Begeistertes Publikum: Gruselige Euroclassic: „Nosferatu“ in Festhalle

Begeistertes Publikum Gruselige Euroclassic: „Nosferatu“ in Festhalle

Zweibrücken · Das Euroclassic-Festival steht heuer unter dem Motto „Die Goldenen Zwanziger“. Am Freitagabend wurde „Nosferatu“ von 1922 in Zweibrücken aufgeführt. Filmkomponist Stephan Graf von Bothmer spielte mit seiner Band eine eigene Partitur live zum Film. Das Publikum zeigte sich begeistert.

11.10.2026 , 21:14 Uhr

Gruselfilm, untermalt mit Gespenstermusik: Stephan Graf von Bothmer (links) spielte mit seiner Band live zum über 100 Jahre alten Stummfilm Nosferatu.

Foto: Foto: Sebastian Dingler

Wie der Name schon sagt, besaßen die ersten Filme als Stummfilme keinen Ton. Dialoge wurden entweder mit Bildtafeln eingeblendet oder von den Schauspielern mimisch dargestellt. Damit das Publikum im Kinosaal nicht ganz auf akustische Kunst verzichten musste, saß meistens ein Pianist im Kinosaal, der die Szenen musikalisch untermalte – zarte Weisen bei Liebesszenen, grollend-düstere Akkorde bei erhöhter Leinwanddramatik.

Große Kinoerfolge bekamen von Filmmusik-Komponisten sogar eigene Soundtracks verpasst – sowie auch das Grusel-Meisterwerk „Nosferatu“ von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahre 1922.

Bekanntermaßen beruht dieser auf dem berühmten und häufig verfilmten Dracula-Roman von Bram Stoker. Murnau konnte allerdings nicht den Original-Titel verwenden, weil seine Produktionsfirma nicht die Rechte an „Dracula“ besaß. Das führte zu einem verlorenen Urheberrechtsstreit mit Stokers Witwe und zur offiziellen Vernichtung jeglichen Filmmaterials.

Allerdings überlebten einige Kopien, sodass Nosferatu vom Filmmuseum München 1981 rekonstruiert werden konnte. Das ermöglichte auch die Teilnahme des Films am Euroclassic-Festival, das dieses Jahr ja schließlich unter dem Motto „Die Goldenen Zwanziger“ steht.

Statt der originalen Filmmusik von Hans Erdmann, für deren Aufführung man ein Orchester gebraucht hätte, war der Filmkomponist Stephan Graf von Bothmer mit seiner vierköpfigen Band gekommen. Die spielte eine eigene Partitur live zum Film. Von Bothmer bediente dabei den Flügel, einen Synthesizer sowie eine Maultrommel.

Zum Einstieg ins Konzert begleitete von Bothmer zwei kurze Stummfilm-Clips aus dem Bereich des Humors: Filmpionier Georges Méliès erzeugte da durch Schnitte die Illusion, dass Kleidungsstücke wie von Zauberhand wieder an den Körper eines Mannes zurückkehren, nachdem er diese verzweifelt ablegen will. Dazu die lustige Musik von Bothmer am Flügel – fertig war ein kurzes Stück Unterhaltung, das auch heute noch das Publikum zum Lachen brachte.

Ebenfalls so war das mit dem Ausschnitt aus Harold Lloyds „Safety Last“, in dem der Hauptdarsteller zu spät zur Arbeit kommt und deshalb beschließt, auf allen Vieren zu gehen, um die Aufmerksamkeit abzulenken. Ein paar schräge Sounds von der Maultrommel bewiesen, wie gut von Bothmer das Handwerk beherrscht, die gezeigte Emotion einer Filmhandlung musikalisch zu verstärken.

Bei Nosferatu war es natürlich die Aufgabe der Musik, den Grusel und die Dramatik zu untermalen. Von Bothmer brachte dazu die Sopranistin Fanny Rennert sowie Kristoff Becker (Cello) und Franz Bauer (Schlagzeug) auf die Bühne. Da gab es viel atonale „Gespenstermusik“ zu hören, Free Jazz und Synthesizer-Passagen, die an den deutschen Krautrock der Siebzigerjahre erinnerten. Sollte das etwa eine Referenz an Werner Herzogs Neuverfilmung des Stoffs von 1979 mit Klaus Kinski sein? Nein, meinte von Bothmer hinterher. Sein Synthesizer sei sehr modern, aus dem Jahr 2020; mit dessen Einsatz habe er die Jetztzeit und die damalige Zeit zu verbinden gehofft. Aber natürlich habe er als 1971 Geborener auch sehr gerne die Musik der Siebziger gehört.

Abgesehen davon wurden die Zuhörer gelungen in die Goldenen Zwanziger versetzt. Den Grusel verstärkte das Quartett mit klagendem Gesang, tiefem Piano und bedrohlichem Gewummer vom Cello sowie Geraschel vom Schlagwerk. Wollte man etwas kritisieren, dann vielleicht, dass recht früh und heftig auf die Dramatik-Tube gedrückt wurde, sodass da am Ende keine Steigerung mehr möglich war.

Das Publikum zeigte sich hochbegeistert: Da gab es euphorische Jubelrufe und langen Applaus.

Zuschauerin Eva Scherer sagte hinterher, sie habe zum ersten Mal die Dracula-Geschichte so richtig verstanden: „Das lag vor allem an der Musik.“ Beeindruckt war sie auch von der „unglaublichen Mimik“ der Filmdarsteller. Thomas Zäh aus Gersheim meinte, er habe bislang immer nur Ausschnitte von Nosferatu gesehen und fand jetzt den kompletten Film „grandios“. Die Musikgestaltung sei zusätzlich „fantastisch“ gewesen. Sie habe viel von der Emotionslage des Hauptdarstellers herauskitzeln können. Er werde jedenfalls, wie von Bothmer es von der Bühne aus gewünscht hatte, viel Werbung für das Anschauen des Stummfilms machen. Auch seine Begleiterin Nicole Allgayer fand den Film großartig: „Dass damals die Leute schreiend aus dem Kino gelaufen sind, kann ich mir gut vorstellen.“ Die Musik habe den Gruseleffekt toll verstärkt. „Sehr variantenreich“ empfand Roland Schuler die Darbietung der Band. „Die haben alle Register gezogen mit Maultrommel und Synthesizer.“