Allein in einer großen Stadt: Der Defa-Film „Hostess“

KI-Stimme. Info

Der Himmel über Berlin kam nicht erst durch Wim Wenders zu kinematographischen Ehren. Das geschah schon elf Jahre zuvor durch den Defa-Film „Hostess“. Und während es Bruno Ganz 1987 als Engel im Westen „nur“ auf die Gedächtniskirche und die Siegessäule brachte, kam Annekathrin Bürger 1976 noch ein paar Stockwerke höher. Als in drei Fremdsprachen beflissene Hostess des Fernsehturms führt sie in knallrotem Kostüm ausländische Touristen auf die Aussichtsplattform, zeigt die damalige Hauptstadt der DDR von oben, führt sie dann als Stadtführerin im Bus zu Sehenswürdigkeiten der Stadt wie Rotes Rathaus, Palast der Republik, Museumsinsel, Frankfurter Tor, Sowjetisches Ehrenmal und geht mit ihnen ins Naturkunde- und Pergamonmuseum.

Den DDR-Funktionären gefiel der Film nicht, den Zuschauern schon

Eine filmische Stadtführung durch das Ost-Berlin der 70er-Jahre – das ist heute ein einmaliges Zeitdokument. Und wird nun noch einmal in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ gezeigt, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt. Damit wird auch Annekathrin Bürger geehrt, die gerade mit dem Defa-Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde.

Der Himmel über Berlin ist auch für Jette privat voller Geigen. Seit zwei Jahren lebt sie mit dem Automechaniker Hannes (Jürgen Heinrich) in seiner kleinen Wohnung unterm Dach. Und wie glücklich sie sind, zeigt sich durch eine witzige Montage, in der sie immer wieder, aber immer anders zusammen im Bett liegen. Bis Hannes eines Tages beschließt: „Wir werden heiraten!“ Er stellt keinen Antrag. Er sagt das auch nur, weil das doch alle tun. Und weil sie so auch Steuern sparen könnten. Das ist Jette aber zu unromantisch. Wie Hannes ohnehin spießig geworden ist und mehr Zeit mit seinen Autos und vor der Glotze verbringt als mit ihr. Also sagt sie nein. Es kommt zum Streit. Und Jette packt ihre Sachen. Läuft mit einem Koffer und Spiegel durch die Straßen. Und irrt jetzt auch privat durch die Stadt.

Erst will sie zurück in ihre WG mit der Arbeitskollegin Conny (Roswitha Marks), aber da wohnt sie inzwischen mit ihrem Freund Geert (Bernd Stichler). Also zieht Jette erst mal zu ihrem Bruder Robert (Manfred Karge). Der feiert gerade seinen achten Hochzeitstag, streitet sich aber ständig mit seiner Frau. Auch die Beziehung zwischen Conny und Geert gerät bald in Schieflage. Und selbst aus der Nachbarwohnung hört man Ehezoff. Keine Liebe, nirgends.

Regisseur Rolf Römer schrieb den Film seiner Frau auf den Leib

In einer Schlüsselszene läuft Jette am frühen Morgen durch leere, verwaiste Straßen, wo noch kein Verkehr, keine Menschenseele ist. Wie in Marlene Dietrichs berühmtem Lied „Allein in einer großen Stadt“. In knappen Rückblenden gehen ihr immer wieder Erinnerungen an Hannes durch den Kopf. Nun aber nur solche, in denen es keine Geigen im Himmel, nur Missklänge gab. Als sie doch eine Versöhnung wagt, poussiert der gerade mit einer Arbeitskollegin. Und als er wieder Sehnsucht nach ihr hat, nähert sie sich gerade wieder ihrem Ex Peter an. Werden die beiden wieder zusammenfinden? Am Ende fliegt die Kamera davon, in die Höhe, und Jette und das Haus, in dem sie aus dem Fenster schaut, wird nur eines von vielen Punkten, wie vom Fernsehturm aus gesehen.

Hostess

Annekathrin Bürger mit ihrem Mann und Regisseur Rolf Römer bei den Dreharbeiten.© Defa-Stiftung | DEFA

„Hostess“ war der zweite Regiefilm von Rolf Römer, der eigentlich Schauspieler war. Und die Hauptrolle schrieb er, wie schon in seinem Debüt „He, du!“, seiner Frau Annekathrin Bürger auf den Leib. Die war 20 Jahre davor als 16-Jährige für „Eine Berliner Romanze“ entdeckt worden, hatte auch in Defa-Klassikern wie „Königskinder“ und „Das zweite Gleis“ mitgewirkt. Das aber waren Männerfilme. Römer dagegen schrieb Drehbücher mit einer autarken, selbstbewussten Frau im Mittelpunkt, was in den 70er-Jahren durchaus noch eine Ausnahme war. Der Gatte spielte auch selbst mit. Aber nicht den Partner, sondern ironisch den Ex.

Die Szene mit Nina Hagen wurde nach ihrer Ausreise geschnitten

Und sein Film lebt von vielen Komponenten. Von vielen stimmungsvollen Aufnahmen von der Stadt. Von der Musik, die vor allem junge Menschen ansprechen sollte: Lieder von Veronika Fischer, die gleich den Titelsong singt („Tage gibt es, die mein Herz zerspalten“), und Nina Hagens frechem Rocksong „Zieh die Schuhe aus“, mit dem sie sogar einen echten Auftritt bei einem Konzert im Schlosshof zu Köpenick hat. Und nicht zuletzt von den für DDR-Verhältnisse mehr als freizügigen Nacktszenen. Der Film zeigte aber auch ganz offen erstaunliche Details: Wohnungen, die man nicht kriegt oder für die die von Michael Gwisdek und Fred Delmare gespielten Männer vom Amt ganz ungeniert Schmiergeld fordern, und offene Querschüsse gegen das sozialistische Kollektiv.

Hostess

„Zieh die Schuhe aus“: Nina Hagen hat einen Konzertauftritt im Film.© DEFA | DEFA

Den Funktionären, die eine Gegenwartskomödie mit viel Sonne und bunten Bildern erwartet hatten, war das zu viel Gegenwart. Ohnehin galt Römer als politisch nicht zuverlässig (1978 wurde er dann mit einem Berufsverbot belegt). Und war es von oben gesteuert oder nicht: Nach der Premiere im Kosmos Kino am 12. Februar 1976 fielen die Kritiken mehrheitlich negativ aus: Die Inszenierung sei „zu gefällig und uneinheitlich“, „die klassenmäßige Darstellung der Figuren“ fehle – und der Film hinterlasse „den Eindruck einer Produktion für die Ostberliner Touristenwerbung“. Was für ein Einwand! Dabei war es, wie Bürger kurz nach dem Tod ihres Mannes 2001 sagte, doch nur sein Wunsch gewesen, „das bisschen, das schön war an Berlin, auch zu zeigen“.

Beim Publikum kam der Film dagegen an. Vielleicht gerade auch, weil die Kritik so negativ gewesen war. Vielleicht aber auch einfach wegen seiner Freizügigkeit und der, wie es die „Berliner Zeitung“ einmal formulierte, „für DDR-Verhältnisse beispielhaften Nacktszenen“. Nach nur wenigen Wochen zählte der Film 1,5 Millionen Zuschauer, was nicht vielen Defa-Produktionen gelang.

Auch interessant

Als „Hostess“ einige Monate später im DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde, war die Szene mit Nina Hagen allerdings herausgeschnitten. Weil sie nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann die DDR verlassen hatte. Nachdem 1981 auch Veronika Fischer in den Westen ging und 1985 auch Hauptdarsteller Jürgen Heinrich (der später durch die Serie „Wolffs Revier“ bundesweit bekannt werden sollte), wurde dem Film die staatliche Zulassung entzogen: „Die Kopien sind der Altstoffverwertung zu übergeben.“ Bis zum Ende der DDR durfte er im Inland nicht mehr gezeigt werden. Im Ausland schon, das brachte Devisen ein. Auch in dieser Hinsicht ist „Hostess“ ein Zeitbild.

Ein Detail war der DDR-Zensur dagegen überraschend gar nicht aufgefallen: Auf einer der vielen Stadtrundfahrten ist nicht nur das Brandenburger Tor zu sehen, sondern auch der Westen dahinter, mit der Siegessäule. Ein Blick, den die DDR ihren Staatsbürgern sonst immer vorenthielt.

Zoo Palast, 3. November, 20 Uhr in Anwesenheit von Philip Zengel von der Defa-Stiftung. Tickets gibt es hier.