Arbeitsmarkt: Der neue Spitzenreiter beim Azubi-Gehalt
Der Fachkräftemangel führt zu einer verblüffenden Neuordnung in der Vergütungstabelle. Spürbar wird das in den Sozialkassen.
Auszubildende in der Pflege: kein leichter Job. Foto: picture alliance/dpa
Nicht die bisher führende Finanzbranche oder die klassische Industrie bezahlen ihre Lehrlinge am besten. Einer neuen Statistik zufolge liegt inzwischen ein früher in Deutschland schlecht entlohnter Beruf bei der Ausbildungsvergütung vorn: die Pflege.
Nach einer aktuellen Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung bekommen Auszubildende in der Pflege derzeit im ersten Jahr monatlich 1491 Euro bezahlt. Dahinter folgen die Versicherungsbranche mit 1455 Euro und die privaten Banken mit 1400 Euro.
Danach folgen die Metallindustrie mit etwa 1300 Euro – je nach Region – und die chemische Industrie mit rund 1200 Euro sowie das Gastgewerbe mit etwas mehr als 1100 Euro. Die Mindestvergütung für Lehrlinge ist per Gesetz bei derzeit 724 Euro monatlich festgelegt.
Längst nicht mehr schlecht vergütet
Vor allem jene Bereiche hätten aufgeholt, die zuvor schlecht bezahlt hätten, erklärt dazu Thorsten Schulten, der beim WSI die Zahlen ausgewertet hat. „In den letzten Jahren haben vor allem diese Branchen mit überdurchschnittlichen Steigerungsraten auf den zunehmenden Fachkräftemangel reagiert“, so Schulten. In der Pflege sind immer noch etliche Ausbildungsplätze, aber auch Stellen für Fachkräfte unbesetzt.
Die Löhne in den Gesundheits- und Pflegeberufen sind in den vergangenen zehn Jahren etwa doppelt so stark geklettert wie die im Schnitt der anderen Branchen. Die Entlohnung hier legte um die Hälfte zu. Besonders die Altenpflegerinnen und -pfleger profitierten. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts verdienten vollzeitbeschäftigte Fachkräfte zuletzt im Mittel 4.228 Euro brutto im Monat. Das waren 1.612 Euro oder 61,6 Prozent mehr als ein Jahrzehnt zuvor.
Die Pflegeberufe landen nun sogar auf dem Azubi-Spitzenplatz, weil sich in den zurückliegenden Jahren, auch durch politische Entscheidungen, einiges in dem von Frauen dominierten Job verändert hat. Mehr als zwei Drittel der Beschäftigten sind hier weiblich. Der Beruf gilt als zukunftsträchtig, weil die Menschen älter werden und potenziell mehr professionelle gesundheitliche Betreuung benötigen.
Wertschätzung wie zur Coronazeit eingefordert
Während der Corona-Pandemie zeigte sich noch ein anderes Bild: Fachkräfte und Azubis in der Pflege galten als eher schlecht bezahlt in einem Beruf, der viel Einsatz verlangte. Bessere Bezahlung statt nur Wertschätzung durch Klatschen auf den Balkonen forderten damals die Vertreterinnen der rund 1,2 Millionen Kräfte in Pflegeheimen oder ambulanten Pflegediensten sowie der knapp 500.000 Pflegekräfte in Krankenhäusern.

Entlastungsdebatte
Die Menschen fühlen sich ärmer – und sind es auch
Der mangelnde Reformehrgeiz der Koalition belastet Familien, Klein- und Normalverdiener. Denn die Sozialabgaben steigen weiter. Ein Kommentar.
Kommentar von Cordula TuttNicht nur der Mangel an Nachwuchs und Fachkräften hat die Vergütung angetrieben. Zehntausende Stellen gelten als unbesetzt. Auch politische Entscheidungen spielen eine bedeutende Rolle, allen voran die gesetzlich vorgeschriebene Tariforientierung in der Altenpflege. Diese wirkt verschiedenen Untersuchungen zufolge stärker als der schon länger geltende Mindestlohn für die Branche.
Noch im Frühjahr hatte die bisherige Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) die Wirkung der gesetzlichen Tarif-Vorgabe gelobt, die 2022 nach der Coronapandemie eingeführt wurde: „Damit ist der Pflegeberuf in den letzten Jahren zu einem nicht nur fachlich, sondern auch finanziell sehr attraktiven Beruf geworden.“
Tarifverträge auf Kosten der Allgemeinheit
Doch klagen die Pflegekassen, die von den gesetzlichen Krankenversicherungen verwaltet werden, nun über eine Unwucht. Mit dem von Warken-Vorgänger Karl Lauterbach (SPD) eingeführten Gesetz vom September 2022 dürfen die Kassen Versorgungsverträge mit Pflegeeinrichtungen nur noch abschließen, wenn diese sich nach Tarifverträgen oder kirchlichem Arbeitsrecht richten. Erst dann bekommen diese Geld von den Sozialkassen.
Das heißt aber zugleich, dass die Pflegeversicherung das von anderen ausgehandelte Tarifniveau bezahlen muss. Arbeitgeber handeln hier also mit Arbeitnehmern Bedingungen aus, die sie nicht selbst finanzieren müssen. Nach Einschätzung der Studie vom Frühjahr 2026 hat das die Bezahlung deutlich erhöht. „Die Reallohnentwicklung für Helferinnen oder Helfer und Fachkräfte im Pflegesektor lag in den vergangenen Jahren deutlich über der Reallohnentwicklung aller Berufe“, heißt es in der von Warken in Auftrag gegebenen Evaluierung.
Stark steigende Löhne und hohe Ausbildungsvergütungen treiben nicht nur die Ausgaben der sozialen Pflegeversicherung, deren Beitragssatz seit Jahren steigt. Die Sozialkasse übernimmt nur einen Teil der tatsächlich anfallenden Kosten, wenn Menschen hilfebedürftig werden. Der privat zu zahlende Anteil in einem Pflegeheim hat sich nach Zahlen des Ersatzkassenverbands VDEK zuletzt im bundesweiten Schnitt auf mehr als 3200 Euro im Monat erhöht. Deshalb werden immer mehr Betroffene zusätzlich von Sozialhilfe abhängig.
Nun wird der neue Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) eine Balance suchen müssen zwischen guten Löhnen und Bezahlbarkeit der Pflege. Noch in diesem Jahr soll die Bundesregierung Kürzungen und Umbauten in dieser Sozialkasse beschließen.

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