Social-Media-Feeds: Australien plant Aus-Knopf für Algorithmen

Social-Media-Feeds

In sozialen Netzwerken bestimmt in der Regel der Empfehlungsalgorithmus, was Nutzerinnen und Nutzer zu sehen bekommen. Dagegen will Australien vorgehen: Geplant sind neue Regeln, die es möglich machen sollen, Algorithmen in sozialen Netzwerken auszuschalten. Hinter dem Vorstoß steht Kommunikationsministerin Anika Wells, unter der 2025 die weltweit erste Social-Media-Sperre für unter 16-Jährige in Kraft trat.

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Das angekündigte Gesetz („Digital Duty of Care“, dt. etwa: digitale Sorgfaltspflicht) würde „grundlegende Sicherheitsstandards für eine Branche schaffen, die solche Standards bisher nicht einhalten musste“, wie Wells dem Sender ABC News am Montag sagte. Ein Teil des Gesetzesvorstoßes zielt auf Social-Media-Feeds ab. Man wolle den Menschen Wahlmöglichkeiten geben, was sie dort sehen.

Diese Woche soll der Gesetzesentwurf vorgelegt werden. Aus der Opposition kam bereits Kritik: Der geplante Schritt könne die Meinungsfreiheit einschränken und Zensur gleichkommen, wurde etwa argumentiert. Wells dazu: „Hier geht es nicht um Zensur. Es geht darum, Risiken zu identifizieren und die Konzerne dazu zu bringen, diese auf ihren eigenen Plattformen zu identifizieren und zu mindern.“

Ministerin: Konzerne „keine geschützte Spezies“

Viele Menschen würden den Algorithmus laut Wells weiterhin nutzen wollen. Um das zu gewährleisten, solle es Wahlfreiheit geben. Auch Sanktionen werde es geben, so die Ministerin: Wenn Konzerne wie Meta, Google und TikTok die Möglichkeit, Algorithmen abzuschalten, nicht anbieten, müsse mit „erheblichen“ Strafen gerechnet werden. Die Konzerne seien „keine geschützte Spezies“.

Anika Wells (australische Ministerin für Kommunikation und Sport)
Australiens Kommunikationsministerin Wells will bald strengere Regeln für soziale Netzwerke vorlegen

Bisher keine Strafen für Konzerne

Zugleich räumte die Kommunikationsministerin ein, dass bisher kein Technologiekonzern wegen Verstößen gegen das bestehende Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige bestraft wurde. Das, obwohl Untersuchungen zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der unter 16-Jährigen, die vor Inkrafttreten des Verbots auf den Plattformen aktiv waren, diese weiterhin nutzen.

Neben der Regulierung von Empfehlungsalgorithmen soll das „Digital Duty of Care“-Gesetz Plattformen verpflichten, ihre Systeme so zu gestalten, dass sie die Verbreitung illegaler und besonders schädlicher Inhalte eindämmen. Dazu zählen etwa sexuelle Ausbeutung, bildbasierter Missbrauch sowie Inhalte, die Essstörungen und Selbstverletzung fördern.

Aktivistin für „deaktiviert“ als Standard

Manchen gehen die neuen Pläne für den Aus-Knopf für Algorithmen in sozialen Netzwerken nicht weit genug: So forderte die bekannte australische Frauenrechtsaktivistin Chanel Contos zuletzt in einer vielbeachteten Rede, personalisierte Social-Media-Feeds künftig nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Nutzerinnen und Nutzer aktivieren zu können.

Contos warnte, dass Algorithmen junge Menschen mit misogynen Inhalten konfrontieren und so zur Verbreitung von Frauenfeindlichkeit und sexueller Gewalt beitragen können. Statt eines Aus-Knopfs sollten personalisierte Empfehlungen daher standardmäßig deaktiviert sein und erst nach ausdrücklicher Zustimmung der Nutzerinnen und Nutzer aktiviert werden können.

Sollten Tech-Konzerne aktiv werden?

Ähnlich argumentierte Zoe Daniel, eine ehemalige unabhängige Abgeordnete im australischen Bundesparlament, in einem Kommentar im „Guardian“. Wenn Nutzer und Nutzerinnen selbst aktiv den Algorithmus abschalten müssen, bleibe die Verantwortung beim Einzelnen. Das sei ähnlich problematisch wie bei der Regelung für unter 16-Jährige, denn die Plattformen selbst müssten sich nicht ändern.

Das Problem sei aber größer als einzelne Inhalte: Schließlich analysieren Algorithmen das Verhalten der Nutzer und Nutzinnen und sind darauf ausgelegt, sie möglichst lange auf der Plattform zu halten. Dadurch würden süchtig machende Designs, polarisierende Inhalte und soziale Isolation verstärkt. Der Ball für Änderungen müsse Daniel zufolge bei den Tech-Konzernen liegen.

Denn entscheidend sei, wie Plattformen Inhalte auswählen, diese empfehlen und so Nutzer und Nutzerinnen beeinflussen. Deshalb sollten Plattformen verpflichtet werden, die Risiken ihrer Systeme zu untersuchen, zu reduzieren und transparent zu machen, so Daniel – unabhängig davon, ob ein Nutzer den Algorithmus ausschaltet oder nicht.

EU-Vorgaben zu Empfehlungsalgorithmen

In der EU gibt es bereits Vorschriften für den Umgang mit Empfehlungsalgorithmen. Der Digital Services Act (DSA) verpflichtet große Plattformen unter anderem dazu, Nutzerinnen und Nutzern mindestens eine Alternative anzubieten, bei der Empfehlungen nicht auf ihrem persönlichen Profil beruhen. Möglich ist etwa eine chronologische Sortierung der Inhalte.