Gedankenexperiment: Warum Frauen und Männer so unterschiedlich antworten

Publiziert24. Oktober 2026, 18:46

GedankenexperimentAls letzte Frau unter Männern? «Ich würde lieber sterben»

Was, wenn du die einzige Frau oder der einzige Mann auf der Welt wärst? Ein virales Gedankenexperiment sorgt für Diskussionen. Während viele Frauen Angst haben, sehen Männer darin einen Traum. Eine Expertin erklärt, was dahintersteckt.

Deborah Gonzalez

Darum gehts

  • Ein virales Gedankenexperiment fragt, was wäre, wenn man die einzige Frau oder der einzige Mann auf der Welt wäre.
  • Viele Frauen sprechen von Angst, Verstecken oder gar Suizid, während sich manche Männer als «King» sehen.
  • Sozialpsychologin Christa Nater erklärt dies mit unterschiedlichen Erfahrungswelten sowie Rollen- und Machtverhältnissen.

Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf und bist die einzige Frau auf der Welt. Alle anderen Frauen sind verschwunden, übrig geblieben sind nur Männer. Was würdest du tun? Diese Frage beschäftigt derzeit Millionen Menschen auf Social Media.

Ein Video zum Gedankenexperiment wurde bereits fast vier Millionen Mal aufgerufen. Auffällig sind vor allem die Reaktionen: Während viele Frauen davon sprechen, sich zu verstecken oder sogar das Leben zu nehmen, sehen Männer im umgekehrten Szenario offenbar eine Wunschvorstellung. Einige bezeichnen sich als «King».

«Jede hat gleich gedacht»

«Jede Frau hat sofort an dasselbe gedacht. Jede Frau», schreibt Nutzerin Merica. Eine andere kommentiert: «Mein erster Gedanke war Verstecken und es ist noch ironisch, dass das die optimistischste Antwort war.» Mehrere Frauen schreiben: «Die letzte Frau unter Männern? Ich würde lieber sterben.»

Besonders drastisch fällt die Reaktion einer weiteren Frau aus: «Das hat mich jetzt realisieren lassen, dass ich nur noch lebe, weil es auch noch andere Frauen gibt.» In einem weiteren Video liest eine Frau zahlreiche Kommentare vor. Einer davon wurde über 31’000 Mal gelikt: «Ich glaube, Männer würden vor mir merken, dass ich die letzte Frau auf der Erde bin. Und das ist das Beängstigendste, was ich mir vorstellen kann.»

Das Gedankenexperiment, die einzige Frau zu sein, löst bei vielen Frauen Unbehagen aus.

Das Gedankenexperiment, die einzige Frau zu sein, löst bei vielen Frauen Unbehagen aus.Getty Images

Doch weshalb reagieren Frauen und Männer so unterschiedlich?

«Es ist nicht dasselbe Gedankenexperiment»

Für Sozialpsychologin Christa Nater von der Universität Bern liegt die Erklärung in den unterschiedlichen Lebensrealitäten. «Das Gedankenexperiment ist für Frauen und Männer überhaupt nicht dasselbe, weil sie es aus unterschiedlichen Erfahrungswelten heraus durchspielen.»

Frauen stellten sich vor, allein unter Menschen zu sein, die ihnen körperlich überlegen sind und in vielen Bereichen mehr Macht haben. Männer hingegen gingen davon aus, dass ihre Gruppe ihre Vorteile behalte und sie zusätzlich besonders begehrt würden.

«Die Antworten sagen deshalb weniger über die Natur von Frauen und Männern aus als über die Rollen und Machtverhältnisse, die wir aus dem Alltag kennen.» Dass Frauen unmittelbar an Gefahr denken, überrascht Nater nicht. Viele Frauen kennen Situationen von Belästigung, sexistischen Kommentaren oder Übergriffen aus eigener Erfahrung oder aus ihrem Umfeld.

Warum Männer sich als «King» sehen

Auch die Reaktionen der Männer lassen sich laut Nater gesellschaftlich erklären. Männer würden stereotyp häufig mit Stärke, Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen verbunden. «Die Antwort ‹Ich wäre ein King› passt genau in dieses Bild.»

Hinzu komme die Darstellung von Frauen in den Medien und in der Pornografie, wo sie oft als verfügbare Objekte gezeigt würden. Eine von Nater veröffentlichte Meta-Analyse von 257 Studien zeigt einen Zusammenhang zwischen dem Konsum frauenfeindlicher Medieninhalte und feindseligen Reaktionen gegenüber Frauen, etwa einer stärkeren Objektifizierung.

Wie würdest du reagieren, wenn du plötzlich die einzige Frau oder der einzige Mann auf der Welt wärst?

Ich würde sofort versuchen, in Sicherheit zu bleiben.

Ich wäre vor allem verunsichert und hätte viele offene Fragen.

Ich würde zuerst schauen, wie ich mit der neuen Situation zurechtkomme.

Ich würde das eher als kuriose Herausforderung sehen.

Ich hätte keine klare Angst, würde die Situation aber sehr ernst nehmen.

Ich könnte mir so ein Szenario kaum vorstellen.

Was der Trend wirklich aussagt

Dass sich aus den Videos ein allgemeines Bild über Frauen und Männer ableiten lässt, bezweifelt Nater. Die Clips seien weder repräsentativ noch frei von Übertreibungen. Schwarzer Humor könnte ebenfalls eine Rolle spielen. Dennoch findet sie die Reaktionen aufschlussreich: «Ein Witz kommt nur an, wenn das Publikum die dahinterliegenden Rollenbilder kennt.»

Nater vermutet, dass der Wettbewerb um Status und Einfluss zunimmt, wenn Frauen aufholen, und dass Männer sich dadurch stärker verpflichtet fühlen, ihre Position zu behaupten. Für Nater steht fest: «Rechtliche und formale Fortschritte bei der Gleichstellung führen also nicht automatisch dazu, dass alte Rollenbilder verschwinden.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Jüdische Fürsorge, [email protected]

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Deborah Gonzalez

Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten. Sie ist Stellvertretende Ressortleiterin Gesellschaft & Community.