Stand: 26.07.2026, 17:27 Uhr
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Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen ist um sechs bis acht Prozent gesunken. IAB-Direktor Bernd Fitzenberger rechnet mit deutlich weniger neuen Verträgen als im Krisenjahr 2020. Ein Interview.
Mit dem 1. August und 1. September wird es für viele Jugendliche spannend. Denn dann beginnt für viele junge Menschen die Ausbildung und damit irgendwie auch der Ernst des Lebens: Statt in die Schule geht es in die Arbeitswelt, wo der Ton manchmal rauer ist und ganz andere Dinge gefragt sind. Im FR-Interview spricht Arbeitsmarktforscher Bernd Fitzenberger über die Situation auf dem Ausbildungsmarkt, die Folgen der Wirtschaftskrise und die wachsende Vielfalt in der Schülerschaft. Fitzenberger kennt sich aus: Er ist nicht nur Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, sondern führt als Direktor auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit.

Herr Professor Fitzenberger, für viele junge Menschen startet bald die Ausbildung. Können Sie abschätzen, wie viele Azubis in diesem Jahr loslegen werden?
Die Zahl der Bewerber bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) ist höher als im Vorjahr. Das zeigt ein gestiegenes Interesse am Ausbildungsmarkt. Allerdings ist die Zahl der gemeldeten Stellen rückläufig – wir sehen hier ein Minus von sechs bis acht Prozent. Das ist ein historischer Tiefstand. Deshalb rechne ich im Herbst mit weniger neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen als im bisherigen Krisenjahr 2020, die Zahl könnte deutlich unter 470.000 liegen.
FR-Arbeitsmarktindex (FRAX)
Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) ist eine Entwicklung der Frankfurter Rundschau und des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor. Grundgedanke ist, dass die Arbeitslosen- und Erwerbstätigenzahlen alleine keine fundierte Bewertung des Arbeitsmarktes ermöglichen. Der FRAX analysiert deshalb den deutschen Arbeitsmarkt in fünf Kategorien und anhand von 18 Indikatoren, um so zu einem stimmigen Gesamtbild zu kommen. Alle Texte auf fr.de/frax
Beschäftigung: Der Trend geht in die falsche Richtung: weniger Erwerbstätige, mehr Arbeitslose – das ist keine gute Kombination. Knapp 45,86 Millionen Menschen waren im ersten Quartal erwerbstätig, etwas weniger als im Vorjahresquartal. Dafür legt die Arbeitslosigkeit zu: 2,98 Millionen Menschen waren ohne Job, ein Plus von knapp 77.000 Personen. Die Wifor-Fachleute sehen hier „eine beständige Verschlechterung“. Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden verändert sich quasi nicht.
Zugangschancen: Unter Krisen leiden Randgruppen auf dem Arbeitsmarkt besonders – also etwa junge und ältere Menschen. Das zeigt sich auch aktuell: Der Anteil jüngerer und älterer Arbeitsloser an allen Arbeitslosen steigt im ersten Quartal auf 34,7 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es noch 33,9 Prozent. Die angespannte Lage zeigt sich auch bei Langzeitarbeitslosen – also Menschen, die länger als ein Jahr ohne Job sind. Ihr Anteil beträgt 35,9 Prozent, ein Plus von 0,8 Prozentpunkten.
Ausbildung: Der Nachwuchs sendet seit mehreren Jahren keine guten Nachrichten. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse sinkt weiter und liegt aktuell nur noch bei knapp 468.000. Das wird Folgen haben, schließlich ist der Azubi von heute die Fachkraft von morgen. Immerhin: Bei der Übernahmequote verändert sich im ersten Quartal nichts: 79 Prozent der Azubis werden übernommen und bleiben nach Ausbildungsende in ihrem Betrieb.
Einkommen Die Preise sind noch immer hoch, aber die Zeit der großen Preissteigerungen auf breiter Front ist vorerst vorbei. Dafür steigen die Löhne inzwischen stärker als die Inflation. Das bedeutet, dass auch die Kaufkraft steigt. Davon profitieren aber nicht alle Menschen in Deutschland. Bei nicht wenigen Personen ist der Lohn so niedrig, dass sie ihn mit Grundsicherung aufstocken müssen: Im ersten Quartal waren das 780.200 Erwerbstätige, immerhin 35.400 weniger als im Vorjahr.
Bedingungen: Der große Ausreißer: Bei den Arbeitsbedingungen geht es steil bergauf. Sie haben sich gegenüber dem Vorjahr spürbar verbessert und heben sich damit von anderen Kategorien ab. Weniger Arbeits- und Wegeunfälle sowie vor allem eine deutlich stärkere emotionale Bindung an den Arbeitsplatz tragen zu stabileren und hochwertigeren Beschäftigungsverhältnissen bei. Ein Grund für das Minus bei den Unfällen ist allerdings der Rückgang an Beschäftigten. (Steffen Herrmann)
Spiegelt sich darin die Wirtschaftskrise wider?
Ja, so würde ich das interpretieren. Wir befinden uns im vierten Jahr einer Wirtschaftsschwäche. Unternehmen müssen auf die Kosten schauen, vor allem in der Industrie. Dort haben sich die Perspektiven für eine langfristige Beschäftigung verschlechtert, weshalb weniger Ausbildungsplätze angeboten werden. Im Handwerk und im öffentlichen Dienst ist das Stellenangebot zwar stabil oder sogar leicht höher, aber das gleicht die Rückgänge in der Industrie nicht aus. Der langfristige Trend zeigt nach unten.
Seit 2007 sinken die Zahlen der neuen Azubis deutlich. Warum dieser langfristige Trend nach unten? Liegt das nur an der Demografie?
Der Trend hat drei wesentliche Elemente. Der Markt hat sich weder von der Wirtschafts- und Finanzkrise 2007/2008 noch von der Corona-Krise vollends erholt. In Krisen geht das Angebot der Betriebe zurück. Das beeinflusst aber auch das Verhalten der Jugendlichen: Sie zögern den Einstieg hinaus. Als zweiter Faktor kommt die lange Zeit hohe Attraktivität eines Hochschulstudiums für viele Jugendliche hinzu. Zudem war drittens der Arbeitsmarkt in den 2010er Jahren und direkt nach Corona so stark, dass man auch ohne Ausbildung gut in einem Helferjob ohne Ausbildung einsteigen konnte. Die Löhne im Niedriglohnsektor haben sich vergleichsweise gut entwickelt. Viele Jugendliche wählen dann den schnellen Job ohne Prüfungsstress und mit sofortigem Geld, statt eine schlechter vergütete Ausbildung zu beginnen.
Und die Menschen ohne Berufsabschluss zahlen später einen Preis dafür?
Den Preis zahlen die meisten nicht sofort, sondern im weiteren Lebensverlauf – wenn auch einige gut klarkommen. Ohne Abschluss ist das Arbeitslosigkeitsrisiko höher, die Aufstiegs- und Karrierechancen sind deutlich geringer und später fallen die Rentenansprüche niedriger aus. Dennoch holen junge Menschen im Alter von 24 bis 26 Jahren nicht massenhaft eine Ausbildung nach, beispielsweise weil sie dann in einer Lebensphase sind, in der sie auf ein höheres Einkommen angewiesen sind.
Die Schülerschaft verändert sich, die Vielfalt nimmt zu. Viele Jugendliche haben eine Migrationsgeschichte. Welche Folgen hat das für den Ausbildungsmarkt?
Es gelingt uns oft noch nicht, den Stellenwert einer betrieblichen Ausbildung an Familien mit Migrationsgeschichte zu vermitteln. In vielen Herkunftsländern gibt es dieses System schlichtweg nicht. Das führt zu paradoxen Situationen: Jugendliche mit Migrationshintergrund äußern in Befragungen oft sehr hohe, teils unrealistische Bildungsziele wie ein Hochschulstudium, selbst wenn sie einen Haupt- oder Realschulabschluss anstreben. Wenn dieser Wunsch scheitert, verbleiben sie zu oft ohne Ausbildung in Helferjobs. Besonders ausgeprägt ist das bei jungen Männern, denen die typisch männlich geprägten Ausbildungsberufen im Handwerk oder Bau eigentlich gute Chancen bieten müssten und die oft in Helferjobs in genau diesen Branchen tätig sind.
Müsste man dann nicht viel früher in den Schulen ansetzen, etwa durch Praktika?
Absolut. Die Schulen informieren zwar viel, aber wir haben heute das Problem einer massiven Reiz- und Informationsüberflutung. Jugendliche sagen uns oft: „Wir erhalten viele Informationen, fühlen uns aber nicht informiert.“ Sie können oft die Informationsflut nicht für sich selbst verarbeiten. Notwendig sind passgenaue, authentische Erfahrungen. Das richtige Erleben findet erst statt, wenn man einen Betrieb von innen kennt. Praktika müssen anschließend in der Schule gründlich vor- und nachbereitet werden, damit sie nicht als reine Pflichtübung wahrgenommen werden, sondern die Berufsorientierung wirklich voranbringen.
Aus Unternehmen hört man oft die Klage, Jugendliche seien unreif oder nicht bereit für eine Ausbildung. Stützen Ihre Daten diese Behauptung?
Da ist sehr viel dran. Die Leistungsstände am Ende der Schulzeit sind schlechter geworden, was auch an den Lernverlusten der Corona-Zeit liegt, die das Bildungssystem nicht ausreichend ausgeglichen hat. Wir haben heute einen größeren Teil leistungsschwächerer Schüler. Zur Ausbildungsreife gehören aber nicht nur fachliche Kenntnisse, sondern auch Persönlichkeitseigenschaften: Pünktlichkeit, Verantwortung und die Zusammenarbeit in einem Arbeitsumfeld von Erwachsenen. Auch dies will erlernt werden.
Was ist die Konsequenz daraus? Mehr Schule?
Nein, Jugendliche einfach noch länger in der Schule zu halten, ist aus meiner Sicht der falsche Weg. Wer mit 16 oder 17 Jahren im schulischen System keinen Erfolg hatte, wird ihn nicht zwingend haben, wenn man das Ganze um zwei Jahre verlängert. Dann verliert man sie vielleicht mit 19 komplett in einem Helferjob. Die Jugendlichen müssen den Einstieg in die Praxis finden. Betriebe dürfen dabei aber nicht allein gelassen werden; beide brauchen Unterstützung. Ein bewährtes, aber zu selten genutztes Instrument ist die Einstiegsqualifizierung, bei der die Bundesagentur für Arbeit den Jugendlichen zunächst für einige Monate als Praktikanten finanziert. Ausbildungsreife kann man im praktischen Kontext erlernen. Wenn die Arbeit Spaß macht, entsteht eine ganz andere Lernmotivation – selbst wenn die Ausbildung dann insgesamt vier Jahre dauert. Diese Geduld müssen wir aufbringen.
„Werden Sie proaktiv. Wenn man mit einem klaren Berufswunsch direkt an Betriebe herantritt, überlegen sich viele Arbeitgeber zweimal, ob sie sich diese Chance entgehen lassen – denn die Demografie tickt und die Fachkräfte fehlen.“
Die Jugendarbeitslosigkeit hat zuletzt den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht. Dreiviertel der Arbeitslosen unter 25 haben keinen Berufsabschluss. Ist die Lösung also auch hier die Rückführung in Ausbildung?
Ja, das erklärt auch den leichten Anstieg der Bewerberzahlen: Die Jugendlichen spüren die schwierige Arbeitsmarktlage und die Tatsache, dass Berufswünsche und Ausbildungsmöglichkeiten auseinanderfallen. Der Einstieg in den Helfermarkt ist derzeit nicht mehr so leicht. Zwar ist unsere Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Vergleich nicht dramatisch hoch, aber ohne wirtschaftlichen Aufschwung riskieren wir, die von Arbeitslosigkeit betroffenen Jugendlichen dauerhaft zu verlieren. Die Forschung zeigt, dass sich ein schwieriger Arbeitsmarkteinstieg über Jahrzehnte negativ auswirken kann.
Ein großes Thema, das für Unsicherheit sorgt, ist Künstliche Intelligenz. Viele Jugendliche fragen sich: Welche Berufe sind in Zukunft noch sicher? Wie stabil ist eine Ausbildung in Zeiten von KI?
Die Sicht der Forschung am IAB ist da differenziert. Wir gehen weder davon aus, dass Berufe durch KI komplett verschwinden, noch dass eine Ausbildung eine unumstößliche Lebensentscheidung ist. Analysen zeigen, dass zehn Jahre nach dem Abschluss etwa die Hälfte der jungen Menschen nicht mehr im ursprünglichen Ausbildungsberuf arbeitet. Eine Ausbildung ist ein exzellentes Sprungbrett für eine Karriere und den Weg in andere Bereiche. In einem flexiblen Arbeitsmarkt verändern sich Berufe ohnehin. KI ist letztlich ein Instrument, das Tätigkeiten produktiver macht, und die Jugendlichen müssen lernen, damit umzugehen und beruflich mobil zu sein.
Das bedeutet aber auch, dass die Ausbildungsordnungen auf dem aktuellen Stand sein müssen. Kommt das System da überhaupt hinterher?
Das ist in der Tat eine Herausforderung. Eine Anpassung dauert bei uns im Schnitt ein Jahr, und Berufe werden im Durchschnitt nur alle zehn Jahre aktualisiert. Es stellt sich die Frage, ob das schnell genug ist. Die Forschung zeigt aber eindeutig: Dort, wo modernisiert und neue Techniken berücksichtigt werden, verbessern sich die Arbeitsmarkt- und Verdienstchancen der Jugendlichen deutlich. Die Aktualisierung der Ausbildungsordnungen ist somit wichtig.
Was raten Sie einem jungen Menschen, der jetzt gerade verzweifelt einen Ausbildungsplatz sucht?
Zunächst ein verblüffend klingender Hinweis: Trotz der schwierigen Wirtschaftslage werden auch dieses Jahr viele Stellen unbesetzt bleiben, weil Angebot und Nachfrage oft nicht zusammenpassen. Häufig schreiben Betriebe gar nicht erst aus, weil sie glauben, niemanden zu finden. Deshalb mein erster Rat: Werden Sie proaktiv. Wenn man mit einem klaren Berufswunsch engagiert und direkt Betriebe anspricht, überlegen sich manche Arbeitgeber zweimal, ob sie sich diese Chance entgehen lassen – denn angesichts der demografischen Entwicklung fehlen Fachkräfte in der Zukunft. Man darf nicht nur auf ausgeschriebene Stellen schauen, sondern muss den Suchraum öffnen. Der zweite Rat lautet, nach den eigenen Interessen zu suchen, denn dann ist man später glücklicher und produktiver.
Manchmal erfordert ein spezieller Berufswunsch aber auch einen Umzug. Davor scheuen viele zurück.
Ja, die regionale Mobilität für eine Ausbildung ist in Deutschland recht gering. Wenige junge Menschen verlassen ihr soziales Umfeld, weil dieser Schritt als zu große Hürde empfunden wird. Dabei helfen manche Betriebe beim Umzug und es gibt Azubi-Wohnheime, allerdings kann es auch eine Kostenfrage sein. Bei Studierenden wird regionale Mobilität oft ganz selbstverständlich erwartet.
Wobei Studierende meistens auch etwas älter sind als Azubis.
So viel älter sind sie gar nicht. Das Durchschnittsalter bei der Unterschrift eines Ausbildungsvertrags liegt mittlerweile bei 20 Jahren.
Das ist tatsächlich älter, als ich gedacht hätte.
Das liegt auch am steigenden Anteil von Abiturienten, die vor der Ausbildung ein Gap Year einlegen. Oder es ist „Liebe auf den zweiten Blick“: Viele beginnen ein Studium, brechen es ab – an den Hochschulen gibt es hohe Abbruchquoten – und starten dann mit 23 noch in eine Ausbildung. Das zieht den Altersdurchschnitt nach oben.