Als Team Wasserkrise an Edersee und Oberweser mildern

Stand: 22.08.2026, 08:14 Uhr

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„Der Edersee braucht Zukunft, die Oberweser Verlässlichkeit.“ Mit diesen Worten leitete der Waldecker SPD-Fraktionsvorsitzende Latif Hamamiyeh Al-Homssi auf dem Sperrmauervorplatz die überparteiliche Kundgebung von Vöhler, Edertaler und Waldecker Kommunalpolitik ein.

Blick auf die trockene Bringhäuser Bucht des leeren Edersees im Sommer 2026.

Aktueller Blick auf die Bringhäuser Bucht, die schon lange keine mehr ist, am am linkeren oberen Bildrand die bekannte „Liebesinsel“, mutiert zum Festlandhügel. Normalerweise reicht das Wasser des Edersees bis zu den Sträuchern im Vordergrund. © Foto: Matthias Schuldt

Edersee – Gemeinsam schlugen die beteiligten Fraktionen und Ortsverbände in einer sehr breiten Koalition am Donnerstagnachmittag einen runden Tisch zur Edersee-Bewirtschaftung vor. In diesem Format sollen Bund, Bundesländer entlang der Oberweser, Wasserstraßen- und schifffahrtsverwaltung sowie die betroffenen Regionen gemeinsam nach Lösungen suchen.

„Wenn die Realität sich ändert, müssen die Regeln verändert oder zumindest überprüft werden“, unterstrich Al-Homssi mit Blick auf die Folgen des Klimawandels für Oberweser und Edersee. Die Initiatoren der Kundgebung sind sich einig im zentralen Ziel: eine moderne, transparente Bewirtschaftung der Talsperre mit klaren Schwellenwerten in Trockenperioden. „Wir wollen nicht auf den nächsten trockenen Sommer warten“, sagte Al-Homssi.

Für nächste Woche erwarten Edersee-Bürgermeister und Landkreis den Besuch des zuständigen Staatssekretärs aus dem Bundesverkehrsministerium. Die Region hofft, dass dieses Treffen nicht wieder in einer großen Enttäuschung endet, wie nach dem gleichen hohen Besuch aus Berlin vor zwölf Jahren, an den Hotelier Christian Gerlach erinnerte: „Der damalige Staatssekretär verkündete, der Edersee sei Teil der Bundeswasserstraße Oberweser und diene dem dortigen Schiffsverkehr, basta – heute bin ich zuversichtlich, dass sich inzwischen auch an der Oberweser Interesse an einer effektiveren Bewirtschaftung des Edersees entwickelt.“

Dr. Philipp Rottwilm, heimischer SPD-Bundestagsabgeordneter aus dem Südkreis, versprach auch im Namen seines CDU-Kollegen Jan-Wilhelm Pohlmann: „Wir bleiben dran am Thema und müssen den Druck aufrecht erhalten.“ Auf Nachfrage ergänzte der Abgeordnete, dass Pohlmann und er erste Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen von der Weser geknüpft hätten. Dabei gehe es nicht zuletzt um Infrastruktur-Investitionen an der Oberweser, die eine besser ans Klima angepasste Bewirtschaftung des Edersees unterstützen könnten.

Wie unerlässlich das Miteinander sei, unterstrich Knut Stolle vom hessischen Jugendherbergswerk: „Seit 100 Jahren lautet unser Wahlspruch: Gemeinschaft erleben. Wir wollen Teil des Dialogs mit der Oberweser sein, denn auch dort gibt es ja Jugendherbergen.“ Gemeinsam seien beide Regionen stärker als jede für sich. „Wir möchten am Edersee möglichst lange Wasser haben bei möglichst wenig negativen Auswirkungen für die Oberweser.“

Claus Günther, Chef des Edersee-Marketing, verwies auf die vielen Investitionen der Region, um sich breiter aufzustellen, etwa für Radler und Wanderer: „Aber auch diese fragen uns gerade, wo der See ist. Der Edersee ist und bleibt Kernstück unserer Marke.“ Die Region brauche bis zum Ende der Sommerferiensaison wenigstens so viel Wasser in der Talsperre, „dass Wassersport überhaupt möglich ist.“#

„Manche sprechen davon, Tourismus und Wirtschaft miteinander zu verbinden – für die Edersee-Region ist Tourismus gleich Wirtschaft“, betonte Claus Günther im Zuge der Edersee-Kundgebung auf dem Sperrmauervorplatz. Die Statistiker gingen von rechnerischen 9000 Vollzeit-Arbeitsplätzen aus, die direkt oder indirekt an das Geschäft mit dem Gast anknüpften.

„Als die Sperrmauer gerade gebaut war und die heutigen Bewirtschaftungsvorgaben in den 1920ern geschrieben wurden, gab es kaum Tourismus am Edersee. Heute verzeichnen wir 500.000 Übernachtungen jährlich, 4 Millionen Gäste und eine halbe Milliarde Euro an Umsatz“, erklärte der Waldecker Hotelier Christian Gerlach. „Von Ostern bis Oktober dauerte in früheren Jahren die Saison. In sieben Monaten musste der Betrieb den Jahresumsatz erwirtschaften, um weiterexistieren zu können“, fügte er hinzu. Das sei schon schwierig gewesen, doch man habe sich darauf eingestellt.

Im zurückliegenden Jahrzehnt – bedingt durch die Folgen des Klimawandels und einen Einbruch der Jahresniederschläge um die Hälfte – verkürzte sich die Saison de facto ebenfalls um die Hälfte auf dreieinhalb Monate. „Das ist für die Betriebe auf Dauer nicht durchzuhalten“, mahnte Gerlach . Er verwies auf die besondere Struktur der Tourismuswirtschaft rund um den Edersee: „Sie finden hier aufgrund der besonderen Umstände keine Hotelketten, sondern nur inhabergeführte Häuser als Familienunternehmen.“

Spöttische Bemerkungen von Gästen wie „Wo ist denn nun euer See?“ gehörten zum Alltag. „Die Gäste sind enttäuscht und mein Großvater hat mir immer eingeschärft: Ein enttäuschter Gast kehrt nicht zurück“, schilderte Gerlach.

Knut Stolle vom hessischen Herbergswerk und Mathias Dettmann, stellvertretender Leiter der Jugendherberge Hohe Fahrt, teilen die Sorgen. 50.000 Übernachtungen steuern die Jugendherbergen am Edersee jährlich zur Bilanz der Region bei. Die Verantwortlichen zittern nach eigenen Worten im Juni, denn Familien buchen sehr kurzfristig. Wenn ganze Schulklassen daheim enttäuscht von ausgefallenen Badetagen mangels Wassers erzählten, bestimmten die Kinder als „Familien-Influencer“ eine Urlaubsentscheidung zu Lasten des Edersees mit.

„Seit 1978 bin ich praktisch täglich am Edersee. In den vergangenen zehn Jahren mussten wir siebenmal vorzeitig unsere Saison beenden“, berichtete Thomas Hennig, Betreiber einer Wassersportschule am Rehbach und zugleich Vorstandsmitglied des Regionalverbands Eder-Diemel RVED. Die Wasserknappheit bedrohe die touristische Infrastruktur an Edersee und Oberweser gleichermaßen. Umsatz, Gewinn, Planungssicherheit und Investitionen für die Unternehmen sackten automatisch mit den Pegeln in trockenen Sommern dramatisch ab. Hennig erneuerte darum die Forderung des Verbandes nach einer Haltelinie bei der Bewirtschaftung im Sommer nach dem Absinken auf einen Inhalt von 125 Millionen Kubikmetern. „Geht es weiter wie bisher, haben wir nur Verlierer, am Edersee und an der Oberweser.“ (Matthias Schuldt)