Amtsärztin Sabine Becker Hitzewelle im Juni: „Viele Seniorenheime waren extrem belastet“
Interview | Trier · Hitzetote, Rettungsdienste am Limit, Land unter in den Pflegeheimen: Sabine Becker, Leiterin des Trierer Gesundheitsamts, über die Erkenntnisse aus der extremen Hitzewelle im Juni.
28.07.2026 , 06:48 Uhr
Sabine Becker, Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen, Anästhesie und Intensivmedizin, leitet das für Trier und Trier-Saarburg zuständige Gesundheitsamt.
Foto: Christiane Wolff
Der Schutz der Bevölkerung vor den Auswirkungen des Klimawandels: Als Sabine Becker vor knapp drei Jahren die Leitung des Trierer Gesundheitsamts übernahm, nannte die Amtsärztin das als ihre wichtigste Herausforderung.
Im vergangenen Juni hat Trier nun die heißesten zwei Wochen aller Zeiten erlebt. Trotz frühzeitiger Warnungen des Deutschen Wetterdienstes herrschte in den Seniorenheimen Land unter ob der schier unerträglichen Hitze, die Rettungsdienste kamen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und offenbar sind auch deutlich mehr Menschen gestorben als an normalen Sommertagen.
Frau Becker, das Hitzewochenende 27./28. Juni mit Temperaturen über 39 Grad – wie haben Sie es verbracht?
Sabine Becker Zu Hause im Garten, mit Wassersprühflasche, im Schatten und ohne jegliche körperliche Anstrengung.
Und wo hätten Sie sich am wenigsten gern aufgehalten?
Becker Oh – wohl in einer Dachgeschosswohnung ohne Klimaanlage.
Der Deutsche Wetterdienst hatte ja mit tagelangem Vorlauf vor der Extremhitze gewarnt. Grund für das Gesundheitsamt, in Aktion zu treten?
Becker Hitze ist schon seit Jahren eins der relevantesten Themen im öffentlichen Gesundheitswesen, und wir tun da wirklich sehr viel – insbesondere in Sachen Information und Beratung. Nach der diesjährigen Juni-Hitzewelle haben wir uns in Stadt und Landkreis schnellstmöglich mit Vertretern von Seniorenzentren, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, der Feuerwehr und den großen Krankenhäusern zusammengesetzt, um die Sache aufzuarbeiten. Es war ja hinsichtlich Höchsttemperaturen und auch Länge die erste Hitzewelle dieses Ausmaßes – daraus müssen und können wir lernen. Aber um auf ihre Frage zurückzukommen: Nein, im Vorfeld sind wir kurzfristig nicht aktiv geworden – bis auf unsere Hinweise an die Veranstalter von Altstadtfest und Stadtlauf.
Worum ging’s dabei?
Becker Darum, welche konkreten Schutzmaßnahmen kurzfristig noch zusätzlich umsetzbar sind. Die Gespräche darüber waren am Donnerstagvormittag vorm Festwochenende. Die Feuerwehr hat dann noch diesen Aufbau mit Wasser-Sprühköpfen möglich gemacht. Normalerweise hätten die auf Bakterien getestet werden müssen. Ich habe aber – nach Abwägung – gesagt: Das ist mir jetzt egal, stellt die Dinger auf, damit die Leute sich abkühlen können. Meine Idee war auch, an die Trinkwasserspender Luftballons zu hängen, damit man sie aus der Ferne besser findet.
Am Freitag wurde dann der Stadtlauf abgesagt. War das in Ihrem Sinn?
Becker Es gibt diejenigen, die sagen: Gut, dass die Läufe, bei denen ja auch Kinder gestartet wären, abgesagt wurde. Und es gibt die, die gerne mitgelaufen wären. Ich gehöre zu jenen, die erleichtert waren über die Absage. Viele Sportler sind sehr ehrgeizig und hätten deswegen die Situation vielleicht falsch eingeschätzt. Hätten die Veranstalter den Lauf nicht abgesagt, hätte ich eindringlich dazu geraten, dass alle – auch auf der Strecke – mit Wasser abgekühlt werden und alle eine Kopfbedeckung tragen müssen.
Gab es in Trier und im Landkreis hitzebedingte Todesfälle?
Becker Dazu liegen uns wohl erst in zwei bis drei Monaten belastbare Zahlen vor.
Warum dauert das so lange?
Becker Das ist eine Besonderheit von Rheinland-Pfalz. Hier gehen die Todesbescheinigungen zunächst ans Statistische Landesamt, werden dort ausgewertet und kommen dann erst zur Dokumentation zu uns zurück. In anderen Bundesländern ist das anders geregelt.
Aber Sie müssen doch in der Sache einen Eindruck haben?
Becker Ja, natürlich. Das Gesundheitsamt ist für die amtsärztliche zweite Leichenschau im Krematorium Hermeskeil zuständig, das ja einen sehr großen Einzugsbereich hat – und wir hatten während der Hitzewelle und kurz danach dort deutlich mehr zu tun als üblich.
Wie stellt man eigentlich fest, dass jemand an Hitze gestorben ist?
Becker Das ist tatsächlich sehr schwierig. Eindeutig ist es, wenn jemand mit über 42 Grad Körpertemperatur eingeliefert wird und sonst keine Erkrankungen hat. Ansonsten sieht man es an Blut- und Nierenwerten. Ein klassisches Zeichen bei älteren Menschen: Wenn man an der Hand die Haut nach oben zieht, und die Falte bleibt stehen, dann ist viel zu wenig Flüssigkeit im Körper und man spricht von Exsikkose – also Austrocknung.
Die Rettungsdienste berichten, während der Hitzeperiode an ihre Belastungsgrenze gekommen zu sein, Notaufnahmen waren überfüllt. Besteht da Handlungsbedarf?
Becker Gott sei Dank haben die Besucher des Altstadtfests sich vernünftig verhalten – bei dem Fest kam es nicht zu mehr Notfällen als in anderen Jahren. Die Notaufnahmen hatten trotzdem mehr als genug zu tun. Die großen Kliniken haben uns aber gemeldet, dass alles soweit funktioniert hat. Das hängt auch damit zusammen, dass eine Fachkraft mehrere hitzegeschädigte Menschen gleichzeitig betreuen kann, während für die Versorgung eines schwer verletzten Unfallopfers mehrere Ärzte gleichzeitig benötigt werden. Eine übervolle Notaufnahme bedeutet also nicht immer automatisch auch eine Überlastung. Trotzdem gilt: Wenn man mit einem gebrochenen Fuß mehrere Stunden warten muss, dann ist eine Grenze erreicht. Aber zu diesen Situationen kommt es in den Notaufnahmen leider auch an anderen Tagen...
Seniorenheime berichten, dass Angehörige einspringen mussten – Luft zufächeln, Kühlpads mitbringen, Trinken anreichen. Was hat das Gesundheitsamt in dieser Zeit für die Einrichtungen getan?
Becker Was hätten wir denn tun können, so kurzfristig? Den Einrichtungen sagen: Es wird warm, bereitet euch vor? Das wussten die Mitarbeiter dort doch auch ohne uns. Und Personal, um kurzfristig auszuhelfen, hat das Gesundheitsamt auch nicht. Akut um Hilfe gebeten hat uns aber ohnehin keine Einrichtung. Aber ich räume ein: Viele Seniorenheime waren extrem belastet. Aber wir wollen gemeinsam an der Sache arbeiten, deswegen gab es hinterher ja auch einen intensiven Austausch.
Im Arbeitsschutzgesetz gibt es klare Temperaturvorgaben für Arbeitgeber. Für Schulen und Kitas nicht. Warum?
Becker Ich bin nicht der Gesetzgeber. Fest steht allerdings: Die Arbeitsstättenverordnung gilt auch für Lehrer – und sie verpflichtet Arbeitgeber, ab bestimmten Raumtemperaturen Maßnahmen zu ergreifen. Als Maßnahme können aber auch schon Trinkwasserspender gelten.
Genau die gibt es an den allermeisten Schulen nicht...
Becker Was ich sagen kann: Das Gesundheitsamt wird bei jedem Neubau und jeder Sanierung von Kitas und Schulen um Stellungnahme gebeten. Und wir schreiben in die Akten dann immer rein, dass für Klimaanpassung und Beschattung gesorgt werden muss. Aber wir können nicht erzwingen, dass das dann auch umgesetzt wird.
Bei Schimmel schließt das Gesundheitsamt Schulen. Warum nicht bei gesundheitsgefährdenden Temperaturen?
Becker Bei Schimmel geht es um Infektionsschutz, für den das Gesundheitsamt direkt zuständig ist. Dazu kommt, dass die Schulen nicht mit eigenen Maßnahmen die Gefahr, die von Schimmel ausgeht, abfedern können. In Sachen Hitze ist das anders, da gibt’s zum Beispiel durch verkürzten Unterricht oder früheren Schulschluss die Möglichkeit, die Auswirkungen abzumildern. Trotzdem würde ich es grundsätzlich befürworten, wenn der Gesetzgeber auch für Kita- und Schulgebäude Regelungen zur zulässigen Raumtemperatur schaffen würde.
Nicht nur Schulen – auch Krankenhäuser und Pflegeheime sind kaum klimatisiert. Kann das so bleiben?
Becker Nein. Aber Schulen stehen bei dieser riesigen Aufgabe nicht an erster Stelle, da sie über Hitzefrei und andere Maßnahmen selbst gegensteuern können. Priorität müssen Senioren- und Pflegeheime haben und Kitas – insbesondere bei Kleinkindern funktioniert die körpereigene Hitzeregulation noch nicht.
Klimaanlagen sind allerdings nicht die einzige Lösung. In jedem Klassen-, Kita- oder Pflegezimmer ein Klimagerät – das wäre logistisch und finanziell ohnehin kaum umsetzbar und vor allem auch ökologisch nicht sinnvoll. Es gibt andere Ansätze: zum Beispiel modulare, begrünte Vorbauten, die per Kran vor bestehende Gebäude aufgestellt werden und so die Umgebungsluft kühlen, wodurch dann auch die Raumluft um drei bis vier Grad sinkt. Und natürlich Verschattungsmöglichkeiten.
In Dachgeschosswohnungen können Temperaturen von 40 Grad erreicht werden – ab wann besteht da eigentlich ein Gesundheitsrisiko?
Becker Das kann man nicht generell sagen – das hängt entscheidend davon ab, in welchem Allgemeinzustand sich die Bewohner befinden und welche Anpassungsstrategien sie umsetzen können. Entscheidend ist dann nicht die Raumtemperatur, sondern die Körpertemperatur.
Im Mieterschutzgesetz gibt es Regelungen, dass Wohnungen im Winter auf eine Mindesttemperatur aufheizbar sein müssen und dass vom Baulichen her kein Schimmel auftreten darf. Sollte es solche Vorgaben auch in Sachen Hitzeschutz geben?
Becker Ja, das wäre aus meiner Sicht absolut wünschenswert – fällt aber freilich nicht in meinen Zuständigkeitsbereich.
Aus Frankreich, Spanien, den USA und seit Neuestem auch Köln kennt man Kühlzentren und Feldbettencamps. Wäre das in der nächsten Hitzewelle auch für Trier und den Landkreis denkbar?
Becker Ich finde das sehr sinnvoll – ich hatte die Idee sogar schon, bevor mir klar war, dass es das anderswo bereits gibt. Welche Räumlichkeiten geeignet wären und wie die Logistik zu stemmen ist, muss dringend besprochen werden, nicht nur für Trier, auch für den Landkreis.
Was bereitet Ihnen als Fachfrau im Zusammenhang mit der Erwärmung am meisten Sorgen – abseits der offensichtlichen und direkten Auswirkungen auf die Gesundheit?
Becker Oje, da gibt es einiges. Zum Beispiel das verstärkte Auftreten von Zecken und Mücken und die damit verbundenen Gesundheitsgefahren. Trier war schließlich früher mal Malariaregion – die Rahmenbedingungen für eine Ausbreitung gefährlicher Insekten sind also gegeben.
Dazu kommt, dass heiße, trockene Luft viel stärker mit Pollen belastet ist oder auch mit anderen allergieauslösenden Bestandteilen – zum Beispiel den gefährlichen Haaren der Eichenprozessionsspinner. Mehr Feinstaub in der Luft bedeutet auch mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Herzinfarkte. Studien belegen zudem, dass bei großer Hitze die Wahrscheinlichkeit für Frühgeburten steigt. Was mich ebenfalls sehr beschäftigt: Legionellen. Das Gesundheitsamt ist ja auch für die Trinkwasserüberwachung zuständig. Und in den letzten Jahren ist da die Bakterienbelastung deutlich gestiegen, weil sich die Hitze aus der aufgewärmten Erde auf die unterirdischen Trinkwasserleitungen überträgt und so beste Bedingungen für Legionellen schafft. In den Krankenhäusern steigt bei großer Hitze die Zahl der gefährlichen und häufig tödlich verlaufenden Sepsisfälle, also von Blutvergiftungen. Keime und Bakterien vermehren sich nämlich bei Wärme sehr viel schneller, gleichzeitig ist das Immunsystem bei Hitze geschwächt. Sogar auf klimatisierten Intensivstationen kommt es während Hitzeperioden zu deutlich mehr Sepsisfällen als sonst.
Wenn im Sommer 2027 wieder 40-Grad-Tage anstehen – was wird dann hier anders sein?
Becker Um das zu beantworten, bräuchte ich eine Glaskugel. Aber wir werden dann in Trier und auch im Landkreis hoffentlich ein gutes Stück weiter sein auf unserem Weg, perfekt wird es aber noch lange nicht sein. Hitzeschutz ist ein komplexes Thema, an dem viele Akteure miteinander arbeiten müssen. Ich bin mir aber sicher, dass wir aus den Erfahrungen der zurückliegenden Hitzewelle konkret lernen und im nächsten Jahr dann gegebenenfalls zumindest die schlimmsten Auswirkungen abfedern können.
Wenn Sie dem Stadtrat und dem Kreistag eine einzige Investition in Sachen Hitzeschutz empfehlen könnten – welche wäre das?
Becker Die eine Zauber-Maßnahme gibt es nicht – und das sage ich jetzt wirklich nicht aus Diplomatie. Fest steht: Im Fokus müssen diejenigen stehen, die am vulnerabelsten sind – also Senioren, Kleinkinder, Schwangere. Da müssen wir investieren, um wenigstens einen kleinen Teil des riesigen Puzzles Hitzeschutz fertig zu bekommen.