Mit Gesprächen mit den Verantwortlichen vor Ort, etwa mit der Feuerpolizei. Dann messen wir halt nach, machen mehr Ausgänge und Tore, so bringt man die Sache irgendwie hin. Unangenehmer sind die Technokraten in den Amtsstuben. Deren oberste Maxime ist, dass nichts passiert. Das ist zwar verständlich, nur passiert bei uns ja sehr selten etwas, vielleicht höchstens mal eine Schlägerei.
Im letzten Jahr auf der Hardturmbrache gab es Starkregen, und der Anlass stand kurz vor einer Evakuierung.
Das war eine Extremsituation. Ich war vor Ort, das Mobiltelefon ständig am Ohr und den Einsatzleiter der Security neben mir. Der Regen war sehr stark, zog aber auch rasch weiter. Am Ende konnten wir eine Evakuierung vermeiden und den Anlass durchziehen.
Hatten Sie keine Angst, dass es schiefgehen könnte?
Es waren ja bereits Tausende Leute da, aber die Stimmung war nicht panisch. Die Leute suchten einfach Schutz unter Zelten. Eine plötzliche Evakuierung hätte verheerend sein können. Grundsätzlich verlaufen unsere Veranstaltungen sehr sicher und ohne grössere Zwischenfälle. Eine Ausnahme war einmal ein Anlass im Tessin. Dort wurden einzelne Gäste auf dem Weg zur Veranstaltung von Diebesbanden aus Italien ins Visier genommen, die es auf teure Uhren und Schmuck abgesehen hatten. Solche Vorfälle passieren sonst aber glücklicherweise nie.
Die junge Generation feiert lieber am Tag, trinkt viel weniger Alkohol und ist gesundheitsbewusster. Sind Day-Raves deshalb so beliebt?
Die Leute wollen trotz der neuen Bravheit einen Ort haben, wo sie sich von der Realität ausklinken können. Bei uns wird auch nicht weniger getrunken. Die Leute trinken einfach an ausgewählten Events, dann dafür richtig.
Gefühlt setzen in Zürich alle auf elektronische Musik.
An jeder Ecke steigt ein Rave, sogar Cafés und Bäckereien lassen DJ auflegen. Das ist komplett salonfähig geworden. Und das fördert dieses «Nicht-trinken-Wollen», weil alle auch so ein bisschen tanzen können und dazu einen Matcha trinken. Das hat aber überhaupt nichts mit einem richtigen Rave zu tun. Ich will etwas Starkes machen, wo die Leute die Sau rauslassen können. Auch viele klassische Festivals setzen auf elektronische Musik. An grossen Open Airs beispielsweise werden alle möglichen Musikstile vermischt, was nicht allen passt. Jemand, der nach Ibiza fliegt, um zu raven, will nicht mit Leuten feiern, die rockig unterwegs sind oder die Stubete Gäng hören.
Wie sticht man als Veranstalter noch heraus?
Es geht darum, die angesagtesten Künstler zu bekommen. Und den besten Standort dafür auszusuchen. Wir konkurrieren weltweit mit der Formel 1, mit Monaco, mit Dubai. Das sind Veranstalter, die einfach mal 500 000 Franken hinlegen können. Und wenn ich nur 200 000 Franken biete, entscheiden sich manche fürs bessere Geschäft.

Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana sind die Auflagen für Veranstalter wie Felix Ruoff nochmals gestiegen.
Anne Morgenstern für NZZ
Eher zufällig zum Partyveranstalter geworden
fbi. Felix Ruoff, 40, ist 2012 eher zufällig zum Partyveranstalter geworden. Inzwischen existiert das Label Naturklang seit 14 Jahren. Ruoff und sein Team sind mit jährlich rund 10 Outdoor-Technopartys zu einem der grössten Veranstalter von Day-Raves in der Schweiz geworden. Einen Namen hat sich das Label vor allem mit speziellen Veranstaltungsorten gemacht – am Zürichsee, in Ascona und Locarno am Lago Maggiore, aber auch auf der Hardturm-Brache und dem Üetliberg. Letzterer sorgte auch schon für Ärger bei Naturschützern.
Aber wie holen Sie grosse Namen?
Wir machen beim Line-up ein Ranking der Künstler, und die finden das toll. Jeder will der Haupt-Act eines Anlasses sein. Der Trend geht in eine andere Richtung: Seit ein paar Jahren ist es gang und gäbe, die Künstler nach Alphabet zu ordnen. Alles soll ohne eine Wertung ablaufen. Wir aber bringen den grössten Namen zuoberst. Die Leute sehen also sofort, ob das Line-up etwas taugt. Aber klar, dafür muss man die grossen Namen auch holen können. Zudem spielen viele Künstler auch einmal gerne vor 2500 statt vor 20 000 Leuten, weil sie dann näher an den Menschen dran sind. Oftmals schreibe ich den Musikern auch eine Nachricht und frage nach ihren Wünschen.
Und was kommt zurück?
Früher waren DJ total pflegeleicht. Nicht wie die Rolling Stones, die mit drei Sattelschleppern anreisen. Heute fliegen aber auch DJ mit einer Entourage ein: Personenschützer, Masseurin, Coach, Filmerin und Fotografen oder einfach die Kumpels. Das muss alles der Veranstalter zahlen. Wir verhandeln gerade mit einem Act, der 14 Zimmer für seine Crew in einem Fünfsternehotel für zwei Nächte benötigt. Das kostet dann schnell mal 20 000 Franken für die Unterkunft. Ich bin mir noch nicht sicher, ob wir das wirklich machen.
Und sonst?
Öfter müssen wir Künstler in Mercedes-Bussen aus Mailand abholen. Die Wagen müssen so neu sein, dass wir das Modell extra aus Zürich runterfahren müssen. Mit den Fahrern kostet das bis zu 10 000 Franken am Tag. Aber klar, wer fünf oder sechs Gigs in der Woche spielt, der will auch einmal die Beine hochlegen können. Die ältere DJ-Generation hat sich ja nicht geschont. Die brauchen viel Ruhe, meist tauchen sie nur für den Auftritt auf und gehen dann rasch zurück ins Hotel.
Lehnen Sie auch einmal Wünsche ab?
Das ist eigentlich kaum möglich, da die DJ sonst nicht kommen. Wenn die Zeit zu knapp ist und es nur mit Privatjet geht, probieren wir oft, ein anderes Datum zu suchen. Was ich aber auch gemerkt habe: Künstler, die nicht mehr so angesagt sind, rudern mit ihren Ansprüchen selber zurück. Aus der Suite im «Dolder» wird dann «nur» das normale «Kingsize». Aber klar, am Ende zahlen wir dem Künstler eine Menge Geld.
Gab es denn schon den Moment, als Sie sagten: Jetzt ist genug?
Ich bin jetzt 40. Ich werde sicher nicht noch zwanzig Jahre so weitermachen. Ich bin heute beim Aufbau nur noch zweimal dabei, einmal in der Mitte und einmal kurz vor Ende. Man wird schliesslich auch nicht jünger. Aber momentan macht es noch sehr viel Spass.
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