Stand: 17.09.2026, 20:00 Uhr
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Kardinal Reinhard Marx feiert 30 Jahre als Bischof – und spricht im exklusiven Interview über KI, Demokratie und das Thema Rücktritt.
München – Am Montag, 21. September, hat Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, einen besonderen Feiertag: Vor 30 Jahren wurde er in Paderborn zum Bischof geweiht. Zugleich ist sein Geburtstag.
„Da war diese gefühlte Überforderung“: Kardinal Marx erinnert sich im exklusiven Interview
Gefeiert wird mit einem Gottesdienst um 18 Uhr im Liebfrauendom. Vor fünf Jahren bot er Papst Franziskus seinen Rücktritt an – Marx wollte Mitverantwortung übernehmen für die Missbrauchskrise. Der Papst aber lehnte das Gesuch ab. Sichtlich erholt vom Urlaub mit Freunden im Chiemgau stellte sich der Erzbischof jetzt unseren Fragen zur Lage der Kirche, zu Heimat, Politik und seiner Zukunft.
Herr Kardinal, was ist die stärkste Erinnerung an Ihren Weihetag?
Da war diese gefühlte Überforderung. Die Zeremonie einer Bischofsweihe hat so viel Symbolik. Ich spürte: Das ist ein tiefer Einschnitt in deinem Leben. Ich hatte gerade als Professor für Sozialethik mein erstes Semester hinter mir. Vorlesungen zu halten war eine schöne Aufgabe. Aber das war ganz anders. Zu meiner Bischofsweihe waren viele begeisterte Menschen gekommen, was für eine Freude! Das gab mir Rückenwind.
Wie begehen Sie den 21. September?
Mit einem Gottesdienst im Münchner Dom und danach einer Begegnung bei Bier und Brezn auf dem Domplatz. Ich freue mich, auch weil die Feier meines 25. Jahrestages wegen der Pandemie ausfallen musste. Auch die Verantwortlichen im Erzbistum waren der Meinung, dass man diesen Tag ein wenig feiern sollte.

Laut Kirchenrecht müssen Sie mit 75 Ihren Rücktritt einreichen.
Das werde ich tun. Bis dahin sind es aber noch zwei Jahre – und ich bin überhaupt nicht amtsmüde. Der Papst hat mich gerade für weitere fünf Jahre an die Spitze des Vatikanischen Wirtschaftsrates berufen. Ich bin zwar jetzt ein älterer Herr und gehe gelegentlich am Stock. Aber mir geht es gut. Kürzlich beim Gottesdienst auf der Kampenwand sagte mir eine Frau aus Hamburg: „Sie haben so schön gesprochen. Ich bin aus der katholischen Kirche ausgetreten, aber jetzt überlege ich mir das wieder.“ Das hat mich angerührt: Wenn das so ist, mache ich ein wenig weiter, solange Gott mir Kraft gibt. Aber das liegt natürlich in der Entscheidung des Papstes.
Wie ist denn Ihr Draht zum Papst?
Wir verstehen uns gut. Wegen meiner Tätigkeit im Wirtschaftsrat treffe ich ihn vier- bis fünfmal im Jahr. Nach der Sitzung haben wir in der Regel eine Audienz bei ihm. Meistens kann ich dann auch mit ihm allein sprechen. Und wenn etwas Dringliches ist, können wir uns natürlich auch erreichen.
Es sind hochbrisante Zeiten. Wie kann Kirche den Menschen zur Seite stehen?
Indem wir ordentlich unseren Dienst tun – damit die Menschen sagen: Es ist vielleicht doch ganz gut, dass es die Kirche gibt. Was wäre Bayern ohne die Verkündigung des Evangeliums? Demokratie, wie wir sie heute verstehen, wäre ohne das Christentum wohl gar nicht entstanden. Die biblische Botschaft hat etwas gebracht, was vorher so nicht da war: Alle Menschen haben die gleiche Würde, sind Bild Gottes, alle sind Geschwister! Ohne diese Botschaft wird es schwieriger, die Demokratie zu stärken. Das Christentum ist der Resonanzboden für die Demokratie – und natürlich auch noch viel mehr.
Wie meinen Sie das?
Demokratie ist nicht lediglich ein technisches Verfahren, das die Mehrheit ermittelt und damit Macht auf Zeit zuteilt. Sie braucht Engagement und Werte, Grundhaltungen von Respekt und Toleranz jedem Menschen gegenüber. Eine Regierung ist für alle da, nicht nur für ihre Klientel. Es hat sich aber eine neue Sprache entwickelt, in der von Machtübernahme die Rede ist. US-Präsident Donald Trump redet auch so. Das ist eigentlich nicht demokratisch.
Künstliche Intelligenz stellt die Welt vor riesige Herausforderungen. Papst Leo hat ihr sogar seine erste Enzyklika gewidmet. Nutzen Sie KI?
Doch, für die Recherche. Vor allem bei der Suche nach Namen oder Zitaten ist die KI eine große Hilfe.
Glauben Sie, dass Sie Teile Ihrer Predigten auch mal mit KI schreiben lassen werden?
Ich bin hoffentlich noch schlauer (lacht). Ich kann das besser. Aber wenn ich einen Satz von Karl Rahner im Kopf habe und nicht weiß, wo er steht, dann ist KI prima. Aber ich predige meistens frei. Ich lese keinen Text ab, das kann ich gar nicht gut.
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Ihr Sebastian Arbinger

Wo sehen Sie die Gefahr bei der KI?
Dass sie sich selbst rasant entwickelt und wir immer atemloser hinterherlaufen. Und auch der mögliche Verlust von Arbeitsplätzen durch stärkeren KI-Einsatz. Noch bedenklicher ist die Machtfrage. Die großen Tech-Unternehmen sind wichtiger als manche Staaten. Es besteht die Gefahr, dass sie die Regeln bestimmen. Solche mächtigen Unternehmen hat es in der Weltgeschichte noch nie gegeben. Das beunruhigt mich als Sozialethiker, weil die Wirtschaftsmacht immer mit politischer Macht einhergeht. Wenn man sieht, wie Elon Musk die AfD-Siege bejubelt, dann weiß man, woher der Wind weht. Das finde ich bedrohlich. Es gibt keine andere Möglichkeit, als dass wir uns in Europa wirklich besser aufstellen. Ich will nicht pessimistisch sein, aber die Menschheit erlebt gerade eine Zeit entscheidender Veränderungen, eine Zeitenwende.
Sehen Sie eine Korrelation zwischen der großen Zahl an Kirchenaustritten und der Bedrohung der Demokratie?
Ob das in den ostdeutschen Bundesländern, wo die Anzahl der Kirchenmitglieder schon länger niedrig ist, Auswirkungen hat, müsste die Soziologie untersuchen. Ich vermute, dass es einen Zusammenhang geben könnte. Eine Gesellschaft ohne christliches Fundament riskiert auch, dass das christliche Menschenbild verschwindet. Respekt und Nächstenliebe bedeuten, dass ich Menschen, die krank, arm oder alt sind, nicht einfach an den Rand drängen kann nach dem Motto: Das ist jetzt nicht mein Problem. Oder dass ich Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung ausschließe. Von links und rechts wird immer mehr die These aufgestellt, unsere Demokratien hätten sich in der jetzigen Form erledigt, seien erschöpft. Manche glauben, wir bräuchten wieder mehr ideologische Ressourcen und landen dann in Verschwörungstheorien. Das führt in die Irre!
Welche Folgen hat das?
Die Gefahr ist eine Gesellschaft, die das Gemeinwohl, die Solidarität aus dem Auge verliert und sich in Eigeninteressen und Ansprüchen erschöpft. Wenn Menschen nur das tun, was sie gesetzlich tun müssen, ist diese Gesellschaft am Ende. Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Und das schafft ein Mehr. Ohne diese Grundlegung gelingt doch kein Zusammenleben. Und das kommt aus der langen christlichen Tradition. Das Grundgesetz und die freiheitlich-demokratische Grundordnung klängen hohl ohne diese Voraussetzung. Deswegen braucht Demokratie auch Religion.
Was ist zu tun?
Im Kern muss Politik in einem demokratischen Rechtsstaat Vertrauen schaffen, damit die Menschen sich identifizieren können. Dazu muss sie auch unsere Gefühle erreichen. Die AfD dagegen schürt das Misstrauen, indem sie etwa behauptet, sogenannte Eliten hätten das Vaterland verraten und müssten weg. Ihre Protagonisten geben sich als die wahren Patrioten aus. Dagegen sollten wir gemeinsam das Gefühl stärken, dass man gerne hier lebt, stolz auf sein Land ist – und auch miteinander feiert und solidarisch zusammenlebt. Diese Haltung ist übrigens in Bayern gut ausgeprägt. Deswegen hoffe ich, dass wir resistent genug sind und die AfD draußen halten.
Was ist Ihr größter Wunsch zu Ihrem Jubiläum?
Persönliche Wünsche habe ich keine. Aber für die Kirche wünsche ich, dass sie sich stärker auf den Weg macht, mehr Freude und mehr Hoffnung bewirkt. Die Renaissance des Christentums wird kommen. Die Person Jesu und die Botschaft sind stark! Mein Wunsch ist, dass ich dazu weiter meinen Beitrag leisten kann in den nächsten Jahren. Die Menschen suchen Hoffnung, und die haben wir zu bezeugen.
Ihr Jubiläum fällt in die Wiesnzeit. Gehen Sie eigentlich aufs Oktoberfest?
Nur selten, aber das Fest kommt ja zu mir. Der Festumzug geht an meiner Haustür vorbei.
Ist Oberbayern Ihnen Heimat geworden?
München ist der Ort, an dem ich am längsten gelebt habe. Wie schön sind die Berge und Seen in Oberbayern! Ich sitze auch gerne in meiner Bücherhöhle, meinem privaten Arbeitsbüro, da bin ich von Büchern umgeben und kann auch eine Zigarre rauchen. Meine Angehörigen und viele Freunde wohnen ja weit weg von hier. Aber ich bin hier jetzt stark verwurzelt und „dahoam“. Mir als gebürtigem Westfalen ist Oberbayern wirklich zur Heimat geworden.
Also bleiben Sie auch im Ruhestand hier?
Ja, sicher. Ihr werdet mich nicht los. Ich würde schon gerne in München bleiben. Hier bin ich gerne zu Hause.