Stand: 05.10.2026, 22:55 Uhr
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Seit Jahrzehnten geht der Bierkonsum in Deutschland zurück. Trotzdem ist die kleine Witzenhäuser Brauerei Schinkels auf Wachstumskurs. Warum? Ein Ortsbesuch.
Seit 50 Jahren kennt der Bierdurst der Deutschen nur eine Richtung: steil nach unten. Wurden 1975 gut 150 Liter pro Kopf und Jahr getrunken, waren es im vergangenen Jahr nur noch 84 Liter. Der Grund: Die Menschen werden gesundheitsbewusster, älter und wohl auch ein Stück vernünftiger. Ist es da nicht eine Schnapsidee, aufs Bierbrauen zu setzen? „Nein“, sagt Fabio Schinkel und lacht. „Bei uns läuft’s.“ Seit geraumer Zeit kennen seine Geschäftszahlen nur eine Richtung: steil nach oben.
Genau genommen hat sich die Produktion des Witzenhäuser Familienbetriebs seit 2019 verdreifacht. Was macht Schinkels anders als die anderen Brauereien?
Ein sonniger Mittwoch im September. Die letzte Kirmes des Jahres, erzählt Fabio Schinkel bei einem Pott Kaffee, stehe zwar noch bevor. „Aber danach werden wir erst mal durchatmen.“ Die Verschnaufpause kann der 31-Jährige gut gebrauchen. In diesem Jahr hat er zusammen mit seiner Schwester Sarah Schinkel nicht nur für das leibliche Wohl auf Dutzenden Volksfesten in der Region gesorgt, sondern auch noch einen Biergarten am Werraufer in Witzenhausen übernommen und ein Brauhotel in der Kirschenstadt hergerichtet.
Braumeister: „Verstehen uns als Dienstleister rund ums Bier“
All das ist bereits eine Antwort auf die Frage nach dem Erfolgsrezept. „Wir sind nicht nur eine Brauerei, sondern verstehen uns als Dienstleister rund ums Bier“, sagt Fabio Schinkel. Die Verbundenheit mit der Region sei ein Markenzeichen, fügt Sarah Schinkel hinzu, die von „Erlebnissen und Emotionen“ spricht. Wenn sie Besucher durch die Brauerei führe, so die 36-Jährige, staune mancher: „Oh, ihr habt ja noch eine Gaststätte.“

Was die Schinkels auch haben: Expertise beim Brauen und inzwischen 21 verschiedene Getränke. Darunter zahlreiche alkoholfreie Sorten und die Limonade „Wiz Limo“, womit wir bei Teil zwei des Erfolgsrezepts wären. „Alkohol hat einen schweren Stand“, sagt Fabio Schinkel, der seine Prüfung zum Braumeister in Berlin abgelegt hat.
Während der Corona-Pandemie, als das für die Brauer wichtige Geschäft mit der lokalen Gastronomie im Zuge von Lockdowns und Kontaktverboten weitgehend zum Erliegen kam, habe man sich Gedanken über ein zweites Standbein gemacht. „Da kamen wir auf Wiz Limo“, so Schinkel.
Erfolgsgeschichte „Wiz Limo“: Limonaden und alkoholfreie Biere liegen im Trend
Los ging es mit den Geschmacksrichtungen Kirsche – „natürlich wegen Witzenhausen“ –, Orange und Zitrone. Heute gehören auch Cola, Mische und das Trendgetränk Mate, eine in Großstädten beliebte Limo auf Basis des koffeinhaltigen Matetees aus Südamerika, zum Angebot. Zu kaufen gibt es die Getränke unter anderem in Edeka-, Rewe- und Tegut-Märkten im Kreis Göttingen und im Werra-Meißner-Kreis. Billig sind die Softdrinks mit 1,89 Euro für eine 0,33-Liter-Flasche allerdings nicht.
Bier ist ein hochemotionales Produkt, mit dem die Leute sehr viel verbinden.
Aber was ist das Besondere am Bier? Und kann Schinkels damit die Lücke füllen, die das Aus der Baunataler Traditionsbrauerei Hütt im vergangenen Jahr gerissen hat? „Für die Region ist es schade, dass Hütt aufgeben musste“, sagt Fabio Schinkel. „Bier ist ein hochemotionales Produkt, mit dem die Leute sehr viel verbinden.“ Vor allem ihre Kasseler Gäste, berichtet Sarah Schinkel, sagten immer wieder: „Das neue Hütt schmeckt anders.“

Klar ist aber auch: Mit einer Jahresproduktion von 8000 Hektolitern – zwei Drittel Bier, ein Drittel Limo – zählen die Witzenhäuser zu den Kleinen der Branche. Zum Vergleich: Die Einbecker Brauerei setzt pro Jahr rund 400.000 Hektoliter ab. Darauf angesprochen sagt Fabio Schinkel: „Unsere Ressourcen sind endlich.“
Brauerei setzt auf Events: Großteil der Mitarbeiter arbeitet in Gastro
Zudem arbeite der Großteil der rund 70 Beschäftigten in der Gastro-Sparte des Unternehmens, schenkt Bier auf der Kirmes aus oder kellnert auf Hochzeiten oder Firmenfeiern. Davon zeugen diverse Bieranhänger, die rund um die Brauerei parken. Einer davon zeigt eine Art Bier-Stammbaum mit Sorten von Scotch Ale bis Böhmisches Pilsener. In der Mitte steht: „Bierfalt – finde deinen (Bier-)Stil.“

Womit wir bei Teil drei des Erfolgsrezepts wären: der Vielfalt. „Schon mein Vater hat auf Indian Pale Ale geschworen“, erzählt Fabio Schinkel. Vor 30 Jahren seien die eher bitteren Sorten mit fruchtigem Hopfengeschmack hierzulande nahezu unbekannt gewesen. Rainer Schinkel, der die Brauerei 1997 gründete und zuvor Braumeister bei der damaligen Göttinger Brauerei war, habe mit IPAs experimentiert. „In unserem Sudhaus, wo es unser Bier in der Anfangszeit ausschließlich gab, blieb aber Pils die Nummer eins“, erzählt Sohn Fabio. Das sei bis heute so. Das Pils mache etwa die Hälfte des Gesamtabsatzes aus.
Hessens erste Bio-Brauerei: Mit Uni Kassel tüftelte man an Öko-Zertifizierung
Ein weiterer Meilenstein in der jungen Firmengeschichte sei ein Projekt mit der Universität Kassel im Jahr 2001 gewesen. Zusammen mit Agrarwissenschaftlern am Campus Witzenhausen habe man an der Umstellung auf Bio getüftelt. „Auf einmal waren wir Hessens erste Bio-Brauerei“, so Schinkel. Die Hälfte der Produktion entfalle heute auf Bio-Biere, die es unter anderem in den Sorten Pils, Weizen und Bock gibt. Auch die Wiz Limo trägt das Ökosiegel.

2005 trennte man Gastronomie und Brauerei, auch die Braukessel wurden größer, erzählen die jungen Brauer, die 2014 ins Geschäft einstiegen. „Damals füllten wir noch von Hand ab“, erinnert sich Sarah Schinkel – „200 Flaschen pro Stunde“. Beim Rundgang durch die Brauerei zeigt sie die neue Abfüllanlage. „Die schafft 2500 Flaschen.“ Das klingt nach viel, ist im Vergleich zu einer mittelständischen Brauerei aber nur ein Bruchteil.
Doch statt sich mit Warburger oder Einbecker zu vergleichen, wirken die Geschwister Schinkel zufrieden mit dem, was sie aufgebaut haben. Die wichtigste Frage zum Schluss: Was ist ihr Lieblingsbier? „Pale Ale“, sagt Sarah Schinkel. „Im Sommer Weizen, im Winter Pale Ale“, sagt Bruder Fabio. Aber weil man ja selbst als Brauer nicht dauernd Bier trinken kann, darf es auch mal eine Wiz Limo sein. Welche? „Zitrone“, sagen beide.