Fremdenhass
Bedrohte Migranten in Südafrika: Ausharren, solange es geht
Rund 200.000 Menschen haben das Land infolge der jüngsten fremdenfeindlichen Gewaltwelle verlassen. Wie aber ergeht es denjenigen, die bleiben?
Reportage
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Christian Putsch
aus Johannesburg
Donnerstags schließt Enock Nyirenda immer seinen Laden. Denn dann zieht die Bürgerbewegung "March and March" durch das Johannesburger Township Diepsloot und fordert Migranten wie ihn auf, Südafrika zu verlassen. Nyirenda möchte nicht erleben, wie die Demonstranten vor seinem Geschäft stehen und es verwüsten. Oder Schlimmeres.
Der 34-Jährige verkauft Nahrungsergänzungsmittel, die Fläschchen und Packungen stehen ordentlich in den Regalen. Ein chinesisches Unternehmen liefert die Produkte, Nyirenda berät Kunden und wirbt neue an, mal im Geschäft, mal zieht er von Tür zu Tür. Früher seien Menschen selbst aus anderen Provinzen zum Einkauf gekommen, sagt er. In guten Monaten habe sein Geschäft 30.000 Rand eingebracht, rund 1450 Euro.
Doch nun kommen kaum noch Kunden. Viele seien selbst Migranten und hätten Angst, sich im Township zu bewegen. Nyirenda wagt sich ebenfalls seltener hinaus. "Wenn man zu den Menschen geht, können sie sagen: Du bist ein Ausländer, was machst du hier?" Der Umsatz ist eingebrochen, die monatliche Ladenmiete von umgerechnet rund 100 Euro wird zum Problem.
Seit 2017 lebt der Malawier in Südafrika. In seiner Heimat bewirtschaftete er ein kleines Feld und verkaufte Lebensmittel. Zum Leben reichte es kaum. Zunächst arbeitete er in Südafrika als Gärtner, später auf Baustellen. Dauerhafte Aufenthaltspapiere bekam er nicht. Er ist illegal im Land und besticht nach eigenen Angaben Beamte an der Grenze, wenn er für einen Heimatbesuch einen Ausreisestempel braucht. Umgerechnet 30 Euro betrage der aktuelle Preis, sagt er.
Poröse Grenzen
Derartiges Staatsversagen frustriert viele Südafrikaner nachvollziehbarerweise, die Grenzen des Landes sind porös. Wie viele Menschen sich ohne gültigen Aufenthaltsstatus in Südafrika aufhalten, weiß niemand. Offizielle Statistiken erfassen insgesamt gut drei Millionen Einwanderer – etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Wie viele davon irregulär im Land leben, lässt sich nicht seriös bestimmen. Der Oppositionspolitiker Herman Mashaba sprach schon im Jahr 2020 ohne Belege von "15 Millionen undokumentierten Ausländern".
Doch in diesem Jahr erlebt das Land eine ungewöhnlich konzertierte Welle der Fremdenfeindlichkeit. Die selbsternannten Kontrolleure von Bewegungen wie "March and March" unterscheiden längst nicht immer zwischen Menschen mit und ohne Papiere. Sie tauchen an Arbeitsplätzen und vor Geschäften auf, verlangen Dokumente und fordern Vermieter oder Unternehmer auf, Ausländer hinauszuwerfen. Jenen, die das Land bis 30. Juni nicht verlassen würden, drohten sie zunächst unterschwellig mit Schlimmerem.
Knapp 200.000 afrikanische Migranten haben Südafrika seit Ende Mai verlassen. Die Zahl stammt aus Angaben ihrer Heimatländer und umfasst freiwillig Ausgereiste, staatlich unterstützte Rückkehrer und Abgeschobene. Allein Simbabwe registrierte mehr als 115.000 Rückkehrer, Malawi mehr als 56.000. Rund 19.000 Menschen wurden nach Angaben der südafrikanischen Behörden seit April formell deportiert. Die große Mehrheit ging demnach freiwillig – wobei "freiwillig" angesichts von Drohungen, Jobverlust und Angst ein dehnbarer Begriff ist.
"Mutter aller Proteste"
Doch das reicht den Aktivisten nicht, für den 30. September wurde eine neue Frist ausgerufen. Danach drohe die "Mutter aller Proteste". Rund 200 Menschen demonstrierten vor einigen Tagen in Durban bei einem Treffen der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika. Selten fiel der Fremdenhass in Südafrika auf derart fruchtbaren Boden. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 30 Prozent, besonders in Townships wie Diepsloot werden Migranten für Kriminalität, sinkende Löhne und überfüllte Krankenhäuser verantwortlich gemacht.
Noch sei niemand in seinen Laden eingedrungen, sagt Nyirenda. Doch Passanten hätten ihm bereits gesagt, er solle in sein Land zurückkehren. "Manchmal denke ich darüber nach, was sie eines Tages noch tun könnten", sagt er. Seine Frau will Südafrika verlassen. Die beiden Töchter, acht und drei Jahre alt, leben ohnehin bei Verwandten in Malawi.
Auch Nyirenda möchte zurück – aber noch nicht sofort. "Nur noch ein Jahr", sagt er. So lange brauche er, um genügend Geld zu verdienen und sich in Malawi eine neue Existenz aufzubauen. Im Moment könnte er sich nicht einmal die Busfahrt für sich und seine Frau leisten. Bleiben ist gefährlich geworden, zum Gehen fehlt das Geld.
In seinem Township im Norden Johannesburgs leben Hunderttausende Menschen zwischen gemauerten Häusern und Wellblechhütten. Wasserleitungen brechen, Stromkabel verschwinden, Arbeit ist knapp, der Staat kaum präsent. Für Migranten aus Simbabwe, Malawi und Mosambik ist Diepsloot dennoch traditionell eine der ersten Anlaufstellen. Die Mieten sind niedrig, Gelegenheitsarbeit findet sich angesichts der zentralen Lage leichter als anderswo.
Angst vor Möchtegern-Polizei
Auch Rodney Molae aus Simbabwe kam deshalb vor sechs Jahren hierher. Der 34-Jährige betreibt einen winzigen Computerladen. Er druckt Dokumente, gestaltet Grafiken, installiert Software und repariert Laptops. Vieles brachte er sich über das Internet bei. Schon sein Vater arbeitete hier als Lastwagenfahrer, seine Mutter als Haushaltshilfe. Als sie Simbabwe verließen, war Rodney zehn Jahre alt. Er blieb bei seinem Onkel und sah seine Eltern manchmal jahrelang nicht. Vor zwei Jahren kehrten sie endgültig heim, weil seine Mutter krank und sein Vater zu alt für die Arbeit geworden war.
Molae ging den umgekehrten Weg. In Simbabwe hatte er auf dem Feld gearbeitet. In Südafrika schleppte er zunächst auf Baustellen, dann half er in einem Geschäft. Irgendwann verstand er genug von Computern, um sich selbstständig zu machen.
Seine Eltern bitten ihn heute, zurückzukommen. Auch seine Frau will weg. Bis zum Jahresende möchte Molae sie und die beiden kleinen Söhne nach Simbabwe schicken. Er selbst will zunächst bleiben. Rund 7000 Rand nimmt sein Laden in einem normalen Monat ein, etwa 370 Euro. Nach Miete, Material und Reparaturen bleibt ihm nur die Hälfte – und doch weit mehr als in Simbabwe.
Im Gegensatz zu Nyirenda verfügt Molae nach eigenen Angaben über eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Bis das Dokument ausgestellt wird, trägt er eine Quittung der zuständigen Agentur bei sich. Vor staatlichen Kontrollen habe er deshalb keine Angst. Vor den Männern auf der Straße schon. Fünf Migranten wurden bei den aktuellen Unruhen bislang getötet, nur in einem Fall gab es Verhaftungen. "Wenn die Polizei an meine Tür klopft, kann ich meine Papiere zeigen", sagt Molae. "Aber was macht man, wenn irgendwelche Leute kommen?"
"Gemeinschaft muss handeln"
Sugar Shika lebt nur ein paar Straßen weiter. Der Aktivist trägt die Uniform eines privaten Sicherheitsdienstes und schützt Geschäfte vor Einbrüchen und Überfällen. Zugleich führt er den örtlichen Ableger von "March and March" an. Am Vortag seien rund 300 Menschen seinem Aufruf gefolgt, sagt er. Sie wollen, dass Migranten Diepsloot verlassen.
Shikas Begründung besteht aus jener Mischung aus tatsächlichen Problemen, Gerüchten und pauschalen Anschuldigungen, die Südafrikas fremdenfeindliche Bewegungen seit Jahren mobilisiert. Migranten nähmen Südafrikanern die Arbeit weg, verkauften Drogen und begingen Verbrechen. Ein Südafrikaner verlange für einen Arbeitstag 300 Rand, sagt Shika, ein Ausländer arbeite für 150. Dadurch drückten Migranten die Löhne für alle.
Wie viele Ausländer in Diepsloot leben, weiß er nicht. Erst schätzt er ihren Anteil auf 30 Prozent, dann auf 70 oder 80 Prozent. Dass diese Menschen Miete zahlen, einkaufen und damit die lokale Wirtschaft tragen, überzeugt ihn nicht. "Das interessiert mich nicht", sagt er.
Die Widersprüche scheinen ihn wenig zu stören. Shika lebt seit 25 Jahren in Diepsloot, gehört als Venda aber selbst einer sprachlichen Minderheit an und werde von Zulu manchmal ebenfalls als Fremder behandelt. Ob ihn das mit Migranten mitfühlen lasse? "Das ist mir egal." Ausgerechnet Shika bewacht zudem vier Geschäfte. Ob ihre Besitzer Südafrikaner oder Ausländer sind, wisse er nicht, sagt er.
Gewalt lehnt Shika offiziell ab. "Wir werden friedlich marschieren, bis wir gewinnen", sagt er. Zugleich will er seine Anhänger dazu bringen, die Dokumente von Migranten zu "überprüfen". Polizei und Behörden arbeiteten nicht richtig, manche Beamte nähmen Bestechungsgeld. Also müsse die Gemeinschaft handeln.
Macht und Aufmerksamkeit
Laut dem Migrationsforscher Loren Landau von der Johannesburger Universität Witwatersrand habe "March and March" sein wichtigstes Ziel erreicht: "Die Anführer haben Macht und Aufmerksamkeit gewonnen und das Thema auf die nationale Agenda gesetzt", sagt er. Seit den schweren Ausschreitungen von 2008, bei denen mehr als 60 Menschen getötet wurden, hätten lokale Gruppen vielerorts Aufgaben übernommen, die eigentlich dem Staat zukommen – manchmal als vermeintliche Bürgerinitiative bei der Kontrolle behördlicher Papiere, manchmal als Schutzgelderpresser.
Fast alle größeren Parteien hätten inzwischen Teile der Anti-Einwanderungsrhetorik übernommen. Angesichts der Kommunalwahlen verspricht die harte Linie Stimmen. Besonders gefährlich sei, dass staatliche Vertreter Bürger als "Augen und Ohren" der Polizei bezeichneten, sagt Landau. "Die Regierung hat diese Form der Bürgerkontrolle gebilligt oder zumindest zugelassen. Wenn Minister und Polizeichefs die Menschen als Augen und Ohren vor Ort bezeichnen, entsteht der Eindruck, lokale Gruppen dürften selbst überprüfen, wer sich im Land aufhalten darf." Wo Polizei und Verwaltung kaum präsent seien, füllten diese Gruppen das Vakuum.
Der Schaden lasse sich nicht allein an Angriffen oder Todesfällen messen, so Landau. Vermieter werfen Migranten hinaus, Unternehmer stellen sie vorsichtshalber nicht mehr ein, Kunden meiden ihre Geschäfte. Menschen würden so lange eingeschüchtert und wirtschaftlich isoliert, bis ihnen nur noch die Rückkehr bleibe.
Präsident Cyril Ramaphosa sagte zuletzt, Südafrika müsse sich für die Behandlung der Migranten "zutiefst schämen". Man könne auf regionalen Gipfeltreffen keine Integration predigen und auf den eigenen Straßen Ausgrenzung praktizieren. Zugleich verschärft seine Regierung die Kontrollen von Betrieben und Grenzen.
Sparen für den Neuanfang
Sugar Shika beeindrucken solche Warnungen nicht. Die Migranten seien nach Ablauf des Ultimatums nicht aus Diepsloot verschwunden. Deshalb werde seine Bewegung weitermachen.
Rodney Molae wird trotzdem weiter Computer reparieren. Seine Frau und die Kinder möchte er in Sicherheit bringen, selbst aber so lange wie möglich bleiben. Enock Nyirenda wird weiterhin seine Fläschchen und Packungen verkaufen – außer donnerstags, wenn die Demonstranten kommen.
Nur noch ein Jahr, sagt er noch einmal. Ein Jahr, um genug Geld für einen Neuanfang in Malawi zu verdienen. Vorausgesetzt, die Männer, die ihn vertreiben wollen, lassen ihm so viel Zeit. (Christian Putsch aus Johannesburg, 11.9.2026)
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