Ärger in Deutschland wegen geplantem Tiefenlager nahe der Grenze

Atomares Tiefenlager Die deutsche Wut über das Schweizer Atom-Endlager

Im AKW-kritischen Süddeutschland diskutierten Bevölkerung und Politik über das geplante Atom-Endlager.

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Bis zu einer Million Jahre strahlen die hochradioaktiven Abfälle, die in den Atomkraftwerken produziert werden. Ab 2050 sollen diese Abfälle in einem Tiefenlager im Zürcher Unterland sicher gelagert werden.

Das Projekt «Terradura» bewegt dabei nicht nur die Menschen in der Schweiz, sondern auch jene im grenznahen Deutschland. Denn der geplante Standort ist nur drei Kilometer Luftlinie von der deutschen Gemeinde Hohentengen entfernt.

Die Beziehung zum grenznahen Deutschland ist ohnehin schon belastet: In den 80er-Jahren baute die Schweiz das Atomkraftwerk Leibstadt – trotz grossen Widerstands aus der Bevölkerung – direkt gegenüber der deutschen Grenzstadt Waldshut. Später sorgte der zunehmende Fluglärm über dem Südschwarzwald für Ärger. Nun ist auch noch ein Tiefenlager in Grenznähe geplant.

Landschaft mit einem Fluss, einem Kraftwerk und bewölktem Himmel.
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Von Waldshut-Tiengen DE her ist das Atomkraftwerk Leibstadt gut sichtbar.

SRF/Alex Moser

Der Unmut in der Bevölkerung sei gross, sagt Martin Steinebrunner an einer Fachtagung in Waldshut DE zum geplanten Tiefenlager. Er ist Leiter der deutschen Koordinationsstelle zum Tiefenlager und vertritt die Anliegen der deutschen Gemeinden und Behörden im Planungsprozess. «Das Ganze ist eine Zumutung. Viele haben den Eindruck, dass ihnen wieder etwas vor die Füsse geschoben wird, dass sie nicht wollen und das ja auch nicht unseres ist.»

Mehrere Menschen in weissen Overalls halten bei einer Veranstaltung bunte Schilder und Dekorationen.
Legende:

Auch in der Schweiz gibt es Widerstand gegen das Atommüll-Endlager und gegen den Bau neuer Atomkraftwerke. So wie am 7. September im aargauischen Fisibach.

Keystone/Michael Buholzer

Von offizieller Seite gibt es aber auch Verständnis für die Schweizerinnen und Schweizer. Zum Beispiel von Roswitha Drayer, Gemeinderätin von Hohentengen, der deutschen Nachbarsgemeinde des geplanten Tiefenlagers. Sie äussert Empathie für die Schweizer Bevölkerung: «Eine Zumutung ist es ja auch für die Schweiz, auch dort leiden die Menschen unter dem Fluglärm und auch sie müssen mit dem Tiefenlager leben.»

Im September 2022 schlug die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle Nagra «Nördlich Lägern» als Standort für das Tiefenlager vor. Im Gebiet im Zürcher Unterland schliesse das Gestein die Abfälle künftig am besten ein.

Im Herbst 2024 hat die Nagra beim Bund das Rahmenbewilligungsgesuch eingereicht. Darin ist die detaillierte Begründung für die Standortwahl festgehalten und der Rahmen für das Endlager-Projekt gesetzt.

Die Nagra rechnet damit, dass der Bund im Jahr 2031 die Rahmenbewilligung erteilt und damit entscheidet, ob die Schweiz ihre radioaktiven Abfälle in einem Tiefenlager im Zürcher Unterland entsorgen will. Das Parlament muss ebenfalls seine Zustimmung geben. Wenn das Referendum ergriffen wird, hat das Schweizer Stimmvolk das letzte Wort.

Mitte der 2030er-Jahre könnte der Bau des Tiefenlagers starten. Die Einlagerung der ersten radioaktiven Abfälle würde voraussichtlich erst ab 2050 stattfinden.

Im Landkreis Waldshut wohnen 170'000 Menschen auf einer Fläche, die doppelt so gross ist wie der Kanton Baselland. Das politische Oberhaupt, Landrat Martin Kistler, betont, dass es ihm bei der Mitsprache in erster Linie um die Sicherheit des Tiefenlagers gehe. Aber natürlich steht auch eine Abgeltung im Raum. «Wenn die Bevölkerung von Hohentengen gerade mal drei Kilometer vom Standort des Tiefenlagers entfernt ist, darf das Geld natürlich auch um die Gemeinde keinen Bogen machen.

Am liebsten gar kein Tiefenlager

Bundesrat Albert Rösti teilte vor rund einem Monat mit, dass die Menschen beidseits der Grenze angemessen entschädigt werden sollen. Der Bürgermeister von Hohentengen, Jürgen Wiener, tröstet das nur begrenzt: «Wir brauchen kein Tiefenlager. Doch wenn es kommt, dann dürfen die Abgeltungen natürlich nicht ausbleiben.»

Wir haben kein Vetorecht.

Die Betroffenheit über den gewählten Standort so nahe an der Grenze sei in seiner Gemeinde gross, betont Wiener. «Es ist wichtig, die Ängste der Bevölkerung ernst zu nehmen – die Ängste vor Imageschaden oder verschmutztem Trinkwasser.» Nur so könne man das Vertrauen der Menschen gewinnen und Akzeptanz schaffen.

Luftaufnahme eines Dorfes mit vielen Häusern, einem Fluss und umliegenden Feldern.
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Im idyllischen Hohentengen ist die Bevölkerung wenig erfreut über das geplante Tiefenlager ennet der Grenze.

Imago/Andreas Haas

Denn obwohl Vertreterinnen und Vertreter von Deutschland in die Planung miteinbezogen werden: «Ein Vetorecht haben wir schlussendlich nicht», so Jürgen Wiener, und fügt an: «Wir arbeiten derzeit sehr kollegial und konstruktiv.» Diese Stimmung ist an der Fachtagung in Waldshut spürbar: Beide Seiten betonen, dass das nachbarschaftliche Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland nach wie vor gut sei, trotz Atomkraftwerk, Fluglärm und dem geplanten Atommüll-Endlager.

Rendez-Vous, 09.10.2026, 12.30 Uhr ;  hubf;stes;noes