Alzheimer-Rätsel gelöst? Forscher entdecken, dass Hirnschäden außerhalb des Gehirns ausgelöst werden
Stand: 10.09.2026, 13:52 Uhr
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Ein überraschendes Immunsignal außerhalb des Gehirns könnte Schäden mit vorantreiben – und damit die zentrale Frage aufwerfen, wo Alzheimer beginnt.
Norwich – Wissenschaftler haben Hinweise darauf entdeckt, dass ein Teil der Immunaktivität, die mit Alzheimer-ähnlichen Hirnschäden in Verbindung steht, ihren Ursprung außerhalb des Gehirns haben könnte und damit eine mögliche neue Richtung für künftige Behandlungen eröffnet. In einer Studie an Mäusen, veröffentlicht in Nature Neuroscience, fanden Forscher heraus, dass Immunzellen namens T-Zellen offenbar Anweisungen aus Lymphknoten erhalten und nicht aus dem Gehirn selbst.
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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com.
Dieser Prozess umfasst eine weitere Art von Immunzellen, sogenannte dendritische Zellen. Der Befund könnte bedeutsam sein, weil Forscher seit Langem wissen, dass sich T-Zellen im Gehirn von Menschen mit Alzheimer und verwandten Erkrankungen ansammeln. Man geht davon aus, dass diese Zellen zu Schäden im Gehirn beitragen, doch bislang war unklar, woher sie genau stammen oder was sie dazu bringt, sich dort anzusammeln.

Bisher blieb offen, ob diese fehlgeleitete Immunreaktion ihren Ursprung vor allem im Gehirn selbst hat oder ob sie von außen angestoßen wird. Die neuen Daten legen nun nahe, dass entscheidende Schritte der Immunaktivierung außerhalb des zentralen Nervensystems stattfinden könnten, was das Verständnis der Krankheit grundlegend verändern würde.
Durchbruch in Alzheimer-Forschung? Immunreaktion könnte außerhalb des Gehirns starten
Um dies zu untersuchen, studierten Forscher Mäuse, die sogenannte Tau-Fibrillen entwickeln, also abnorme, verdrehte Klumpen des Tau-Proteins, die ein Kennzeichen von Alzheimer und anderen Erkrankungen sind, die als primäre Tauopathien bezeichnet werden. Das Team fand kaum Hinweise darauf, dass ein bestimmter Typ dendritischer Zellen, die sogenannten klassischen dendritischen Zellen Typ 1 (cDC1), die T-Zell-Aktivität aus dem Inneren des Gehirns heraus steuern könnte.
Im Gehirn fanden sich nur sehr wenige dieser dendritischen Zellen, und diejenigen, die vorhanden waren, schienen nicht mit den T-Zellen zu interagieren, die sich nach der Bildung von Tau-Fibrillen ansammelten. Die Ergebnisse veranlassten die Forscher zu der Vermutung, dass sowohl dendritische Zellen als auch T-Zellen an anderer Stelle im Körper aktiviert werden. Um diese Idee zu testen, entfernten die Wissenschaftler dendritische Zellen aus Lymphknoten und anderen Regionen bei Mäusen, die normalerweise Tau-Fibrillen und eine Neurodegeneration entwickeln würden.
Dieser Eingriff erlaubte es ihnen, zu beobachten, wie sich das Fehlen dieser Schaltstellen des Immunsystems auf die Zahl der T-Zellen im Gehirn und auf das Ausmaß der Schädigung von Nervenzellen auswirkte. Auf diese Weise konnte geprüft werden, ob die Aktivierung der Immunzellen in der Peripherie tatsächlich eine treibende Kraft hinter den beobachteten Hirnveränderungen ist.
Blockierte T-Zellen verringerten Hirnschäden bei Mäusen
Die Effekte waren auffällig: Die ungewöhnlich hohe Zahl von T-Zellen im Gehirn verschwand, und die Mengen an CD8-T-Zellen gingen deutlich zurück. Gleichzeitig wurden die mit der Neurodegeneration verbundenen Hirnschäden stark verringert. Besonders bemerkenswert war, dass sich die Menge der Tau-Fibrillen im Gehirn nicht veränderte, obwohl die Immunreaktion begrenzt worden war.
Mit anderen Worten: Obwohl die Eiweißklumpen, die als treibende Kraft der Erkrankung gelten, weiterhin vorhanden waren, gingen die Schäden im Gehirn zurück, wenn der Immunweg, an dem dendritische Zellen und T-Zellen beteiligt sind, blockiert wurde. Die Mäuse behielten zudem ihre kognitiven Fähigkeiten, was darauf hindeutet, dass eine Begrenzung der T-Zell-Aktivität dazu beitragen könnte, kognitive Einbußen im Zusammenhang mit Alzheimer zu verlangsamen oder zu verringern.
Wie Signale aus dem Gehirn das Immunsystem anstoßen könnten
Die Forscher wissen noch nicht genau, was die dendritischen Zellen aktiviert. Sie halten es jedoch für am wahrscheinlichsten, dass taubedingte Schäden an Nervenzellen am Anfang stehen. Material, das aus geschädigten Zellen freigesetzt wird, könnte aus dem Gehirn in Lymphknoten im Hals wandern, wo dendritische Zellen es als Zielstruktur erkennen. Diese dendritischen Zellen aktivieren dann T-Zellen, die in das Gehirn einwandern und zur Neurodegeneration beitragen.
Die Studie konnte diese Abfolge zwar nicht endgültig beweisen, doch die Forscher erklärten, sie stelle nach heutigem Kenntnisstand die plausibelste Erklärung ihrer Befunde dar. Dr. David Holtzman, Barbara Burton and Reuben M. Morriss III Distinguished Professor an der Abteilung für Neurologie der WashU School of Medicine und Letztautor der Studie, sagte gegenüber Newsweek: Es gebe bereits Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen T-Zellen und Alzheimer beim Menschen sowie verwandten Störungen.
„Wir wissen, dass es bei menschlichem Alzheimer und bei primären Tauopathien wie FTD, PSP, CBD und CTE einen Anstieg von T-Zellen, einschließlich CD8-T-Zellen, in Hirnarealen gibt, die Tau-Pathologie aufweisen. Außerdem gibt es genetische Veränderungen im HLA-Locus bei Alzheimer, die auf eine Beteiligung von T-Zellen hindeuten“, sagte Holtzman. Er fügte hinzu, dass die Mausstudien zwar belegen, dass T-Zellen zu Hirnschäden beitragen können, ein belastbarer Nachweis einer Rolle beim Menschen aber Studien erfordert, in denen direkt getestet wird, ob eine gezielte Beeinflussung von T-Zellen die Krankheitsverläufe bei Patienten verbessert.
Solche Untersuchungen müssten sorgfältig konzipiert werden, um Nutzen und Risiken einer Modulation des Immunsystems abzuwägen, da T-Zellen zugleich wesentlich für den Schutz vor Infektionen und Krebs sind. Erst wenn klar ist, wie stark sich die Immunantwort verändern lässt, ohne andere schwere Nebenwirkungen auszulösen, werden klinische Ansätze realistisch.
Immunsystem bietet neues Therapieziel
Eine der größten Herausforderungen bei der Behandlung neurologischer Erkrankungen besteht darin, Medikamente über die Blut-Hirn-Schranke zu bringen, die das Gehirn vor vielen Substanzen im Blutkreislauf schützt. Wenn entscheidende Immunsignale in Lymphknoten und nicht im Inneren des Gehirns stattfinden, könnten sie durch Behandlungen leichter angesteuert werden.
Holtzman sagte, basierend auf den Ergebnissen könnten verschiedene immunmodulierende Therapien untersucht werden, darunter Wirkstoffe, die das Eindringen von T-Zellen in das Gehirn unterdrücken, JAK-STAT-Inhibitoren, Checkpoint-Inhibitoren und Modulatoren regulatorischer T-Zellen. Solche Ansätze sollten seiner Ansicht nach jedoch zunächst in tierexperimentellen und zellulären Modellen der Alzheimer-Krankheit geprüft werden, um zu klären, ob sie wirksam und sicher sind, bevor sie in klinischen Studien am Menschen getestet werden.
Nach Angaben der Forscher existieren bereits viele Methoden, T-Zellen zu manipulieren; sie sind umfassend untersucht und teils schon für andere Erkrankungen zugelassen. Für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer wurden die meisten dieser Verfahren jedoch noch kaum erprobt. Künftige Strategien könnten darin bestehen, die Aktivität dendritischer Zellen zu blockieren, zu verhindern, dass sie T-Zellen aktivieren, oder das Signal zu identifizieren und zu unterbrechen, das T-Zellen ins Gehirn lenkt.
Nächste Schritte und offene Fragen der Forschung
Die Forscher prüfen nun, ob die Blockade der dendritischen Zellfunktion zu einem späteren Zeitpunkt im Leben – also ungefähr dann, wenn sich Tau-Fibrillen zu bilden beginnen – ähnlich positive Effekte haben könnte. Außerdem arbeiten sie daran, das exakte Signal zu identifizieren, das T-Zellen in das Gehirn leitet. Eine der zentralen offenen Fragen ist laut Holtzman, welche Signale aus dem Gehirn die Immunaktivität in den Lymphknoten auslösen.
„Ich halte es für eine sehr wichtige offene Frage, zu verstehen, welches Antigen oder wahrscheinlicher welche Gruppen von Antigenen aus dem Gehirn die Priming-Phase der T-Zellen in den Lymphknoten erleichtern“, sagte er. Nur wenn diese Auslöser eindeutig identifiziert sind, lassen sich gezielte Therapien entwickeln, die die krankheitsfördernde Immunreaktion dämpfen, ohne die schützenden Funktionen des Immunsystems zu stark zu beeinträchtigen.