Zu den Gesichtern des Krieges gegen die Ukraine zählen längst Russen, die in sozialen Medien Videos verbreiten, in denen sie klagen, Rechte einfordern und Tipps geben. Dabei erwecken sie den Eindruck, der Krieg, den zensurbedingt kaum einer beim Namen nennt, breche in ihr Leben ein wie ein Sturzregen. „Ich habe alles Geld auf Yandex, und ich weiß einfach nicht, was ich machen soll“, sagt ein junger Mann mit umgedrehter Baseballkappe in einem dieser Clips.
Yandex wird im Westen oft als „russisches Google“ beschrieben, aber das greift zu kurz: Russlands wichtigster IT-Konzern betreibt etwa Lieferdienste für Essen und Waren, Russlands größten Taxidienst sowie mit Yandex Pay einen Bezahlservice, der auch als Bank dient. Auf dessen Probleme spielt der Mann aus dem Video an. Sie begannen, als die ukrainischen Verteidiger vorige Woche die Rechenzentren von Yandex angegriffen haben – nach russischen Raffinerien und E-Commerce-Konzernen die dritte Zielkategorie strategisch wichtiger Infrastruktur.
Er könne nichts bezahlen, klagt der Mann. Solle er in Läden nach Essen fragen oder jemanden bitten, ihn kostenlos über Nacht bleiben zu lassen? „Was ist das für eine Tendenz!“, ruft er in seine Kamera. „Ich verstehe, warum das passiert: Das ist hundertprozentig, weil all das geschieht.“ Er meint den Krieg. „Wegen Lust auf Action“, sagt der Mann und flucht. „Ich will keine Action. Ich will einfach schlafen und essen, Geld verdienen, erhalten und benutzen.“
Eine ukrainische Antwort, die Russland in Schwierigkeiten bringt
Die ukrainischen Angriffe folgen auf eine Kampagne Russlands: Seit Ende September nimmt Moskau ukrainische Rechenzentren und Telekommunikationsunternehmen verstärkt mit neuen Düsendrohnen unter Beschuss. Einschläge sorgten für Mobilfunk- und Internetstörungen bei über 100.000 Kiewer Haushalten. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, Russland wolle „die Ukrainer vom Internet, der Kommunikation und den digitalen Diensten abschneiden“.
Die Antwort darauf bringt nun das „Runet“ in Schwierigkeiten, das russische Segment des Internets. Drei von sechs Yandex-Rechenzentren sind nach Drohnenangriffen zerstört oder schwer beschädigt. Der erste Angriff galt in der Nacht auf Donnerstag dem Datenzentrum in Sassowo im Gebiet Rjasan, einem Schlüsselstandort für die Cloud, die Yandex auch anbietet. Am Freitag folgte ein Rechenzentrum in Kaluga südlich von Moskau, in der Nacht auf Sonntag ein weiteres im Gebiet Wladimir nordöstlich der Hauptstadt.
Am Wochenende kam es zu Störungen im gesamten Yandex-Angebot. Viele Russen konnten nicht auf ihre Mails zugreifen, „Alisa“, ein Äquivalent zu Amazons „Alexa“, schwieg, Sortierzentren für die Verkaufsplattform Yandex Market stoppten ihre Arbeit.
Im Sommer hatten Zerstörungen durch ukrainische Angriffe schon die sogenannten Marketplaces Wildberries und Ozon getroffen; die Konzerne haben in ihren AGB gegenüber ihren Geschäftspartnern Verantwortungen von Schäden durch Drohnen ausgeschlossen. Yandex hat nun nachgezogen, nach der zweiten Attacke auf ein Rechenzentrum.
Wenn Yandex zu Google rät
Teil des vom Kreml verfolgten Konzepts des „souveränen Internets“ ist es, dass Daten russischer Nutzer in Russland gespeichert werden müssen. Während Kiew Telekommunikationsunternehmen die Verlagerung ihrer Infrastruktur erleichtert und so ihre Widerstandsfähigkeit erhöht hat, erweist sich der russische Kontrollimpuls nun als Nachteil. Websites und Apps vieler russischer Unternehmen, die ihre Daten bei Yandex gespeichert haben, waren gestört.
Auch in Ländern wie Armenien, Belarus, Serbien, Kirgistan, Kasachstan und Usbekistan, wo Yandex ebenfalls viel benutzt wird, kam es zu Einschränkungen. Yandex Cloud empfahl alternative Anbieter, teilte dann am Mittwoch mit, „eingeschränkt“ zu arbeiten. Der Yandex-Taxidienst schlug seinen Fahrern vor, den Kartendienst von Google oder dessen Navigationsapp Waze zu installieren.
Yandex hat noch ein weiteres Rechenzentrum im Gebiet Wladimir sowie zwei solcher Zentren im Moskauer Umland; die Drohnen können auch sie erreichen. Wie oft bei Nachrichten, die das Regime schwach aussehen lassen, schwiegen seine Hauptvertreter zunächst. Nach der ersten Attacke wiederholte der Duma-Abgeordnete Alexej Schurawljow die offizielle Linie, der zufolge Unternehmen selbst für den Schutz vor Drohnenangriffen verantwortlich sind.
„Man konnte mit hundertprozentiger Sicherheit annehmen, dass der Feind anfängt, russische Rechenzentren anzugreifen“, sagte Schurawljow. Man sehe dort aber „weder Antidrohnennetze noch Beobachtungseinheiten noch irgendwelche Schutzmittel“. Die Unternehmer dürften, während „das Land einen schweren Krieg führt“, nicht so tun, als ob sie das nichts angehe. „Alle müssen mitmachen, bis wir das ukrainische Nazi-Ungeziefer endlich zerschlagen haben“, sagte er.
Peskow gibt „Schwierigkeiten“ zu
Während die Rechenzentren von Sassowo und Kaluga brannten, hielt das Ministerium für Digitale Entwicklung ein Forum unter anderem zu Künstlicher Intelligenz in Unternehmen ab. Dabei ist unklar, was aus den drei Supercomputern von Yandex geworden ist, die der Konzern für die KI-Entwicklung braucht: Zwei von ihnen stehen oder standen in Sassowo, der dritte in Kaluga.
Erst am Montag äußerte sich Digitalminister Maksut Schadajew, nannte die Angriffe „beispiellos“ und hob hervor, sein Ministerium löse „zusammen mit dem Verteidigungsministerium“ die Frage, wie diese „Objekte“ zu schützen seien. Es schien wie ein Eingeständnis, dass der Kurs gescheitert ist, die Verantwortung allein den Unternehmern zu überlassen. Am Dienstag gab Kremlsprecher Dmitrij Peskow „Schwierigkeiten“ bei Yandex zu, hob aber hervor, das Unternehmen sei „stark“.
Derweil griff der ukrainische Präsident am Montag im Internet artikulierte Wahrnehmungen auf, wonach die Aktivität „russischer Bots“ in sozialen Medien infolge der ukrainischen Angriffe auf die Yandex-Rechenzentren nachgelassen habe. Gemeint sind Social Bots, automatisierte Accounts, die in sozialen Medien wie echte Nutzer erscheinen sollen. In seiner per Videoschaltung auf dem Warschauer Sicherheitsforum übertragenen Rede äußerte Selenskyj, nach den Angriffen „sei es auf einigen Social-Media-Plattformen leichter geworden zu atmen“. Es habe plötzlich weniger Hass, Spaltung und Provokationen gegeben. Dies liege an der Abwesenheit von Bots, sagte Selenskyj. „Und es ist ziemlich klar, woher diese Bots kamen – und warum sie verschwanden, als Yandex offline ging“, ergänzte er.
Eine Enttäuschung für die, die Kreml-Bots nicht mögen
Vorausgegangen waren Berichte in den sozialen Medien über die verringerte Aktivität der russischen Bots. Inwiefern die Angriffe auf Yandex-Rechenzentren derartige Aktivitäten wirklich beeinflusst haben, ist aber fraglich. Auf X verbreiteten europäische Politiker und Journalisten Statistiken, die einen Rückgang russischer Aktivitäten in Zusammenhang mit der Verbreitung rechtspopulistischer Inhalte illustrieren sollen. Eine oft geteilte Grafik kam indes ohne Quellenangabe aus. Noch dazu waren die Achsen fehlerhaft beschriftet, die Variable nicht klar definiert und die Darstellung offenbar KI-generiert.
Es verbreiteten sich auch Statistiken über reduzierten „Bot-Verkehr“ infolge der Angriffe. Hier sorgte offenbar der Begriff für Verwirrung. Der gemessene Rückgang bezieht sich auf automatisierte Suchmaschinendurchforstung mit sogenannten Web-Crawlern, die auch als Bots bezeichnet werden. Diese haben aber nichts mit Social Bots zu tun, die in sozialen Medien Kommentare verbreiten. Das Projekt Antibot4Navalny, das Onlinedesinformation bekämpft, schrieb auf X, man müsse all jene enttäuschen, „die implizieren, dass kremlkontrollierte Social-Media-Bot-/Troll-Farmen nach einem Angriff auf Yandex-Rechenzentren verstummt sind“.