50 Jahre „Kottan ermittelt“: Als Fernsehen noch zum Skandal taugte

50 Jahre „Kottan ermittelt“

„Schande für Österreich“ hat es in den Telefonprotokollen des ORF geheißen: Ein neuer Ermittler namens Adolf Kottan hat im August 1976 das heimische Fernsehpublikum, Polizeifunktionäre und Politik erregt. Autor Helmut Zenker und Regisseur Peter Patzak hielten dem Land mit der Mediensatire „Kottan ermittelt“ den Spiegel vor. Dabei betonte der Major doch stets, „Inspekta gibt’s kan“.

Online seit heute, 20.04 Uhr

Vor 50 Jahren löste ein Fernsehermittler einen Shitstorm aus – lange, bevor dieser Begriff überhaupt etabliert war. Der Grund: Peter Vogel enterte am 8. August 1976 als zynischer Major, ausgerechnet mit dem Namen Adolf („Dolferl“) Kottan, die Bildschirme auf FS1 (Fernsehprogramm 1, früher der Name des ersten ORF-Fernsehkanals). Danach glühten die Leitungen beim ORF-Kundendienst.

Empörte Zuschauerinnen und Zuschauer beschwerten sich über „ein Programm, dass einer Sau graust“, orteten „Landesverrat!“, „kulturellen Selbstmord“, eine „Schande für Österreich“. Polizeifunktionäre forderten die sofortige Absetzung der Serie. Die Resonanz war dem mieselsüchtigen Major und seiner Truppe sicher. Nach einer ÖVP-Anfrage nach Folge zwei musste der SPÖ-Innenminister Erwin Lanc im Parlament versichern, dass alles reine Fiktion sei.

Peter Vogel als Kottan
Peter Vogel mimte in den ersten zwei Folgen den Anarcho-Ermittler Adolf Kottan

Was erregte das biedere Nachkriegsösterreich derart? Die Polizei galt damals als unangreifbare Autorität. Autor Zenker und Regisseur Patzak räumten in ihrer bitterbösen Krimigroteske mit diesem Image auf.

Sie ließen einen genervten Anarcho-Ermittler, einen fremden- und frauenfeindlichen Proleten auf die spießbürgerliche Fernsehlandschaft los, hielten dem Obrigkeitsdenken und Selbstbild österreichischer Gemütlichkeit den Spiegel vor und zeigten das einfache Volk von seiner gemeinen Seite. Georg Danzer sang im Soundtrack dazu: „Des Kaun Do Ned Ollas Gwes’n Sein.“

Das kleingeistige Wien im Visier

Die Kultserie zeigte ein Sittenbild: Schnaps fließt in rauen Mengen, auch im uniformierten Dienst. Die Schimpfwörter sind unzensuriert („Gfrast!“, „Trottel“, „Haltens die Goschn!“), Zitate längst Running Gags („Wer nix is und nix kann, geht zur Post oder zur Bahn“), die Frauenfiguren ausgewiesene „Grantscherm“, blasse Gattinnen oder Sexobjekte. „Kottan ermittelt“ war alles andere als schmähstad und politisch korrekt.

Franz Buchrieser als Major Adolf Kottan
Im fliegenden Wechsel kam Franz Buchrieser als zweiter Kottan

„Wir wollen die normalen ‚Tatort‘-Krimis unterlaufen, desavouieren“, erklärte Patzak einst in einem Interview mit der „Presse“. Das Konzept schwor gewohnter Political Correctness, aber auch Seherwartungen an Krimis ab, Mord und Totschlag mutierten zur Nebensache. Die Reihe blieb in den 19 Folgen zwischen 1976 und 1984 wunderbar wahnsinnig, aufregend unberechenbar bis zunehmend verblödelter. Dieser Major Kottan durchbrach schon einmal die „vierte Wand“ und stellte mit direktem Blick in die Kamera fest: „So was gibt’s doch nur im Film!“

Zenker und Patzak zu „Kottan“-Erfolg

19 Folgen sind ab 1976 von der Krimireihe „Kottan ermittelt“ gedreht worden. Anfangs mit Peter Vogel als Major (nicht Inspektor) Adolf Kottan, später gefolgt von Franz Buchrieser und Lukas Resetarits, entwickelte sich die Serie zum Publikumshit – auch wenn 1980 Autor Helmut Zenker daran seine Zweifel äußerte.

Dreierlei Ermittler

Im Plot der ersten Folge „Hartlgasse 16a“ (aktuell in ORF ON abrufbar) wird eine „Oide“ in einem Bassenazinshaus in der Brigittenau tot aufgefunden. In der rüden Hausgemeinschaft knallen mitunter die Türen und fliegen die Blumentöpfe aus dem Fenster, die Figurenparade reicht von der Hausbesorgerin mit Faible für den Postler bis zur frustrierten Wächterin des Gangklos.

Das Geld der Toten stammte von Mieteinnahmen aus zwei Häusern, die sie an Gastarbeiter vermietete. Wer nicht zahlen konnte, leistete ihr Sexdienste. Kottan verdächtigte die jugoslawische Putzfrau und irrte sich gewaltig. Auch das ein Novum: Ein Ermittlertyp als fehlerhafter Anti-Held, der die Sonntagszeitung stiehlt und ein Privatleben hat – wenngleich im Falle Kottans ein eher freudloses.

Lukas Resetarits und Peter Patzak bei den Dreharbeiten zu Kottan ermittelt
Längstdienender Kottan war Lukas Resetarits (links) – hier mit Regisseur Peter Patzak bei Dreharbeiten im September 1981

Den einen Kottan gab es nicht. Während Vogel zwei Folgen lang mürrisch durch die Gegend stieg, folgte ihm Buchrieser als melancholischer Kottan für drei Episoden, Kabarettist Resetarits mimte 14-mal den Anarcho-Ermittler. Die Männerjagd ist Männersache, die Frau Sekretärin hatte aber den vielleicht wichtigsten Job: Sie versorgte Kottan und seine Gäste gerne mit brühend heißem Kaffee. Ihr Running Gag zum verbrannten Mund lautete: „Heiß? Na, kochen muss ich ihn schon.“

Feindbild Kaffeeautomat

Die meschugge Kollegenschar: Der patscherte Assistent Schrammel (Curth Anatol Tichy) ist unterwürfig, aber weder mit Intellekt noch Humor ausgestattet. Kollege Paul Schremser (Walter Davy) wird aufgrund seiner Beinamputation zum Innendienst degradiert, mausert sich aber bald zum vifen Ermittler, bringt Täter mit seiner Krücke zu Fall, sodass er irgendwann zum Chef des Dezernats aufsteigt.

Die größte Lachnummer ist der Chef Alfred Pilch (Harald Koeppelle), gefolgt von Heribert Pilch (Kurt Weinzierl). Fast schon manisch gehen sie auf Jagd nach Stubenfliegen, Zweiterer bekommt mit dem Kaffeeautomaten, der ein seltsames Eigenleben entwickelt, einen weiteren Endgegner. Eine hinreißende Rolle nimmt Carlo Böhm als Sandler Erwin Drballa ein, der die meisten Leichen findet. Viele Stars wirken mit, u. a. Bibiane Zeller, Chris Lohner, Gusti Böhm und Hanno Pöschl.

Ein kleines Skandälchen löste in der Folge „Kansas City“ (Erstausstrahlung in D 1981, Ö 1982) eine gefakte, eingeblendete Schrifttafel aus, auf der zu lesen war: „UFO bei Duisburg gelandet. Sondersendung nach diesem Beitrag.“ Der Gag galt als Seitenhieb auf die Heimatstadt des ‚Tatort‘-Kommissars Schimanski, die im Gegensatz zu Kottan bravere und weniger polarisierende Ermittlerfigur. Das deutsche Publikum fand es weniger lustig.

Nach 19 Folgen und fast einem Jahrzehnt lief „Kottan ermittelt“ Anfang der 1980er Jahre aus. Der Kult hat überlebt.