Was „den Juden“ auszeichnet, wusste Richard Wagner sehr genau und detailliert zu schildern. „Der Jude“, so der Komponist und Schriftsteller, falle „im gemeinen Leben zunächst durch seine äußere Erscheinung auf“. Sie habe etwas „unangenehm Fremdartiges“. „Wir wünschen unwillkürlich mit einem so aussehenden Menschen nichts gemein zu haben.“ Von dessen Sprache zeigte sich Wagner regelrecht „angewidert“. Ein „zischender, schrillender, summsender und murksender Lautausdruck“ sei ihr eigen. „Hören wir einen Juden sprechen, so verletzt uns unbewußt aller Mangel rein menschlichen Ausdruckes in seiner Rede.“
Diese Formulierungen sind keine einmaligen rhetorischen Ausrutscher. In seinem Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ von 1850 und 1869 dokumentiert Richard Wagner auf jeder der 57 Seiten seinen „natürlichen Widerwillen gegen jüdisches Wesen“. Dass Wagner in der Zeit des Nationalsozialismus abgöttisch verehrt wurde, Hitler in ihm einen geistigen Ahnen sah und die Bayreuther Festspiele zum Lieblingspflichtprogramm der Nazis gehörten, passt ins Bild.
In diesem Jahr blickt die Welt noch intensiver nach Bayreuth als sonst schon. Die Festspiele, die am Samstag beginnen, feiern heuer ihr 150-jähriges Bestehen. Wagner selbst hatte sie 1876 begründet. Natürlich geht es heute um viel mehr als „nur“ um Musik und um Kunst. Es geht, wie man selbst formuliert, um die „eigene historische Verantwortung“ – sowohl im Hinblick auf die antisemitischen Ansichten Richard Wagners als auch auf die spätere enge Verflechtung der Festspiele und von Teilen der Wagner-Nachkommen mit dem Nationalsozialismus.
Von „Lohengrin“ bis zu „Tristan und Isolde“
Mit dieser „Verantwortung“ betraut sieht sich vor allem Katharina Wagner, eine Urenkelin des „Ring“-Schöpfers. Sie ist künstlerische Leiterin des Spektakels auf dem Grünen Hügel und zugleich Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele GmbH – seit 2008 zusammen mit ihrer älteren Halbschwester Eva, seit 2015 allein. Die 48-Jährige kennt ihren Urgroßvater und nicht nur ihn. In Bayreuth geboren, studierte sie in Berlin Theaterwissenschaften. Neben einer Reihe anderer Komponisten und Opern inszenierte Wagner Wagner, darunter den „Fliegenden Holländer“ in Würzburg und „Lohengrin“ in Budapest und Barcelona. Im Sommer 2007 gab sie mit den „Meistersingern von Nürnberg“ ihr Regiedebüt in Bayreuth, 2015 folgte hier die Inszenierung von „Tristan und Isolde“.
Das ist die künstlerische Seite Katharina Wagners. Doch schon seit Anbeginn ist sie fest mit der problematischen historischen Seite ihrer Familie verwoben. Ein Versöhnungsbaby sei sie gewesen, sagt Wagner manchmal halb im Scherz. Man habe sie in den Monaten nach ihrer Geburt am 21. Mai 1978 ins Siegfried-Wagner-Haus getragen, wo ihre Großmutter Winifred lebte, und sie dort als Gegenstand schweigender Betrachtung abgelegt. Ihre Großmutter habe sie stundenlang angeschaut und auch manche Zigarette in ihrer Gegenwart geraucht, ehe sie wieder abgeholt wurde.
Für Winifred Wagner mag das etwas Heilsames nach dem Zerwürfnis gewesen sein. Ihr Sohn Wolfgang, Katharinas Vater, hatte ihr die Anwesenheit auf dem Grünen Hügel und den Besuch der Bayreuther Festspiele untersagt. In Hans-Jürgen Syberbergs Interviewfilm von 1975 hatte die einst glühende Hitlerverehrerin ihrer weiterhin ungebrochenen Faszination für Adolf Hitler, den sie „usA“, „unseren seligen Adolf“, nannte, freien Lauf gelassen.
Wolfgang Wagner hatte, so berichtet es Syberberg, den Film zunächst abgenommen, weil er ihn harmlos fand im Vergleich zu dem, was seine Mutter sonst von sich gab. Doch damit war die Sprengkraft des Films unterschätzt. Nach der öffentlichen Entrüstung bekam nicht nur die Mutter „Hügelverbot“, sondern auch der Regisseur. Neben Wolfgang distanzierte sich dessen Nichte Nike, Tochter von Wolfgang Wagners Bruder Wieland Wagner, ebenfalls von Syberberg und dessen Film.
Der Eklat mit Michel Friedman
Heute sieht das anders aus. Syberberg berichtet, dass Nike Wagner sich vor wenigen Jahren bei ihm entschuldigte: Sie habe ihn verkannt, sein Film sei richtig und wichtig gewesen. In der Zwischenzeit war publik geworden, dass Wieland Wagner, der als genialer Regisseur und Begründer von „Neu-Bayreuth“ seit 1951 jahrzehntelang gefeiert worden war, zu Hitlers Günstlingen gehört hatte. Seine Mutter Winifred wollte er 1944 mit Hitlers Hilfe als Leiterin der Bayreuther Festspiele absetzen lassen. Er selbst hatte als ziviler Leiter der Außenstelle Bayreuth des Konzentrationslagers Flossenbürg vorgestanden und Häftlinge für die Herstellung von Bühnenbildern beschäftigt.
Katharina Wagner weiß: In einem solchen Umfeld darf nichts mehr unter den Teppich gekehrt werden. Ungeschickt war nur, dass sie den jüdischen Publizisten und Rechtsanwalt Michel Friedman zunächst anlässlich der Eröffnung der Festspiele zu einem Vortrag über Richard Wagners Antisemitismus und dessen Folgen eingeladen hatte, aber später dem Eingeladenen mitgeteilt wurde, der Vortrag sei an jenem Tag wegen der folgenden Premiere der Oper „Rienzi“ nicht durchführbar, angeblich wegen Sicherheitsbedenken. Auch Friedmans erste Reaktion war zumindest diskussionswürdig: Er behauptete, mit der Absage werde die Ernsthaftigkeit der Bayreuther Festspiele in der Auseinandersetzung mit diesem Thema „ad absurdum geführt“. Gleichzeitig gab er zu, während der vergangenen Jahre gar nicht in Bayreuth gewesen zu sein. Nun wird der Vortrag doch wie geplant stattfinden. Friedman hatte Wagners Bitte um Entschuldigung angenommen.
Die missratene Kommunikation ist vielleicht auch ein Indiz dafür, dass in Bayreuth organisatorisch die Nerven blankliegen, unter anderem wegen der wirtschaftlich angespannten Situation zur 150-Jahr-Feier. Das große Festspieljubiläum stand bislang unter keinem guten Stern. Katharina Wagner musste sich von dem großen Vorhaben verabschieden, zur 150-Jahr-Feier alle zum Bayreuther Repertoire gehörenden Wagner-Opern aufführen zu lassen – aus Kostengründen.
Ohne Subventionen kein Wagnerdrama
Freilich hat der Grüne Hügel in Bayreuth ökonomisch einen großen Vorteil: Hinter ihm steht wesentlich die öffentliche Hand. Richard Wagners ursprüngliche Idee, die Festspiele privatwirtschaftlich zu betreiben, habe sich schon in den Gründerjahren als nicht zukunftsfähig erwiesen, konstatiert der Veranstalter heute. Mit dem 1953 erfolgten staatlichen Bekenntnis zu den Bayreuther Festspielen sei seitdem die alljährliche Durchführung abgesichert.
Es sind keine kleinen Summen, um die es geht. Im vergangenen Jahr belief sich der Haushalt des weltberühmten Opernfestivals auf knapp 30 Millionen Euro. Die Ticketverkäufe – eine der begehrten Eintrittskarten kostet im Schnitt mehr als 230 Euro – decken nur einen Teil der Kosten. Gemäß der Gesellschafteranteile an der Festspiel-GmbH schießen andere zu: Bund und Freistaat jeweils 4,2 Millionen Euro, die Stadt 1,5 Millionen Euro und der Bezirk Oberfranken 0,4 Millionen Euro. Knapp 1,8 Millionen Euro steuert der private Verein „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ bei. Damit beläuft sich die Quote an öffentlichen Geldern für die Festspiele auf immerhin 35 Prozent.
Wenn am Wochenende das Musikfestival beginnt, ist Geld für die Besucher wohl allenfalls noch ein Nebenthema. Im Blick stehen die Themen Musik – und Geschichte. Friedmans Rede im Festspielhaus reiht sich ein in eine mehrjährige Aufarbeitung des dortigen Verhängnisses von Kunst und Politik. Syberbergs Film war ein erster Durchbruch nach langer Verdrängung gewesen. Katharina Wagners Halbbruder Gottfried, die Publizistin Brigitte Hamann, die Historiker Joachim Köhler und Hartmut Zelinsky brachten mit eigenen, teils überspitzten und gezielt einseitigen Büchern zur Sprache, wie viel Hitler in Wagner steckte. Vor einem Vierteljahrhundert legte Jens Malte Fischer eine profunde Dokumentation zu Wagners Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ vor.
Ein DJ auf dem Grünen Hügel
Katharina Wagner, ihre Cousinen Daphne und Nike sowie ihr Cousin Wolf Siegfried übergaben ihren Teil der Familiennachlässe der Forschung zwecks vorurteilsloser Durchsicht und Bewertung. Die von Hannes Heer, Jürgen Kesting und Peter Schmidt recherchierte Wanderausstellung „Verstummte Stimmen“ über vertriebene und ermordete jüdische Künstler bei den Bayreuther Festspielen fand 2015 eine dauerhafte Heimstatt im Park vor dem Festspielhaus. Sie befindet sich zwar auf städtischem Gelände und ist als private Initiative organisiert. Aber sie wird von den Festspielen befürwortet.
Die Wagner-Stiftung, in deren Stiftungsrat Katharina Wagner sitzt, war mit dieser Ausstellung inzwischen ebenso befasst wie mit den Ausstellungen im Richard-Wagner-Museum, das den Themen Antisemitismus und Nationalsozialismus während der letzten Jahre nicht ausgewichen ist. In der Reihe „Diskurs Bayreuth“ hatten während der Festspiele Wissenschaftler, Künstler und Publizisten die Nähe von Wagner und Hitler begrifflich zu präzisieren versucht. Die gesamte Ausgabe von 2018 stand unter dem Thema „Sündenfall der Künste? Richard Wagner und der Nationalsozialismus“. Stefan Herheims Inszenierung von „Parsifal“ (2008), die Deutungen der „Meistersinger von Nürnberg“ durch Katharina Wagner (2007) und Barrie Kosky (2018) brachten diese Diskurse auch auf die Bühne.
Wie geht es mit Bayreuth nach dem großen 150-Jahre-Jubiläum weiter? Klar ist, dass die politische Förderungswürdigkeit der Festspiele auch von einer ernsthaften Aufarbeitung abhängt. Katharina Wagner versucht es dabei mit einem Spagat: Sie verschanzt sich nicht hinter der Kunst, auch wenn sie deren Freiheit verteidigt. Dazu gehört 2026 auch eine besondere Premiere.
Unter der Überschrift „Mehr Farbe für das Jubiläum“ haben die Festspiele den Musiker Frans Zimmer verpflichtet, der als DJ Alle Farben auftritt. Mit ihm ist am 2. August eine Party mit bis zu 1000 Teilnehmern im Backstagebereich geplant. „Wir mischen hier tatsächlich elektronische Klänge mit Wagner-Motiven“, verrät Katharina Wagner. Ziel des „einmaligen Events“ sei es, „Leute neugierig zu machen, die normalerweise nicht zu unserem Stammpublikum zählen“. Zimmer wiederum hofft, „dass wir alle zusammen tanzen und ich eine Brücke schaffe zu Wagner“. Ob das funktioniert? Man darf gespannt sein.