Bayernliga im Kaufrausch: Warum die Miners nicht mitziehen

Stand: 22.10.2026, 08:15 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Eishockey; Bayernliga; Saison 2025/26; Dejan Vogl von den Peißenberg Miners (in Schwarz) im Heimspiel gegen den ERV Schweinfurt am 30. November 2025

Zwei Vereine, zwei Welten: Während die Miners (in Schwarz, auf dem Archivbild ist Dejan Vogl) intensive Nachwuchsarbeit betreiben, wollen Klubs wie Schweinfurt vorwiegend mit ausländischen Kräften zum Erfolg kommen. © Wolfgang Johann Lindner

Ab der kommenden Saison gelten in der Bayernliga verbindliche Lizenzregeln. Elf Klubs, darunter die Miners, boykottieren bereits jetzt Vereine, die das freiwillige Ausländer-Limit ignorieren.

Peißenberg – Drei Langzeitverletzte, ein dünner werdender Kader – und trotzdem klingelt bei den Miners nicht sofort das Telefon eines Spielervermittlers. „Wir haben gezielt keinen Ersatz geholt“, sagt Sportvorstand Tobias Ende. Stattdessen rücken junge Spieler nach. Für die Peißenberg Miners ist das mehr als eine Notlösung. Es ist ein Gegenentwurf zu einer Liga, die sich seit Jahren selbst überholt.

Wir kompensieren das mit dem eigenen Nachwuchs. Wir möchten das.

Die Bayernliga boomt. Spieler, die vor Kurzem noch in höheren Klassen zu den prägenden Kräften gehörten, wechseln eine Etage tiefer. Eetu Elo brachte 61 Oberliga-Punkte aus der Vorsaison mit, Justin Maylan 69. Maximilian Vollmayer spielte drei Jahre als Top-Verteidiger in der DEL2. Das Niveau steigt. Die Kosten ebenso. „Das Wettrüsten wird immer mehr“, sagt Ende. „Du musst eine brutale Mannschaft stellen, damit du mithalten kannst.“ Gerade deshalb bekommt eine Neuerung besondere Bedeutung: Ab der kommenden Saison führt die Bayernliga eine Lizenzierung ein. Die Vereine müssen künftig verschiedene Voraussetzungen erfüllen; nach Informationen unserer Zeitung betrifft das auch Kader und Kaderstruktur. Tobias Ende erwartet: „Das Wettrüsten wird ein bisschen eingedämmt.“

Mittlerweile tobt unter den Bayernligisten ein offener Konflikt

Bislang versuchten die Vereine selbst, Grenzen zu setzen. Ein Gentlemen’s Agreement beschränkte freiwillig die Zahl ausländischer Spieler. Die Idee: nicht jeden Rückstand mit zusätzlichen Verpflichtungen ausgleichen und damit eine Kostenspirale lostreten. Nur funktionieren Gentlemen’s Agreements eben nur, solange die Gentlemen sich einig sind. Burgau stieg als erstes aus, später folgte Schweinfurt, inzwischen auch Waldkraiburg und Dorfen. Der Bayerische Eissport-Verband zog eine eigene Grenze: Drei kontingentpflichtige Spieler dürfen gemeldet, zwei pro Partie eingesetzt werden. EU-Ausländer fallen nicht darunter. Inzwischen ist daraus ein offener Konflikt geworden. Sechs Vereine, darunter Peißenberg, traten öffentlich mit einer Erklärung auf. Nach Endes Angaben tragen elf Klubs die Maßnahmen mit. Gegen die vier Klubs verzichten sie bei Heimspielen auf den Gästetrainer in der Pressekonferenz und auf Drittelpausen-Interviews; auswärts bleiben die eigenen Coaches fern.

ESC Geretsried hält Boykott für das falsche Mittel

Geretsried macht nicht mit. Die River Rats kritisieren die Entwicklung ebenfalls, halten den Boykott aber für das falsche Mittel. Ihre Sorge: Die Debatte verengt sich auf die Herkunft einzelner Spieler. Tobias Ende weist diesen Eindruck zurück. Ausländische Spieler sind nicht das Problem. Der internationale Markt ist schlicht der schnellste Hebel, um kurzfristig Qualität nachzukaufen. Fällt ein Leistungsträger aus, lässt sich mit Geld rasch Ersatz finden. Einen guten deutschen Nachwuchsspieler kann man nicht ebenso einfach bestellen. Dort verläuft für Peißenberg die Trennlinie.

Peißenberg Miners setzen voll auf Nachwuchsarbeit

Der Verein hat seine Nachwuchsarbeit ausgebaut. Zwei Nachwuchskoordinatoren kümmern sich um die Altersbereiche, zusätzliche Eiszeiten wurden geschaffen. Die U20 wurde zuletzt Bayernliga-Meister. Nepomuk Rieger spielt inzwischen in der ersten Reihe der Ersten, Florian Riedel in der Verteidigung, Niklas Kienle in der dritten Formation. Weitere Talente sammeln in Forst Landesliga-Eiszeit. Cheftrainer Martin Schweiger arbeitet dreimal pro Woche als Co-Trainer bei der U20. Das kostet Zeit, manchmal Punkte. Einen 18- oder 19-Jährigen einzubauen bedeutet, Fehler auszuhalten. Einen fertigen Spieler zu verpflichten, ist bequemer. „Wir kompensieren das mit dem eigenen Nachwuchs. Wir möchten das“, sagt der Sportvorstand.

Jeder Qualitätssprung erhöht den finanziellen Druck auf die Klubs

Martin Schweiger sieht die Debatte aus Trainersicht. Ausländische Spieler erhöhen das Niveau, bringen Qualität für die Zuschauer und können junge Mitspieler besser machen. „Aber irgendwo sollte ein Riegel vorgeschoben werden“, fordert er. Kritisch sieht er Vereine, die wenig eigenen Nachwuchs entwickeln und Lücken mit fertigen Spielern schließen. Er arbeitete jahrelang im Nachwuchsleistungsbereich und weiß, wie schwer der Weg für deutsche Talente nach oben sein kann. Häufig brauchen sie länger. Vor allem brauchen sie Gelegenheit. Darin steckt der größere Widerspruch. Die Bayernliga will attraktiv sein, schnell, hochwertig, professioneller. Aber jeder Qualitätssprung erhöht den finanziellen Druck. Je leichter sich ein Problem einkaufen lässt, desto schwerer fällt es, einem jungen Spieler jene Zeit zu geben, die die Entwicklung benötigt.

Medienboykott soll Ablehnung der Vereine sichtbar machen

Der Medienboykott ist kaum mehr als ein Ausrufezeichen. „Machen kann man sowieso nichts“, sagt Ende. Die elf Klubs sehen ihn als einzige Möglichkeit, ihre Ablehnung sichtbar zu machen. Die eigentliche Entscheidung fällt ohnehin an anderer Stelle: Ab nächster Saison gibt es mit der Lizenzierung verbindlichere Leitplanken. Bis dahin bleibt Peißenberg bei seiner Antwort: Verletzte nicht reflexartig ersetzen, Nachwuchs hochziehen, Fehler akzeptieren. „Ich glaube, dass das die Zukunft ist“, sagt Ende. Es ist die langsamere Variante. Vielleicht auch die unbequemere. Aber genau darum dreht sich die Bayernliga: Wie viel ihrer Zukunft will sie einkaufen – und wie viel selbst ausbilden?