Ängstliche Engländer versagen wie unter Tuchel-Vorgänger Southgate
Stand: 16.07.2026, 19:18 Uhr
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Nach ihrem Führungstreffer geraten die Engländer gegen Argentinien unter Druck im WM-Halbfinale. Der Lösungsansatz von Trainer Tuchel geht gewaltig nach hinten los.
Atlanta – Da standen sie entweder regungslos wie Harry Kane. Stützten die Hände auf die Knie wie Jude Bellingham. Oder saßen auf dem Boden wie Anthony Gordon. Gar nicht mehr fähig zu einer Bewegung. Englands Fußballer wie Fans wirkten nach dem Schlusspfiff der historischen WM-Halbfinalniederlage gegen Argentinien (1:2) in Atlanta wie paralysiert.

Auf der einen Seite tanzende, lärmende Sieger, auf der anderen Seite trauernde, schweigende Verlierer. Der Schmucktempel des US-Milliardärs Arthur Blank in der Olympiastadt von 1996 hat viele große Sportevents erlebt, aber so kontrastreiche Gefühlswelten in einer der intensivsten Rivalitäten des Weltfußballs wohl selten, weil zwei stolze Nationen mit diesem aufgeladenen Duell so viele Emotionen verknüpfen.
Die Unterschiedsspieler tauchen ab
Das englische Entsetzen war mit Händen zu greifen. Kein Beatles-Klassiker „Hey Jude“ ertönte, kein Oasis-Hit „Wonderwall“ erklang – und erst recht kein Kultsong „Football’s Coming Home“, der die Sehnsucht nach dem zweiten WM-Titel seit 1966 beschreibt. Im Original war mal von „thirty years of hurt“ die Rede. Inzwischen haben sich 60 Jahre Schmerz summiert, und Trainer Thomas Tuchel rechnete richtig vor: „Wir müssen wieder vier Jahre warten.“
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Vielleicht wäre die anstehende dritte Heim-EM nach 1996, 2021 mit Finalrunde in Wembley und nun 2028 in Großbritannien und Irland ein guter Anlass, sich etwas Neues einfallen zu lassen. Bei der Tour durch Nord- und Mittelamerika entstand der Zusatz „with Thomas Tuchel“, doch auch der penible Deutsche ist kein Wunderheiler gegen den ewigen Schmerz.
Ein Teil der Öffentlichkeit schien nur darauf gewartet zu haben, dass sich der am 1. Januar 2025 gegen viele Widerstände verpflichtete Teamchef entscheidende Fehler leistet. Tatsächlich lag der 52-Jährige falsch, nach dem 1:0 durch Gordon (56.) den britischen Rückzug mit einer Systemumstellung auf Fünferkette und der Einwechslung von drei Verteidigern – Dan Burn, Nico O’Reilly und Ezri Konsa – zu befehlen. „Es ist die Natur des Spiels. Sobald man verliert, wird man kritisiert“, sagte er hinterher schmallippig. „Keiner weiß, was bei anderen Entscheidungen passiert wäre.“
Englische Reporter im rot-weiß getünchten Presseraum des NFL-Franchise Atlanta Falcons trugen ihre Fragen noch sanft vor, während die Experten in der Heimat bereits ätzende Kommentare abgaben. Argentinien habe mit vier Mann auf einer Linie gestürmt, verteidigte sich Tuchel, und darauf habe er reagieren wollen. „Ich übernehme die Verantwortung, aber ich bereue absolut nichts. Nach dem Spiel gibt es Millionen von Hobbytrainern, die besser wissen, was zu tun ist.“
Nur: Gegen die von Minute zu Minute anwachsende Mut- und Machtlosigkeit hatte auch Englands Trainerbank keine Mittel mehr. „Wir waren nicht aktiv genug. Sowohl im 4-4-2 als auch im 5-3-2.“ Argentinien sei mehr „ins Risiko“ gegangen, habe „mehr Rhythmus“ aufgenommen, fand der angezählte Tuchel: „Sie hatten nichts mehr zu verlieren, während wir auf einmal etwas verlieren konnten.“
Zumal Mentalitätsspieler wie Kane und Bellingham unter dem geschlossenen Dach abtauchten. „Nach dem 1:0 haben wir uns offenbar nur noch darauf konzentriert, das Ergebnis zu verwalten, und das reicht auf diesem Niveau einfach nicht“, konstatierte Kapitän Kane. Der 32-Jährige verdiente sich zwar eine Fleißnote als Abwehrkraft, verfehlte aber seinen Job als Angreifer vollends. Und dem neun Jahre jüngeren Bellingham schienen die grenzwertigen Attacken des Gegners am meisten zuzusetzen. Die „Three Lions“ wirkten wie Löwen, denen im Atlanta Zoo eine Betäubungsspritze verabreicht worden war.
England versagt wie bereits unter Tuchel-Vorgänger Southgate
Im entscheidenden Moment versagt eine mit so viel Qualität besetzte Mannschaft genau wie unter Gareth Southgate im WM-Halbfinale 2018, im EM-Finale 2021, im WM-Viertelfinale 2022 oder im EM-Finale 2024 mit Ansage. Tuchel war es zu billig, einen historischen Bogen zu den Vorgängern spannen. „Es sind andere Spieler, andere Trainer, andere Gegner“, entgegnete er lapidar. In der Umkleidekabine habe er nur wenige Worte gesprochen, denn „alles was du sagst, lindert nicht die Schmerzen“.
Dass Tuchel hinwirft, ist bei dem in London, Paris und München gestählten Charakter unwahrscheinlich. Und auch Englands Verband (FA) wird dem Drängen zorniger Besserwisser nicht nachgeben. Gestern gefeiert, morgen gefeuert? Da macht FA-Boss Mark Bullingham nicht mit: „Die Spieler und Thomas haben heute alles gegeben.“ Auch Prinz William übermittelte Zuspruch: „Wir sind am Boden zerstört. England, ihr habt alles gegeben – und wir sind alle so stolz auf euch.“
Tuchels Mission auf der Insel wird wohl weitergehen. Für die Heim-EM in zwei Jahren steigt der Druck unweigerlich. Im entscheidenden Moment darf ein englischer Nationaltrainer zu Hause nicht die notwendige Überzeugung verlieren. Sonst folgt auf die nächste Schockstarre die rasche Entlassung.