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Wir müssen über das Hologramm in Taylor Swifts Wohnung reden. Gemeint ist ihr 2024er Deep Cut „Chloe or Sam or Sophia or Marcus“, in dem die Singer-Songwriterin mit der Eröffnungszeile „Your hologram stumbled into my apartment / Hands in the hair of somebody in darkness“ das faszinierende Bild einer alten Flamme beschwört, die längst in jemand Neuem versunken ist.
2024 als Teil der erweiterten Version ihres elften Albums veröffentlicht, hat sich „Chloe or Sam or Sophia or Marcus“ zu einem echten Fanfavoriten entwickelt – obwohl der Song als Track 20 von 31 tief in „The Tortured Poets Department: The Anthology“ vergraben ist. Es ist ein niederschmetterndes Stück über die Heimsuchung durch eine nie wirklich gelebte Beziehung, die mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt. Und jetzt erlebt der Song seinen Moment.
In den vergangenen Wochen haben immer mehr Fans online ihre Zuneigung zu „Chloe or Sam or Sophia or Marcus“ bekundet – mit spürbaren Folgen für die Streamingzahlen. Zwischen dem 18. und dem 25. September verzeichnete der Track laut Luminate einen Anstieg der US-On-Demand-Streams um 37 Prozent. Die durchschnittlichen Tagesstreams kletterten von rund 48.600 auf 60.900 – ein Plus von etwa 25 Prozent. Der tatsächliche tägliche Spitzenwert von 70.000 Streams ist zwar kein Rekord, schon gar nicht gemessen an den Megahits der Superstar-Skala, doch für einen Swift-Track, der in seiner Debütwoche nur Platz 36 der Billboard Hot 100 erreichte, ist das ein bemerkenswerter Sprung. „Chloe or Sam or Sophia or Marcus“ war nie auf kommerziellen Erfolg ausgelegt – nicht mit all dieser gequälten Energie über Geister, wilde Pferde und das ewige Was-wäre-wenn. Der Song ist eher ein Slow Burn, ein Gesprächsstarter für alle, die sich dem totalen emotionalen Zusammenbruch via Aaron-Dessner-produziertem Klavier bereitwillig hingeben.
Bald Ann Dowd macht den Anfang
Das neu erwachte Interesse am Track ist zu einem guten Teil einer ganz bestimmten Online-Stimme zu verdanken, die den emotionalen Katharsis-Faktor des Songs instinktiv versteht: Bald Ann Dowd. Ja, richtig gelesen. So heißt der Account – und das Social-Media-Alter-Ego – der New Yorkerin Alison Sivitz, die damit der preisgekrönten Schauspielerin gleichen Namens huldigt und sogar ein bearbeitetes Foto der echten Ann Dowd mit Glatze als Profilbild führt. Was vor ein paar Jahren als Nischenwitz im Internet begann, ist inzwischen fester Bestandteil der Popkultur: Prominente wie Rachel Zegler und Charli XCX posteten ihre Begeisterung für Bald Ann Dowd. Anfang dieses Jahres interviewte Sivitz sogar die echte Dowd.
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Sivitz postet für ihre 70.000 Follower über alles Mögliche – Filme, neue Musikveröffentlichungen oder schlicht Memes. In den vergangenen Wochen konnte sie allerdings nicht aufhören, über Swifts „Chloe or Sam or Sophia or Marcus“ zu schreiben. Zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung hatte der Bald-Ann-Dowd-Account den Track auf X knapp 30 Mal thematisiert und sechs TikTok-Videos dazu gedreht. Die Posts reichten von witzigen Reaktionsclips bis zu ihrer eigenen Interpretation der Lyrics: „If you just watched it happen and I couldn’t watch it happen then who the hell just stumbled into my apartment.“ Die Posting-Frequenz war so hoch, dass sich einige Follower per DM besorgt bei Sivitz meldeten. „Guys I appreciate the wellness check dms but I promise you I am not sad. This song makes me feel like I could run through a wall. It’s like sicko mode to me“, schrieb die Creatorin auf X – und verglich den düsteren Song damit mit Travis Scotts Hit von 2018.
Sivitz‘ Besessenheit hat sich seitdem auf X und darüber hinaus wie ein Virus verbreitet. Andere Accounts – von Stan-Accounts bis zu ganz anderen Ecken des Internets – haben den Song ebenfalls aufgegriffen. „Twitter hat mir die Augen geöffnet für den schieren Schmerz und die Depression, die dieses Meisterwerk verkörpert“, schrieb ein X-User – interessanterweise ein My-Chemical-Romance-Fanaccount. „Bringing the hologram that stumbled into my apartment to my job interview“, tippte ein anderer. Ein TikTok-Video, in dem jemand weinend mitsang, sammelte 2 Millionen Aufrufe. Natürlich repostete Bald Ann Dowd den Clip.
Swifts Songwriting auf Höchstniveau
Was ist es an „Chloe or Sam or Sophia or Marcus“, das Hörerinnen und Hörer dazu bringt, in seiner Melancholie zu treiben? Nun, der Song ist ein Paradebeispiel für Swifts meisterhaftes Songwriting: In drei Minuten destilliert sie die gesamte gespenstische Geschichte, die „Tortured Poets“ im Kern antreibt. Dazu kommt eine typisch swiftsche Bridge, die sich aufbaut und aufschaukelt, bis sie mit dem beiläufig grausamen Eingeständnis bricht: „Too impaired by my youth to know what to do.“ Bald Ann Dowd fasst es so zusammen: „If you ever catch me in this situation genuinely just kill me.“
Nachdem Swift „The Life of a Showgirl: The Encore“ zu gemischten Kritiken veröffentlichte, blicken Fans mit neuer Zuneigung auf „TTPD“ zurück – und schätzen die poetischen Texte im Vergleich zu den vier neuen Bonustracks des „Encore“ umso mehr. Swifts elftes Album war schon immer ein „Choose-your-own-adventure“ mit mehr als genug Songs zum Wiederentdecken, Sezieren und Verlieben. Auch „Guilty As Sin“, keine Single, wurde erst Monate nach der Albumveröffentlichung zum gefeierten Fan-Liebling.
Überhaupt wurden in Swifts riesigem Katalog immer wieder Deep Cuts lange nach ihrer Erstveröffentlichung neu entdeckt. „Right Where You Left Me“ von „Evermore“ und „Clean“ von „1989“ fallen einem da ein, ebenso „All Too Well“ von „Red“ und „Cruel Summer“ von „Lover“ – Letztere wurden nach dem anhaltenden Fan-Support sogar zu kommerziellen Hits. Es ist unwahrscheinlich, dass „Chloe or Sam or Sophia or Marcus“ jemals das Radio dominieren oder die Chartspitze erklimmen wird. Aber der Song bekommt endlich die Anerkennung, die er verdient. You just watched it happen.