AUDIO: "Pränataltests führen nicht zu mehr Schwangerschaftsabbrüchen" (6 Min)
Pränataltests
Stand: 09.10.2026 20:47 Uhr
Der Bundestag lässt den Einsatz vorgeburtlicher Bluttests als Kassenleistung überprüfen. Der Frauenärzteverband begrüßt die Prüfung, warnt aber vor einer Streichung: Dann drohe ein ungleicher Zugang. Verbände fordern zudem bessere Beratung.
von MDR AKTUELL
- Frauenärzte begrüßen die Überprüfung der Pränataltests – obwohl sie nicht zu mehr Schwangerschaftsabbrüche geführt hätten.
- Mögliche Abschaffung der Kassenleistung für Bluttests auf Trisomie 21 stößt aber auf Kritik beim Bundesverband.
- Verbände fordern bessere Beratung, Aufklärung und einen gerechten Zugang zu Pränataltests.
Jochen Frenzel vom Bundesverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte begrüßt die Entscheidung des Bundestags, den Einsatz vorgeburtlicher Bluttests überprüfen zu lassen. Im Gespräch mit MDR AKTUELL sagte er, nach mehreren Jahren als Kassenleistung sei es sinnvoll, die bisherige Praxis zu überprüfen.
Nach Angaben von Frenzel wird inzwischen etwa jede zweite Schwangerschaft mit einem sogenannten nicht-invasiven Pränataltest (NIPT) untersucht. Das zeigten Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen und Erhebungen einzelner Krankenkassen. Mit dem Test lässt sich anhand einer Blutprobe der Schwangeren unter anderem die Wahrscheinlichkeit für Trisomie 21 bestimmen.
Kein Anstieg bei Schwangerschaftsabbrüchen
Frenzel widersprach aber der Befürchtung, dass die häufigere Anwendung der Tests zu mehr Schwangerschaftsabbrüchen führe. "Die Daten haben sich seit Einführung als Kassenleistung überhaupt nicht verändert", sagte er bei MDR AKTUELL mit Blick auf die Schwangerschaftsabbruchzahlen. Aus seiner Sicht gibt es bislang keinen Hinweis auf einen Anstieg durch die Kostenübernahme.
Der Frauenarzt Frenzel verwies darauf, dass sich auch schon vor der Kassenzulassung des NIPT viele Schwangere auf mögliche genetische Besonderheiten ihres Kindes untersuchen ließen. Die Nachfrage nach solchen Untersuchungen habe sich daher im Wesentlichen nicht verändert.
Frenzel warnt vor sozialer Ungleichheit
Eine mögliche Abschaffung der Kassenleistung sieht Frenzel darum kritisch. Denn ein Ziel der Einführung im Juli 2022 sei gewesen, allen Schwangeren unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten Zugang zu dem Test zu ermöglichen. Ohne Kostenübernahme müssten Schwangere die derzeit etwa 200 bis 250 Euro selbst bezahlen. Dass die Untersuchungen dadurch insgesamt seltener würden, bezweifelt Frenzel: "Das Verfahren ist da und das Verfahren wird auch genutzt werden".
Verbände fordern bessere Beratung
Auch der Bundesverband Donum Vitae begrüßt die Überprüfung. Der Bundesvorsitzende Olaf Tyllack erklärte, die inzwischen hohe Zahl der Untersuchungen sei bei der Kassen-Zulassung so nicht vorgesehen gewesen.
Der Verband fordert mehr Aufklärung. Gerade bei jüngeren Schwangeren bestehe ein erhöhtes Risiko für falsch-positive Ergebnisse. Vielen sei außerdem nicht bewusst, dass der NIPT keine gesicherte Diagnose liefere, sondern lediglich die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Trisomien angebe.
Auch der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Helmut Frister, sagte der "Rheinischen Post", Ziel dürfe nicht die Einschränkung individueller Entscheidungsmöglichkeiten sein. Vielmehr müsse eine bessere Beratung werdenden Eltern helfen, bewusst und informiert zu entscheiden.
Die BAG Selbsthilfe sprach sich ebenfalls für die Überprüfung aus. Bundesgeschäftsführer Martin Danner forderte zugleich, dass der NIPT weiterhin Kassenleistung bleiben müsse. Entscheidend seien ein gerechter Zugang und eine ergebnisoffene Beratung ohne gesellschaftlichen Druck.
Bundestag beschließt Überprüfung der Testpraxis
Der Bundestag hatte am Donnerstag mit großer Mehrheit beschlossen, die Anwendung vorgeburtlicher Bluttests als Kassenleistung überprüfen zu lassen. Ein Expertengremium soll die rechtlichen, ethischen und gesundheitspolitischen Grundlagen untersuchen und die Auswirkungen der bisherigen Praxis bewerten.
Hintergrund waren Sorgen von mehr als 100 Bundestagsabgeordneten, dass sich der NIPT zu einer Routineuntersuchung entwickeln und die gezielte Auswahl ungeborener Kinder nach genetischen Merkmalen begünstigen könnte. Seit Juli 2022 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen unter bestimmten Voraussetzungen die Kosten.
Laut einem beschlossenen Änderungsantrag soll dies bei einer gerechtfertigten medizinischen Indikation auch künftig möglich bleiben.
KNA/dpa/epd, MDR (jst)
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