Energiekrise - Deutschland leidet unter Sanktionen

Foto: Finanzmarktwelt.de
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Europas Großhandelsmärkte senden deutliche Warnsignale: Diesel, Erdgas, Düngemittel, Strom und Getreide haben sich gegenüber dem Vorjahr deutlich verteuert, zum Teil sogar mehr als verdoppelt. Deutschlands niedrige Gasspeicherstände verschärfen die Ausgangslage vor dem Winter. Haushalten und Unternehmen drohen weitere massive Belastungen. Welchen Anteil daran haben Sanktionen und stehen ihre wirtschaftlichen Kosten noch im Verhältnis zum politischen Nutzen? Droht durch die parallel stattfindende Energiewende und Deindustrialisierung Deutschland ökonomich und politisch überfordert zu werden?

Energiekrise: Deutschlands Wirtschaft droht die nächste Kostenwelle

Die Energiekrise in Deutschland gewinnt erneut an Schärfe. Wer ihre wirtschaftlichen Folgen allein an der letzten Heizkostenabrechnung oder der aktuellen Inflationsrate misst, kann den nächsten Kostenschub unterschätzen. Entscheidend ist, zu welchen Preisen Unternehmen heute Energie und Rohstoffe für morgen einkaufen müssen. Genau dort leuchten die Warnlampen.

Die von Trading Economics ausgewiesene TTF-Referenznotierung für Erdgas liegt am 17. September bei rund 77 bis 78 Euro je Megawattstunde. Die Zeitreihe zeigt einen Anstieg von etwa 135 Prozent gegenüber dem Vorjahr und rund 22 Prozent innerhalb eines Monats. Für die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Unternehmen ist dieser Preissprung eine signifikante Zusatzbelastung.

Gleichzeitig schrumpft der Sicherheitspuffer gegenüber dem Vorjahr: Laut den Speicherdaten der Bundesnetzagentur waren Deutschlands Gasspeicher am 15. September nur zu 55,95 Prozent gefüllt. Ein Jahr zuvor waren es 75,62 Prozent. Die Versorgung gilt gegenwärtig noch als stabil. Doch ein Rückstand von fast 20 Prozentpunkten macht Deutschland vor dem Winter anfälliger für zusätzliche Lieferstörungen und höhere Beschaffungspreise.

Wer jetzt am Weltmarkt gezwungen ist, mit Ankündigung Gas zu kaufen, muss sich in Anbetracht der angespannten Angebotsseite auf eine sehr teuere Gasrechnung einstellen. Deutschland ist 2026 diesbezüglich so spät dran wie seit Beginn der Datenaufzeichnung nicht und die Marktteilnehmer wissen das.

Gasspeicherstaende-in-Deutschland-kurz-vor-Herbst-Winter-auf-historischen-TiefstständenDie Kostenbelastungen reichen weit über den Heizungskeller hinaus: Teureres Gas verteuert die Produktion von Stickstoffdünger und erhöht die Stromerzeugungskosten. Höhere Gasölpreise belasten Heizölkunden, Speditionen und die Landwirtschaft. Über Verarbeitung und Transport erreicht die Teuerung schließlich auch die Lebensmittelregale.

Die nächste Rechnung wird bereits an den Großhandels- und Terminmärkten vorbereitet. Wann und in welchem Umfang sie bei Verbrauchern ankommt, hängt von Lieferverträgen, Absicherungen und Wettbewerb ab. Unternehmen drohen sinkende Margen, Haushalten spürbare Kaufkraftverluste. Damit stellt sich umso dringlicher die Frage: Welchen Anteil haben Sanktionen an dieser Entwicklung – und welchen nachweisbaren Nutzen bringen sie?

Sanktionen gegen Russland und Iran: Welche Ziele wurden erreicht?

21 Sanktionspakete gegen Russland hat die Europäische Union seit Februar 2022 beschlossen. Dazu zählen fast 3.000 sanktionierte Personen und Organisationen. Deutschland trägt diese EU-Beschlüsse mit. Die Zahl dokumentiert politischen Handlungswillen. Ob die Maßnahmen ihre Ziele erreichen, muss jedoch an ihren Ergebnissen gemessen werden.

Nach Darstellung des Rates der Europäischen Union sollen die Sanktionen Russlands Kriegswirtschaft treffen und zur Beendigung des Angriffskrieges beitragen. Dafür wurden Finanzgeschäfte eingeschränkt, Technologieexporte untersagt und Energieimporte mit Verboten belegt. Ein konkretes Ergebnis: Rund 210 Milliarden Euro an Vermögenswerten der russischen Zentralbank sind innerhalb der EU eingefroren. Außerordentliche Erträge daraus unterstützen die Ukraine. Hier eine Übersicht wichtiger Sanktionen (auszugsweise):

Der Krieg geht dennoch weiter. Russland nutzt Umgehungsnetzwerke, Drittstaaten und seine Schattenflotte, gegen die Brüssel wiederum neue Beschränkungen erlässt. Wirtschaftlicher Druck ist damit nachweisbar, der angestrebte politische Durchbruch bislang ausgeblieben.

Wie viel größer Russlands finanzieller und militärischer Spielraum ohne Sanktionen wäre, lässt sich allerdings nicht feststellen. Fakt ist hingegen, dass ein Friedensprozess trotz massiver Sanktionen nicht absehbar ist. Auch die politische und militärische Eskalationssprirale konnte durch die Sanktionen nicht verhindert werden. Russland zeigt sich resilienter und anpassungsfähiger, als zunächst von der Europäischen Union erwartet.

Beim Iran verfolgen die Maßnahmen mehrere Ziele: die Begrenzung nuklearer Proliferationsrisiken, die Einschränkung militärischer Unterstützung für Russland sowie die Ahndung von Menschenrechtsverletzungen. Die nuklearbezogenen Wirtschaftssanktionen wurden bereits im September 2025 wieder eingeführt.

Auch hier bleibt die Bilanz ernüchternd: Die Internationale Atomenergiebehörde berichtete am 7. September, dass ihr im Berichtszeitraum Informationen und Zugang zu Irans deklarierten Nuklearanlagen fehlten. Eine verlässliche Überprüfung war damit nicht möglich.

Auch die Öffnung der Straße von Hormus konnte durch die Kombianation aus Miliräraktionen und Sanktionen (auch durch die USA) nicht erreicht werden. Staatdessen eskaliert der Konflikt zu einem regionalen Flächenbrand mit dem Potenzial weiterer Ausweitung über die Region hinaus.

Die Zahl der Sanktionen ist kein Erfolgsmaßstab. Entscheidend bleibt, welche überprüfbaren Verhaltensänderungen sie bewirken, welche Fähigkeiten sie tatsächlich begrenzen und welche wirtschaftlichen Kosten ihnen gegenüberstehen. Genau diese Bilanz muss sich die europäische Politik gefallen lassen.

Denn sollten all die menschlichen, sozialen und materiellen Opfer sowohl im Nahen Osten als auch in der Ukraine am Ende umsonst gewesen sein, droht dies auf die politischen Entscheider zurückzufallen und unsere Ökonomie (Kosten) und unsere Demokratie (pol. Zustimmung) zu destabilisieren.

Mehr Schaden als Nutzen? Die wirtschaftlichen Kosten und politischen Alternativen

Für Deutschland entscheidet sich die Sanktionsfrage auch an der Wettbewerbsfähigkeit seines Industriestandorts. Werden Energielieferungen durch Handelsbeschränkungen erschwert, entstehen zusätzliche Beschaffungs- und Transportkosten. Unternehmen müssen diese über höhere Verkaufspreise weiterreichen oder aus ihren Margen finanzieren. Beides belastet: entweder die Kaufkraft der Kunden oder den Spielraum für Investitionen und Beschäftigung.

Eine seriöse Kostenrechnung muss allerdings unterscheiden: Nicht jeder Preisanstieg ist eine Sanktionsfolge. Kriegsschäden, Produktionsausfälle und gestörte Schifffahrtswege können Energie ebenfalls verteuern. Die Bundesnetzagentur verweist ausdrücklich auf die weltweiten Preiseffekte des Nahostkonflikts. Wie stark diese bei Verbrauchern ankommen, hängt auch von Lieferverträgen und Beschaffungsstrategien ab. Eine Aufhebung von Sanktionen allein würde beschädigte Infrastruktur weder reparieren noch sichere Transportwege garantieren.

Gleichwohl muss jedes weitere Sanktions-Paket eine wirtschaftliche Prüfung bestehen: Welche Einnahmen entzieht es dem sanktionierten Staat tatsächlich? Welche Ausweichmöglichkeiten bleiben? Und welche Zusatzkosten entstehen in Europa und Deutschland?

Politisch wäre eine stärker an überprüfbare Bedingungen geknüpfte Sanktionsstrategie denkbar: klar definierte Schritte, befristete Lockerungen bei nachgewiesenen Fortschritten und die Rückkehr zu Beschränkungen bei Verstößen. Der EU-Rat sieht ausdrücklich Anpassungen, Lockerungen oder eine Beendigung von Sanktionen vor, wenn Ziele oder wesentliche Fortschritte erreicht werden.

Zur Diskussion stehen damit gezieltere Beschränkungen gegen militärische Beschaffungsnetze, eine konsequentere Kontrolle bestehender Verbote und diplomatische Vereinbarungen über Handelswege. Bei Russland wären territoriale Sicherheit und überprüfbare Waffenstillstandsregelungen relevant, beim Iran insbesondere nukleare Kontrollen und die Sicherheit der Schifffahrt.

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Daten-Quelle: Bundesnetzagentur

Parallel braucht Deutschland eine belastbare Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Kosten: breiter gestreute Bezugsquellen, ausreichende Speicher, leistungsfähige Netze und geringeren Energieverbrauch je Produktionseinheit. Entlastungen für besonders betroffene Haushalte und Unternehmen müssten zielgerichtet und gegenfinanziert sein, damit die Energiekrise nicht zusätzlich die öffentlichen Haushalte überfordert.

Wenn dies nicht möglich ist, dann muss man nüchtern konstatieren, dass sich die EU und Deutschland ökonomisch und geopolitisch nicht in der Position befinden, bestimmte Sanktionen konsequent durchzusetzen. Es muss zukünftig genau verifiziert werden, ob Sanktionen am Ende dem Sanktions-Initiatior mehr schaden als dem Sanktionierten. Denn das würde dem Ziel einer Sanktion daimentral entgegenwirken.

Hannes Zipfel

Über den RedakteurHannes Zipfel

Fachjournalist für Internationale Kapitalmärkte

Tiefgründige Recherchen und Analysen zu international wichtigen Kapitalmarktthemen.

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